In London ist in diesen Tagen viel von einem Deutschen zu hören und zu lesen. Ludwig Guttmann heißt der Mann, dem eine Ausstellung im Jüdischen Museum gewidmet ist und über dessen bewegtes Leben die BBC kürzlich einen Fernsehfilm zeigte. An diesem Mittwoch werden in der englischen Hauptstadt die 14. Paralympischen Sommerspiele eröffnet. Und Guttmann, geboren 1899 im schlesischen Ort Tost, 1939 vor den Nationsozialisten nach England geflohen und 1980 dort gestorben, gilt als Erfinder der Weltspiele für Menschen mit Behinderung.
Als Leiter des Zentrums für Rückenmarksverletzungen am Krankenhaus von Stoke Mandeville in Buckinghamshire setzte er sich dafür ein, den Sport zu einem Kernbestandteil der Rehabilitationsmaßnahmen zu machen. Im Jahr 1948 organisierte er die ersten Spiele von Stoke Mandeville - am selben Tag, an dem die Olympischen Spiele in London eröffnet wurden.
Die Paralympics in London sind also eine Heimkehr des Behindertensports zu seinen Wurzeln. Und zugleich eine Erinnerung an das, woraus er hervorgegangen ist. Guttmann nämlich hatte es in seinem Krankenhaus vor allem mit Kriegsversehrten zu tun, seine Spiele waren Wettbewerbe, die verwundeten Soldaten helfen sollten, in ein möglichst normales Leben zurückzufinden.
Das alles ist heute kaum noch vorstellbar, wenn man das mediale Hochglanz-Spektakel sieht, das die Paralympics vor allem in diesem Jahrtausend geworden sind. Peking vor vier Jahren war in dieser Entwicklung ein Höhepunkt, und London verspricht nicht nur in der Erwartung von Sir Philip Craven, dem Präsidenten des Internationalen Paralympischen Komitees, eine weitere Steigerung.
Kriegsverwicklung als Vorteil
Und doch ist die Vergangenheit nicht unter Staub verschwunden. Auch heute ist der Krieg in der Paralympischen Welt präsent: Länder wie die Vereinigten Staaten oder England haben schon seit längerem umfangreiche Versehrtenprogramme für ihre in Afghanistan oder im Irak verwundeten Soldaten aufgelegt. Auch der Deutsche Behindertensportverband und das Bundesverteidigungsministerium arbeiten an entsprechenden Plänen. Daran ist nichts Schlechtes, im Gegenteil: Der Sport tut hier auch im 21. Jahrhundert einen guten Dienst. Und man muss gewiss nicht an dergleichen denken, wenn Oscar Pistorius vor 80.000 begeisterten Zuschauern im Olympiastadion auf seinen Carbonprothesen dem Ziel entgegenstrebt.
Es ist nur so, dass sich vor diesem Hintergrund das eilfertige Zählen von Medaillen mehr noch als bei Olympischen Spielen als problematische Angelegenheit erweisen kann: wenn die Bilanz nicht nur Ausdruck der Sportlichkeit einer Gesellschaft oder ihrer Fördermaßnahmen ist. Sondern jene Staaten einen Vorteil genießen, die in kriegerische Auseinandersetzungen verwickelt sind.