Nicht nur die Not macht erfinderisch, sondern auch bloße Langeweile: Weil das Ballspielen auf Schiffen nicht erlaubt ist, entsann man sich Anfang des 20. Jahrhunderts einer Alternative zum Zeitvertreib. Anstelle eines Balles, der von Deck rollen könnte, warf man sich beim „Deck-Tennis“ einen Ring zu.
Unter der Bezeichnung „Ringtennis“ existiert der Sport bis heute. Mitte der 1920er hatte der damalige Karlsruher Bürgermeister, Hermann Schneider, auf einer Fahrt von New York Begegnung mit dem Schiffsspiel und es anschließend deutschlandweit bekannt gemacht. Über den Status einer Randsportart kam es freilich nie hinaus. So unbekannt der Sport mit etwa 1000 aktiven Spielern ist, so erfolgreich schneiden deutsche Spieler im internationalen Vergleich ab: Bei der ersten Ringtennis-Weltmeisterschaft, die 2006 in Indien stattfand, gingen alle Titel an das deutsche Team.
Kondition und Technik
Melanie Böttcher gewann Gold im Team-Wettbewerb. Vor acht Jahren kam sie erstmals mit dem ungewöhnlichen Sport in Kontakt, Freunde hatten sie darauf aufmerksam gemacht. „Man braucht eine Weile, bis man den Dreh raus und die richtige Technik drauf hat“, erinnert sie sich an ihre ersten Wurf- und Fangversuche auf dem Ringtennis-Parkett. Im Prinzip gebe es zwei Spielertypen, erklärt Böttcher: „Die einen fangen gut, die anderen sind im Werfen besser.“
Ein Moosgummiring, etwa 2500 Gramm schwer, wird mit einer Hand möglichst so über das Netz geworfen, dass der Gegner ihn nicht fangen kann, bevor er auf dem Boden aufkommt. Das Feld ist etwas kleiner als beim Badminton. „Laufen muss man trotzdem“, sagt Melanie Böttcher. Kondition sei bei einem zwanzigminütigen Ringtennisspiel folglich auch genauso wichtig wie eine gute Fang- und Wurftechnik.
Schnell, mit Drall und knapp hinter das Netz
Die Regeln sind einfach zu erlernen: Der Ring muss nach dem Verlassen der Hand steigen, darf also nicht von oben geschmettert werden. Der Abwurf muss eine flüssige Bewegung sein, ein angetäuschter Wurf ist ungültig. Außerdem sind pro Spielzug zwei Schritte erlaubt, abspielen darf man den Ring nicht. „Idealerweise fängt man in der Luft, springt nach vorne und wirft in der Luft wieder ab.“
Bei der Weltmeisterschaft habe man gemerkt, dass jede Nation ihre eigene Spielweise habe, sagt Melanie Böttcher. Die 28 Jahre alte Biologin gerät ins Schwärmen, wenn sie über das Turnier in Indien spricht. „Die indische Mannschaft spielt auf Schnelligkeit und Kraft. Da wird der Ring zur Frisbee-Scheibe.“
Die deutschen Spieler legen mehr Wert auf taktische Ausrichtung und Zielgenauigkeit. „Wir versuchen, den Gegner in eine Fehlstellung zu bringen und spielen dann einen schnellen Ring mit Drall, knapp hinter das Netz.“ Welche Spielweise ist effektiver? „Wir haben gewonnen“, lacht Melanie Böttcher.
Ringtennis-Sommermärchen
Die Nationalmannschaften aus Südafrika und Indien erwiesen sich als die härtesten Konkurrenten. Außerdem gingen Brasilien, Pakistan, Bangladesch und Gastgeber Indien an den Start. Im Modus Alle-gegen-alle spielten die acht Nationen gegeneinander. Die Punkte wurden addiert, eine K.O.-Runde gab es genauso wenig wie ein Finale. Der Atmosphäre tat dies keinen Abbruch. „In Indien hat Ringtennis einen anderen Stellenwert“, berichtet Melanie Böttcher. „Die Weltmeisterschaft lief live im Fernsehen. Und in der Halle herrschte eine faszinierende Atmosphäre, ein Wahnsinnserlebnis!“
Mit Deutschland sei dies nicht zu vergleichen. Bei der PSG Mannheim spielt Melanie Böttcher in der Regel vor einer Handvoll Zuschauer, wenn sich die sechs Bundesligavereine einmal pro Monat treffen. Dabei sei Ringtennis der breiten Bevölkerung durchaus bekannt. „Vor allem ältere Leute kennen es noch, früher war Ringtennis ja ein beliebter Schulsport.“
Ab dem 31. Juli könnte die Popularität hierzulande weiter zunehmen, wenn Koblenz Gastgeber der zweiten Weltmeisterschaft ist. „Dass wir an die Stimmung aus Indien anschließen, glaube ich nicht“, sagt Melanie Böttcher. Die Vorfreude auf ein Ringtennis-Sommermärchen ist dennoch groß. Ob sie selbst dazu beitragen wird, weiß Böttcher noch nicht. „Die Qualifikation für uns Spieler ist in der heißen Phase, jeweils sechs Frauen und Männer sind dabei. Eine Weltmeisterschaft im eigenen Land ist natürlich ein Highlight - auch für eine aktuelle Weltmeisterin.“
