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Behinderten-Radsportler gedopt Zweimal positiv, einmal verweigert

23.06.2011 ·  Mario Hammer, Weltmeister im Sprint, sieht sich als Opfer einer Sabotage. Zweimal ist der an einer Hand behinderte Radsprinter positiv getestet worden. „Aber ich habe nie was bewusst eingenommen. Ich bin mir keiner Schuld bewusst.“

Von Ralf Meutgens und Anno Hecker
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Mario Hammer hat keine Ahnung. Jedenfalls kann er sich keinen Reim darauf machen, wie das „Zeug“ in seinen Körper gekommen ist: Testosteron, der Klassiker unter den Doping-Mitteln. „Das weiß doch jedes Kind“, sagt Hammer, „dass man das nicht nimmt.“ In seinem Urin haben Doping-Fahnder die Abbauprodukte des männlichen Sexualhormons entdeckt. Zweimal ist der an einer Hand behinderte Radsprinter im Frühjahr positiv getestet worden. „Stimmt“, sagte Hammer auf Anfrage, „aber ich habe nie was bewusst eingenommen. Ich bin mir keiner Schuld bewusst.“ Der Deutsche Behindertensport-Verband (DBS) hat sein Urteil im sportjuristischen Prozess allerdings schon gefällt. Hammer ist nach zwei positiven und einer als „verweigert“ eingeschätzten Kontrolle zwischen dem 28. Februar und dem 12. März 2011 für zwei Jahre gesperrt worden. Noch hat er die schriftliche Fassung des Urteils nicht erhalten. Deshalb ist es nicht rechtskräftig. Aber Hammer weiß schon, wie er reagieren will, wenn die Post angekommen ist. Mit der Keule: „Ich werde mit meinem Anwalt beraten, ob ich zivilrechtlich dagegen vorgehe.“

Er fühle sich wie erschlagen, sagt Hammer. Nach London wollte er, zu den Olympischen Spielen der Behinderten (Paralympics), und dort in seiner Disziplin Medaillen sammeln. Beim Sprint über 1000 Meter auf der Bahn ist er eine Größe der Radsport-Klasse C5. Dort starten Athleten mit kleinen Behinderungen. Hammer war 1991 bei einem Unfall die Hand abgerissen und wieder angenäht worden. Er stieg trotzdem wieder aufs Rad, strampelte sich mit den muskelbepackten Beinen, Tag für Tag, Woche für Woche an die Spitze. Der inzwischen 43-jährige Berliner wurde mehrmals deutscher Meister und zweimal Weltmeister (2006/07). Der Traum vom nächsten Höhepunkt - geplatzt. Hammer wird aus dem Rennen genommen, die Sporthilfe wird ihm die Unterstützung streichen und eine Jahreszahlung zurückverlangen können. Eigentlich steht Hammer vor dem Ende seiner Karriere: „Wenn ich bewusst gedopt hätte, dann würde ich sagen, okay, das war es, in meinem Alter. Aber so nicht, jetzt erst recht.“ Weil ihm Unrecht widerfährt?

Warum? „Weiß ich nicht“

Hammer beklagt das Los des Individuums im Kampf gegen die Institutionen. „Ohne die Analyseprotokolle, die mich 500 Euro kosten würden, kann ich doch gar nichts machen“, sagt Hammer, bevor er die vom Kölner Anti-Doping-Labor ermittelten Werte seiner Proben erwähnt: „10,2 und 18,9, das ist extrem hoch.“ Gemessen wird bei der Analyse das Verhältnis von Testosteron zu Epitestosteron. Übersteigt es den ohnehin großzügig angesetzten Grenzwert von 4:1 und liegt keine Krankheit vor, dann ist eine exogene Zufuhr wahrscheinlich. Hammer lag also um das Zweieinhalb- bis mehr als das Viereinhalbfache darüber.

Warum? „Weiß ich nicht. Vielleicht die Tiere in Italien, das verseuchte Fleisch.“ Es gibt allerdings keine vergleichbaren Fälle, nur die Warnungen, bei Besuchen in China oder Mexiko könne Fleischgenuss zu Rückständen des im Sport verbotenen Kälbermastmittels Clenbuterol führen. Hammer hat noch eine andere Version im Angebot: „Vielleicht hat mir jemand den Sattel eingeschmiert mit Testosteronsalbe.“ Und dann die Fahnder auf ihn gehetzt? „Ich bin jedenfalls regelrecht gejagt worden.“

Hammer sieht sich als Opfer

Das stimmt. Und vermutlich ist es die einzig erfreuliche Erkenntnis dieses traurigen Falles: Hammer hat offenbar nach einem gezielten Hinweis Besuch von Doping-Kontrolleuren bekommen. „Bei der WM musste ich zur Kontrolle, obwohl ich Sechster geworden war. Ist das nicht komisch?“ Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) und der Internationale Radsport-Verband verweigern zwar Angaben zu ihren Fahndungs-Strategien. Nach Informationen dieser Zeitung soll aber ein über Hammer gut informierter Funktionär des DBS einen entsprechenden Hinweis gegeben haben. Das ist im Radsport ein ungewöhnlicher Vorgang. Er erklärt zwar nicht, wie es zu den positiven Kontrollen gekommen ist, belegt aber das konsequente Vorgehen des DBS.

Hammer sieht sich als Opfer. Er sei gegen Doping, beteuert er zum Ende des Gesprächs, als es um die Systematik von chemischer Manipulation ging, um die Frage, ob man sich als einzelner Spitzensportler nach einer Sozialisation in einem DopingUmfeld so leicht herausziehen kann, wenn sich keine andere berufliche Perspektive anbietet. „Seien wir ehrlich“, fügt Hammer hinzu, „wenn ich ein junger Profi wäre und man mir eine Million Euro Gehalt bieten würde, welche Wahl hätte ich dann?“

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Jahrgang 1964, Sportredakteur.

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