Der Präsident kam eigens aus London eingeflogen, um die gute Nachricht zu verkünden. Es ging um eine Erhöhung der Medaillenprämien für die deutschen Athleten bei den Paralympischen Spielen, die an diesem Mittwoch in der britischen Metropole beginnen. Doch weil es irgendwo eine undichte Stelle gegeben hatte, war die Neuigkeit schon vor Friedhelm Julius Beucher in Deutschland eingetroffen. So blieb dem ersten Mann im Deutschen Behindertensportverband (DBS) am Dienstag in Frankfurt nur, die bestmögliche Miene zum bösen Spiel in Form einer medialen Vorabmeldung zu machen und auf seine eigene Verschwiegenheit in dieser Sache zu verweisen.
Die gute Nachricht blieb freilich auch mit Verspätung eine gute - zumindest, wenn man die Zahlen als solche betrachtet. 7500 Euro zahlen der DBS und die Stiftung Deutsche Sporthilfe für eine Goldmedaille, 5000 Euro für eine silberne und 3000 Euro für Bronze. 2008 in Peking hatte sich die Staffelung noch etwas bescheidener ausgenommen: 4500 - 3000 - 1500. Die Steigerung verdankt sich der Akquise eines potenten Förderers durch die Sporthilfe: die Bundesliga-Stiftung der Deutschen Fußball Liga (DFL). „Top-Leistungen verlangen auch Top-Wertschätzung, und da sind wir einen Schritt weitergekommen“, sagte Beucher dazu.
Dass der Schritt einigen jedoch noch lange nicht genügt, hatte Beucher am Vortag, noch in London, vernehmen können. Zwei der prominentesten deutschen Paralympioniken nämlich, Ilke Wyludda und Wojtek Czyz, hatten den Gute-Laune-Grüß-Termin beim Abflug in Frankfurt zu ein paar grundsätzlichen Bemerkungen zum Thema Geld und Gleichbehandlung genutzt. Beide beklagten, dass die behinderten Athleten trotz aller wohlfeilen Worte zum Thema Inklusion noch immer benachteiligt seien.
„Der Behindertensport hat in Deutschland leider Gottes immer noch nicht den Stellenwert, den er verdient“, sagte Ilke Wyludda, die Diskus-Olympiasiegerin von 1996, die infolge einer Infektion den rechten Unterschenkel verloren hat und erstmals bei den Paralympics startet. Und auch wenn sie ebenso wie Czyz betonte, dass es dabei nicht zuvorderst ums Geld, sondern um Anerkennung gehe, drehte sich vieles um die Summen, die im Raum stehen. „Das können sie sich sparen, so lange es nicht 15.000 Euro sind“, ließ Czyz, der viermalige Paralympics-Sieger, via „Bild“-Zeitung ausrichten, als er von den neuen Zahlen Kenntnis bekam.
15.000 Euro - das ist nicht zufällig genau die Summe, die ein Olympiasieger bekommt. Pünktlich zum Auftakt der Spiele von London steckt der deutsche Behindertensport damit mal wieder in einer schon oft geführten, emotional aufgeladenen und daher nur schwer aufzulösenden Debatte. Ist ein Sieg bei den Paralympics genauso viel wert wie einer bei den Olympischen Spielen? Lässt sich das überhaupt angemessen mit Geld ausdrücken?
Beucher, bei anderer Gelegenheit auch schon mit egalitären Forderungen in Erscheinung getreten, gab sich diesmal eher politisch-moderat und stellte - wie auch Sporthilfe-Chef Michael Ilgner - die zunehmende Angleichung in den Vordergrund. Tatsächlich haben sich die Paralympics-Prämien seit Sydney 2000 mehr als verfünffacht, während die Olympia-Summen stabil geblieben sind. Auf die heftige Kritik von Czyz reagierte Beucher denn auch mit diplomatischem Schweigen - dem man unschwer ein gewisses Maß an Missbilligung entnehmen konnte.
Medialer Fehlstart
Wenn es nach Beucher und der Sporthilfe geht, soll die Diskussion nach den Spielen von London sowieso ganz anders geführt werden. Er kündigte eine „Generaldebatte“ darüber an, ob Prämien „noch zeitgemäß“ seien oder ob man die Förderung nicht noch stärker als bisher auf die Dauer einer Karriere und darüber hinaus ausrichten solle. Zumindest in dieser Hinsicht bewegt sich der Behindertensport also auf gleicher Höhe wie der olympische Sport, dessen Fördersystem nach dem mäßigen Abschneiden in London bereits auf dem Prüfstand steht. Das Thema duale Laufbahn jedenfalls hat auch Beucher ganz oben auf die Agenda gesetzt.
Die Prämiendebatte mochte alles in allem also ein zumindest medialer Fehlstart des deutschen Behindertensports in die Spiele von London gewesen sein. Was den Erlebniswert und die Atmosphäre betrifft, konnte Beucher Athleten und Besuchern indes Großes versprechen. Nicht nur, dass 2,4 Millionen der 2,5 Millionen Tickets verkauft sind und die Paralympics damit zum ersten Mal in ihrer Geschichte auf ein „ausverkauft“ zusteuern - darüber hinaus hat manche Beobachtung in seinen bisherigen Londoner Tagen gehörigen Eindruck bei Beucher hinterlassen. So etwa die Werbetafeln, auf denen die Paralympics den Olympischen Spielen ganz unbescheiden für das gelungene „Aufwärmprogramm“ danken. Oder eine Demonstration im Rollstuhl-Basketball unter der Kuppel der St.-Pauls-Kathedrale, die sogar den Bischof hingerissen habe.
Wenn nicht alles täuscht, werden die rund 4200 Athleten an den elf Wettkampftagen bis zum 9. September tatsächlich Paralympische Spiele in einer neuen Dimension erleben. Das gilt natürlich auch für die 150 deutschen Sportler, die bei der Eröffnungsfeier an diesem Mittwoch von der Schwimmerin Daniela Schulte ins Olympiastadion geführt werden. Den Prämien und ihrer Höhe dürften dort oder auf dem Podest mit einer Medaille um den Hals nicht die ersten Gedanken gelten - wenn denn überhaupt.