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Polo Nobel, hart - und schmutzig

27.09.2011 ·  Über Polo existieren viele Klischees. Manche stimmen, manche nicht. In Hamburg versuchen sich die besten Deutschen an der Sportart.

Von Michael Wittershagen, Hamburg
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© Klassisch englischer Pferdesport Polo: Die Spielidee allerdings stammt aus Persien

Die Platzwunden in seinem Gesicht bedeuteten noch den geringsten Schmerz. Viel schlimmer waren der Armbruch, die Rippenbrüche oder der Bruch des Schlüsselbeins. Was klingt wie die Leiden eines Kampfsportlers, sind die bisherigen Verletzungen von Christopher Winter, einem der besten Polo-Spieler in Deutschland. „Es ist beinahe schon ein Vollkontakt-Sport, bei uns geht es richtig zur Sache“, sagt der Vierzigjährige. Mit Tempo sechzig galoppieren die Spieler auf ihren Pferden über die Rasenfelder, beschleunigen den kleinen Kunststoffball mit enormen Schlägen auf bis zu 150 Kilometer pro Stunde, sie drängen den Gegner immer wieder ab und denken vor allem an das nächste Tor. Das amerikanische Magazin „Sports Illustrated“ führt Polo in der Liste der gefährlichsten Sportarten auf Platz zwei - direkt hinter der Formel 1.

Es ist einer der ersten Herbsttage des Jahres in Hamburg, es ist kalt und nass, und trotzdem sind wieder viele zum Training nach Osdorf gekommen. Sie tragen Helme mit Gesichtsschutz, haben sich Protektoren um die Knie und Ellbogen geschnallt, und auch die Beine der Pferde wurden bandagiert. „Du darfst einfach keine Angst haben“, sagt Christopher Winter. Und dann reiten sie los, vier in jeder Mannschaft, und spielen auf unbewachte Tore. Polo ist ein Angriffsspiel, das macht es so rasant und gefährlich. Vor zehn Jahren hat sein Bruder Thomas die Polo-Schule im Westen der Hansestadt gegründet, der Zweiundvierzigjährige ist der beste Spieler der Republik, niemand lässt es hierzulande harmonischer aussehen, wenn er auf dem Pferderücken Jagd auf den weißen Ball macht.

Nur knapp 300 Aktive sind von Sylt bis München gemeldet. Polo ist eine Randsportart und Deutschland im internationalen Vergleich nicht mehr als ein Entwicklungsland. Noch nie hat sich die Nationalmannschaft für die Weltmeisterschaft qualifiziert. „Aber genau das ist unser Ziel“, sagt Christopher Winter. Seit dem vergangenen Wochenende kämpfen er (Handicap +3) und sein Bruder Thomas (+5) gemeinsam mit Sven Schneider (+3) und Moritz Gödicke (+3) in der Toskana um den großen Traum. Doch in den Play-offs setzte es am Sonntag bereits die zweite Niederlage beim 5:17 gegen Gastgeber Italien. Am Vortag gab es bereits eine 6:16-Niederlage gegen England. Damit hatten sie allerdings schon vor der Partie gerechnet. Die Briten spielen in einer anderen Liga, Polo wird dort in den Colleges trainiert, sechzig Männer standen zur Auswahl für den königlichen Kader. „Mit denen können wir uns nicht vergleichen“, sagt Christopher Winter.

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© Einer unter wenigen: Christopher Winter ist einer von knapp 300 Aktiven zwischen Sylt und München

Die Engländer waren es auch, die 1859 den ersten Polo-Klub der Welt gegründet haben. Die Spielidee allerdings stammt aus Persien und soll bis etwa 600 v. Chr. zurückreichen. Erst viele Jahrhunderte später entdeckte es die britische Kavallerie, brachte Polo nach Europa und arbeitete an einem eindeutigen Regelwerk. Von 1900 bis 1936 war Polo sogar mehrmals eine olympische Disziplin. An den kolonialen Ursprung erinnern heute nur noch die Polo-Helme, die deutlich breiter sind als normale Reitkappen. Und Polo hat längst Einzug gehalten in die Upper Class der britischen Gesellschaft, Prinz Charles lernte seine Frau Camilla während eines Turniers kennen.

Das ist schon eher der Stoff, aus dem in Deutschland die Geschichten sind, die um Polo kreisen und zumeist in Klatschblättern abgedruckt werden. Zu viele Klischees existieren. Polo ist gleichbedeutend mit Sylt und Champagner; Polo, das ist der Sport der Schönen und Reichen. Betrieben von Leuten, die sich selbst zur Elite zählen und viel lieber unter sich bleiben wollen. „Ja, das sagt man eben so, weil sich das ganz gut anhört. Polo wird noch immer mit dem ganzen Society-Kram verglichen“, sagt Christopher Winter. „Zuschauer im Anzug und schicken Kleidern - das ist es, was man von außen sieht. Aber der Sport ist extrem hart und extrem schmutzig. Du bist dreckig, wenn du vom Platz kommst, und man riecht nach Pferd und Schweiß.“ Christopher Winter nennt all das ein „Erlebnisaroma“, und es gibt genug Unternehmen, die genau in diesem Umfeld werben wollen. Exklusive Uhrenhersteller, edle Automarken oder private Geldinstitute zählen zu den Hauptsponsoren von Turnieren.

Tierschützer kritisieren die Gefahren fürs Tier

Doch Polo ist nicht unumstritten, Tierschützer kritisieren diesen Sport immer wieder. Sie sagen, dass die ständigen Drehungen und Tempowechsel den Knochen und Sehnen der Pferde schaden. Und auch die Schläger können zu einer Gefahr für die Tiere werden. So traf beispielsweise bei den Argentinien Open 2006 ein Schlag das Pferd des weltweit besten Polo-Spielers, des Argentiniers Adolfo Cambiaso, derart unglücklich am Bein, dass es brach. Der Hengst musste eingeschläfert werden. Offenbar eine Ausnahme. „So etwas kommt so gut wie nie vor“, sagt Christopher Winter. „Die Regeln sind zu neunzig Prozent zum Schutz des Pferdes ausgelegt und nicht des Spielers“, sagt er. Ein Beispiel: Fällt der Reiter, geht die Begegnung weiter. Fällt das Pferd, stoppt der Schiedsrichter die Partie und ein Tierarzt kommt auf das Feld und untersucht es.

Hinter den Polo-Feldern in Hamburg-Osdorf ragen Betontürme sozialen Wohnungsbaus in den Himmel. Es ist kein einfacher Stadtteil, der Kontrast könnte größer kaum sein. Doch für die Winters war es der beste Standort für ihre Polo-Schule. Für diesen Sport benötigten sie schließlich jede Menge freie Flächen, die Spielfelder sind weitaus größer als ein Fußballplatz. Zudem sollte das Gestüt im Zentrum der Hansestadt beheimatet sein, damit die Klientel für ihre Leidenschaft nicht so weit raus auf das Land fahren muss. Das war der Plan von Thomas Winter. An einem Tag Ende der neunziger Jahren ging er deshalb gemeinsam mit Albert Darboven in die Luft und hielt Ausschau nach sattem Grün. Durch sein Kaffeeimperium ist Darboven zum Millionär geworden, bis 2003 spielte er Polo, und diese Leidenschaft verbindet ihn mit den Winters. Als sie damals aus ihrer Cessna schauten, sahen sie das Gelände in Osdorf. Es war der Beginn ihres Projektes. Heute stehen 120 Pferde in den Boxen, 80 Sportler sind gemeldet. Gemeinsam mit dem Hamburger Polo Club von 1898 macht die Anlage die Hansestadt zum Zentrum des deutschen Polosports.

Demut des Spielers

Die Stars der Szene allerdings stammen aus Argentinien. Cambiaso ist in Südamerika beinahe so ein Nationalheld wie Lionel Messi, als einer der wenigen weltweit führt er das maximale Handicap von +10 hinter seinem Namen. Doch Experten sind sich sicher, dass er auch +14 erreichen könnte, würde die Skala nicht vorher enden. Wenn der Sechsunddreißigjährige spielt, lässt er es aussehen wie einen Tanz hoch zu Pferde. „Adolfo ist unglaublich“, sagt Nicolas Verdun. Dabei besitzt er selbst zumindest für Hamburger Verhältnisse ein beeindruckendes Talent, hat Handicap +3 und kann seine Fähigkeiten in Deutschland zu Geld machen. Immer wieder kommt der Sechsundzwanzigjährige in den Sommermonaten nach Hamburg, trainiert die Pferde gutsituierter Männer, pflegt sie und tritt mit ihren Besitzern an den Wochenenden zu Turnieren an. Einige Polo-Spieler haben zwar jede Menge Geld, aber wenig Zeit und auch nicht so viel Talent. Einer wie Verdun kann ihnen helfen.

Dabei gibt es auch Spieler, die alles alleine machen. Heinrich Dumrath ist einer von ihnen. Gerade einmal 18 Jahre alt, hat er schon ein Handicap von +2 und ist einer der besten Spieler der Republik. Einer, der ohne Pferdepfleger auskommt und so fünfmal in der Woche schon vor der Schule nach seinen Tieren schaut. „Natürlich ist das anstrengend“, sagt er. „Aber es geht eben nicht anders.“ Christopher Winter sagt, dass der Junge vielleicht genau deshalb so gut geworden ist. Er spricht von Demut. Davon, die Pferde und den Sport jedes Mal aufs Neue wertzuschätzen. Etwas, das in dieser Polo-Welt offenbar nicht immer und überall selbstverständlich ist.

Polo - wie geht das eigentlich?
Spieler
: Zwei Mannschaften mit jeweils vier Spielern treten gegeneinander an. Jeder von ihnen besitzt ähnlich wie beim Golf ein Handicap, die Skala reicht von -2 (Anfänger) bis +10 und wird jedes Jahr neu bestimmt.

Spiel: 300 Yards (rund 275 Meter) mal 200 Yards (rund 183 Meter) misst ein Polo-Feld, das damit beinahe drei Mal so groß ist wie ein herkömmlicher Fußballplatz. Die Pfosten der beiden Tore stehen rund acht Yards (7,2 Meter) auseinander. Ein Spiel ist in verschiedenen Abschnitte unterteilt, die so genannten Chucker. Eines von ihnen hat 7,5 Minuten reine Spielzeit, bei Unterbrechungen wird die Uhr durch den Schiedsrichter angehalten. Nach jedem Torerfolg ändern die Mannschaften die Spielrichtung.

Ausrüstung: Neben einem Pferd für jedes Chucker und Schutzkleidung benötigt der Spieler vor allem einen Schläger, den so genannten Stick. Dieser besteht zumeist aus Bambus oder Weidenholz und darf nur in der rechten Hand geführt werden - auch von Linkshändern. Je nach Größe von Pferd und Reiter sind die Sticks zwischen 122 und 137 Zentimeter lang. Das Endstück, mit dem der Ball geschlagen wird, heißt „Zigarre“. Die Bälle, traditionell aus gepresstem Bambus, bestehen heute zumeist aus Kunststoff.

Kosten: Ein Pferd für den Anfang gibt es ab 5000 Euro, hinzu kommt die monatliche Miete für die Box von rund 500 Euro und hin und wieder das Honorar für den Tierarzt (rund 100 Euro). Wer allerdings professionell spielen möchte, muss mehr ausgeben. Ein gut ausgebildetes Polo-Pferd kostet rund 20.000 Euro - und davon braucht man dann mindestens vier.

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Jahrgang 1981, Sportredakteur.

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