30.10.2009 · Maya Gabeira ist die beste Surferin der Welt. Wenn sie sich am Strand von Ipanema blicken lässt, interessiert sich für die Frauen im knappen Bikini niemand mehr, berichtet Solveig Flörke.
Von Solveig Flörke, Rio de JaneiroIhr Tag beginnt vor Sonnenaufgang am Computer. Im Internet checkt Maya Gabeira die Wettervorhersagen für die nächsten Tage, überall auf der Welt. Türmen sich irgendwo Wellen in der Größe fünfstöckiger Gebäude auf, dann fliegt sie mit ihrer Trainingsgruppe sofort dorthin. Maya Gabeira ist die Superfrau des Surfens. Als einzige professionelle Surferin reitet die Brasilianerin bis zu 14 Meter hohe Wellen, die Big Waves. Zum dritten Mal in Folge hat sie in diesem Jahr den „XXL Big Wave Award“ für Frauen gewonnen.
Es kann passieren, dass sich für die Frauen im knappen Bikini am Strand von Ipanema niemand mehr interessiert – wenn nämlich Maya Gabeira zu Besuch kommt. Sie trägt ihr pinkfarbenes Surfbrett lässig unter dem Arm, macht Witze mit alten Bekannten, winkt begeisterten Fans zu und gibt Autogramme. Die 22 Jahre alte Extremsportlerin kommt aus Rio de Janeiro und verbrachte bis vor fünf Jahren jeden Tag hier in der Surfschule von Arpoador. Eigentlich sollte sie weiterhin Ballett-Stunden nehmen, aber in der Pubertät hatte sie darauf keine Lust mehr. Mit 13 Jahren rebellierte sie gegen ihre Eltern, die sich damals scheiden ließen, zog von der Mutter zum Vater – und zurück.
Den Wellen hinterherreisen
Zum Surfen kam sie eher zufällig. Eigentlich wartete sie am Strand auf ihren damaligen Freund. Wie viele brasilianische Jugendliche war er schon Surfer und verbrachte Stunden im Wasser. Maya Gabeira hatte das Rumsitzen im Sand satt, besorgte sich selbst ein Brett und meldete sich in der benachbarten Surfschule an. Ihr Freund wurde zum ehemaligen Freund, aber die Liebe zum Surfen blieb. Ein Jahr später ging sie nach Australien, mit 17 zog sie alleine ins Surferparadies Hawaii, wo sie auch heute noch lebt. Dort surft sie mindestens zweimal am Tag. „Doch das reicht nicht, um vorne dabei zu sein. Du musst den Wellen hinterherreisen.“
Alleine im vergangenen Jahr trainierte sie zehnmal vor den Stränden Südafrikas und Indonesiens, sie flog nach Tahiti, Costa Rica, Australien und in die Vereinigten Staaten. Von ihren Reisen um die Welt bringt sie ihrer Mutter Yamê Reis immer etwas mit. „Ihre Wohnung ist voll von meinen Mitbringseln“, sagt Maya Gabeira. Sie selbst sammelt Surfbretter, hat immerhin schon 15 Stück, alle in ihrer Lieblingsfarbe Rosa, die meisten von einem Hersteller, der zu ihren Sponsoren gehört.
Ihre Eltern sterben tausend Tode vor Angst
Ihre größte Sammlung sind jedoch die Narben. Dutzende Male brach sie sich ihr Nasenbein, einmal musste sie ein Training am Strand von Dungeons in Südafrika unterbrechen, weil ein weißer Hai immer wieder unter ihrem Surfbrett schwamm. Vor vier Jahren schlug sie sich auf der Insel Sumatra den Kopf auf. Die Wunde musste auf einem Boot von einem anderen Surfer genäht werden. „Ich bekam Fieber, mir war übel, und ich habe mich fünf Tage nicht bei meinen Eltern gemeldet.“ Und das ist ungewöhnlich für sie, denn normalerweise ruft sie täglich bei ihrer Mutter an, die nach wie vor in Rio lebt. „Meine Eltern sterben tausend Tode vor Angst, dass ich wieder einen Unfall haben könnte. Aber ich glaube, dass mir nichts richtig Schreckliches passieren wird. Und wenn doch, dann ist das eben Schicksal.“
Obwohl ihr Vater Fernando Gabeira Abgeordneter für die Grünen in Brasiliens Hauptstadt ist, will Maya Gabeira nicht viel von Politik wissen. Lieber hält sie Distanz, hat bis heute nicht einmal das berühmte Polit-Buch „O que é isso, companheiro“ ihres eigenen Vaters gelesen. „Als ich Lust dazu hatte, war bei uns im Haus gerade kein Exemplar da“, erzählt sie freimütig. Im vergangenen Jahr verlor Fernando Gabeira knapp die Wahl zum Bürgermeister von Rio de Janeiro. Spannender als seine berufliche Gegenwart ist die Vergangenheit. Auch Maya wird immer wieder daran erinnert, denn Fernando Gabeira darf seine Tochter auf Hawaii nicht besuchen. Wegen der Entführung des amerikanischen Botschafters Charles Elbrick als Mitglied einer Untergrundgruppe während der Militärdiktatur darf Gabeira nicht mehr in die Vereinigten Staaten einreisen. Damals wurde er angeschossen, festgenommen und später als einer von 40 inhaftierten Oppositionellen gegen den ebenfalls entführten deutschen Botschafter Ehrenfried von Holleben ausgetauscht. Nach Jahren im Exil arbeitete Gabeira als Journalist und war im Wendejahr 1989 Berlin-Korrespondent für die renommierte brasilianische Tageszeitung „Folha de São Paulo“.
Ihr Deutsch hat sie wieder vergessen
Zurück aus Berlin, besuchte Maya Gabeira in Brasilien einen deutschen Kindergarten und ging später in die deutsche Schule. Eine Kostprobe Deutsch gibt es aber nicht, sie habe alles wieder vergessen. Stattdessen hält sie instinktiv Ausschau nach guten Wellen und blickt mit zusammengekniffenen Augen gegen das grelle Sonnenlicht immer wieder hinaus aufs Meer. Was ist für sie die perfekte Welle? „Die, die mich trägt.“
Obwohl es ihren Eltern am Anfang sehr schwer fiel, haben sie sich nie gegen die Entscheidungen ihrer Tochter gestellt. Oft mussten sie sich anhören, zu fahrlässig zu sein, einem Mädchen solche waghalsigen Übungen zu erlauben. „Sogar die Rettungsschwimmer von Hawaii waren besorgt, als sie zum ersten Mal eine Siebzehnjährige gesehen haben, die auf die Riesenwellen zugeschwommen ist“, erinnert sich ihre Mutter. Heute ist es selbstverständlich, dass Maya Gabeira beim sogenannten tow-in per Jet-Ski zur richtigen Ausgangsposition gezogen wird.
Angst in Adrenalin umwandeln
Nach und nach gewann sie auch die Anerkennung der Rettungsschwimmer und der erfahrenen Profi-Surfer. Ihr brasilianischer Kollege Carlos Burle, der 2001 die größte bisher registrierte Welle überhaupt ritt, empfindet für die Newcomerin viel Respekt: „Sehr oft ist sie im Meer die einzige Frau unter uns Männern.“
Ist sie am richtigen Punkt der Welle angelangt, geht es mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 60 Kilometern in der Stunde steil bergab . „Ein gigantischer Moment“, sagt Maya Gabeira. „Ich versuche immer, meine Angst in Adrenalin umzuwandeln und mich nicht von ihr kontrollieren zu lassen. Durch die Angst passen wir besser auf, sind aufmerksamer und erreichen dadurch ein höheres Niveau in dem, was wir tun.“
60 Kilogramm bei 1,68 Metern Körpergröße
Über den Moment des Eintauchens, wenn die Welle über einem zusammenbricht, sagt sie: „Depois se toma uma vaca“, im portugiesischen Fachjargon der Surfer. „Das fühlt sich an, als ob man im Schleudergang einer Waschmaschine mitdrehen würde“, sagt sie mit dem faszinierten Gesichtsausdruck eines Kindes, das an die damit verbundenen Gefahren überhaupt nicht denkt. „Erst nach 30 Sekunden unter Wasser schaffst du es, dich wieder an die Oberfläche zu kämpfen.“
Anders als viele ihrer Kollegen kann Maya Gabeira gut vom Surfen leben. Seit dem ersten Gewinn des „XXL Big Wave Award“ vor drei Jahren ist sie bestens im Geschäft – nicht nur der sportlichen Erfolge wegen. Ihr hübsches Gesicht und der durchtrainierte Körper sind Gabeiras Kapital, das draufgängerische Verhalten einer unbändigen Rebellin ihr jugendwirksames Image. Diese Kombination schätzen ihre Sponsoren und Werbekunden. Dementsprechend genau ist die junge Athletin mit ihrer Figur. Um 60 Kilogramm bei 1,68 Metern Körpergröße zu halten, fährt sie täglich Fahrrad, hebt Gewichte und macht Yoga. Damit ist ihr Tag verplant, viel Zeit für Freunde und Familie bleibt nicht. Zu heiraten oder gar Kinder zu bekommen kann sie sich noch nicht vorstellen – „in der Zukunft vielleicht“. In jedem Fall will sie weitersurfen: „Auch mit 90 Jahren, falls ich dann noch leben sollte.“
Big Waves
Werner Laude (subh)
- 30.10.2009, 19:56 Uhr
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Spiros Dionisis (serotonin)
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