David Behre, 25, gehört zum Team der deutschen Leichtathleten bei den Paralympics in London. Als beidseitig Unterschenkelamputierter tritt er in derselben Startklasse (T43) und über dieselben Strecken (100, 200 und 400 Meter) an wie Oscar Pistorius, der in diesem Jahr als erster Prothesenläufer bei Olympia für Aufsehen sorgte. Anders als Pistorius, dessen Beine infolge eines Gendefekts amputiert wurden, als er elf Monate alt war, geht Behres Behinderung auf einen Unfall zurück: 2007 wurde der damals Zwanzigjährige an einem Bahnübergang in seiner Heimatstadt Moers vom Zug erfasst. 2008 begann er bei Bayer Leverkusen mit dem Leistungssport, inzwischen hält er den deutschen Rekord über 100 Meter (11,66 Sekunden) sowie Europarekorde über 200 (23,14) und 400 Meter (51,40).
Gab es bei den Olympischen Spielen in London einen besonderen Moment, der Sie stark beeindruckt hat?
Als Oscar das erste Mal im Startblock saß, wie er sich gefreut hat - das hat mich beeindruckt. Für ihn war es alles, da mitzulaufen. Auch als Kirani James nach dem Halbfinallauf seine Startnummer mit Oscar getauscht hat.
Sie sind wie er beidseitig unterschenkelamputiert, laufen über dieselben Strecken. Ist Ihnen der Läufer Pistorius näher als alle anderen?
Ich kenne ihn ja ganz gut, deshalb habe ich mich auch so für ihn gefreut. Weil er wirklich ein ganz sympathischer Kerl ist, gar nicht abgehoben.
Manche sagen, dass es ein bisschen extrem ist, wie stark er an seiner Vermarktung arbeitet.
Natürlich hat er sich gut vermarktet und verdient einen Haufen Geld damit. Aber er ist auch der Erste mit Prothesen, der so etwas geschafft hat. Darauf sind natürlich dann auch die Medien heiß. Da wird dann zwar auch viel negativ geschrieben, Stichwort Technodoping, aber auch negative Schlagzeilen sind ja für die Vermarktung gut. Und wie gesagt: Er ist wirklich ein sehr netter Zeitgenosse.
Bei der WM im vergangenen Jahr in Christchurch wurden Sie über 400 Meter Zweiter hinter Pistorius. Was ist bei Ihren ersten Paralympics drin?
Ideal wäre es, wenn ich eine Medaille mitnehme. Darauf schiele ich schon ein bisschen.
Kann es auch Gold sein, oder ist der Abstand da noch zu groß?
Da ist Oscar zu weit entfernt, in Neuseeland waren es drei Sekunden. Ich hatte außerdem im Winter eine schwere Verletzung, mein Meniskus war gerissen, danach habe ich auch noch eine Knieinfektion bekommen und musste noch vier Mal operiert werden. Deshalb konnte ich das ganze Wintertraining nicht mitmachen und habe erst im März begonnen. Aber ich bin schon wieder auf dem Niveau, auf dem ich in Neuseeland war, und hoffe, dass ich noch ein bisschen zulegen kann.
Warum ist der Unterschied so groß?
Es ist natürlich so, dass viele auf mich zukommen und sagen: Du bist auch doppelt unterschenkelamputiert und hast diese Karbonfedern, wieso läufst du nicht so schnell? Aber viele vergessen einfach, dass Oscar fast von Geburt an amputiert ist und damit nichts anderes gewohnt ist. Dadurch hat er einfach einen Vorsprung.
Ist das nur eine Frage der Übung?
Nein. Er kann auf den Stümpfen quasi laufen, sie voll belasten. Das könnte ich nie, da würde mein Knochen durch die Haut kommen. Bei ihm sitzt der Stumpf direkt in der Prothese auf, bei mir geht es darum, möglichst wenig Endkontakt zwischen Stumpf und Prothese zu haben.
Im Behindertensport wird immer über den technischen Fortschritt und die daraus resultierenden Vorteile gesprochen. Wie ist das bei Ihrem Material?
Das ist weitgehend das gleiche geblieben. Ich habe nur gewechselt, weil die Federn mit der Zeit weicher werden. Dann nimmt man neue, aber die sind eigentlich komplett gleich.
In London ist Pistorius als erster amputierter Läufer bei Olympischen Spielen angetreten. Die Diskussion, ob das richtig ist oder ob er durch seine Prothesen einen Vorteil genießt, war noch einmal sehr heftig. Können Sie die Argumente seiner Gegner verstehen?
Für mich ist es so: Biomechaniker haben das untersucht, es gibt ein Gutachten, wonach er keinen Vorteil hat. Deshalb ist es ja auch beim Sportgerichtshof so durchgegangen. Ich finde es gut, dass ein Behinderter da mitläuft. Da wird gezeigt, dass die Behinderten das Gleiche vollbringen können wie die Nichtbehinderten.
Es gab aber auch Gutachter, die zu einem anderen Schluss gekommen sind. Gibt es aus Ihrer Sicht wirklich eine eindeutige Antwort?
Ich kann das aus meinen Empfindungen schildern. Beim Start hat man einen ganz, ganz großen Nachteil, weil man mit einem Sprunggelenk wesentlich explosiver aus dem Startblock kommt als mit Federn. Da ist ja erst mal keine Energie drin, die sind starr. Man braucht schon 30, 40, 50 Meter, bis die Kraft irgendwann auch aus der Feder zurückkommt. Das erfordert schon mehr Kraft als bei einem Nichtbehinderten. Dann ist es auch so, dass die Kurven extrem viel Kraft kosten. Wir können nicht einfach unser Sprunggelenk in die Kurve drehen, wir rotieren viel mit der Hüfte in die Kurve rein. Oscar hat seinen Laufstil so perfektioniert, dass er am Ende einen ziemlich großen Schritt laufen kann. Und da hat er dann wieder einen Vorteil. Über die 400 Meter, für die auch das Gutachten gemacht wurde, hebt sich das ungefähr auf. Obwohl man das natürlich nie ganz genau sagen kann.
Es ist also von Strecke zu Strecke unterschiedlich: Auf 100 Metern überwiegt der Nachteil?
Auf jeden Fall.
Jetzt gibt es auch behinderte Leichtathleten, die eine andere Meinung vertreten. Ihre Teamkollegin Vanessa Low zum Beispiel hält es für ungerecht, dass Pistorius bei den Nichtbehinderten startet, weil es einfach nicht vergleichbar sei. Deshalb die Nachfrage: Ist es wirklich so eindeutig, oder ist es letzten Endes doch etwas, was vielleicht gar nicht bis ins letzte Detail zu klären ist?
Das Laufen kostet einfach viel Kraft. Der Oberschenkel ermüdet schneller als bei einem Nichtbehinderten, weil die Belastung nicht übers ganze Bein verteilt ist. Bei jedem Sprintschritt, den man macht, kommt eine Tonne Druck auf den Körper. Da muss man viel Stabilitäts- und Krafttraining machen, damit das von der Muskulatur kompensiert wird. Irgendein Schlaffi würde sich da die Bandscheiben, die Knie, alles kaputtmachen. Viele stellen sich immer vor, dass wir uns einfach in Sportprothesen reinstellen und furchtbar schnell laufen können. Aber so ist das nicht. Das ist ein ganz langer Weg. Bevor ich überhaupt angefangen habe, in die Sprintprothese zu gehen, habe ich ein halbes Jahr nur Kraft und Stabilisation gemacht. Dazu kommt, dass das ja ganz normale Haut ist an dem Stumpf. Die reißt schnell, und das ist wirklich auch schmerzhaft. Da muss man auch vom Kopf wollen. Man muss ab und zu doch über den Schmerzpunkt gehen.
Die Olympischen Spiele sind für viele, gerade in den kleineren Sportarten, die einzige Gelegenheit, mal vor einem großen Publikum anzutreten, im Behindertensport sind die Paralympics für die meisten die einzige Gelegenheit, überhaupt mal ein Publikum zu haben. Sind die Paralympics der Motor für den Behindertensport schlechthin?
Auf jeden Fall. Es entsteht immer so ein Hype im paralympischen Jahr. Und ich hoffe, dass dieser Hype dann mal bleibt und vier Jahre herübertransportiert wird nach Rio. Und dass nicht wieder, wie nach Peking, abrupt alles abgebrochen wird und über den Behindertensport gar nichts mehr zu lesen und hören ist. Dafür ist Oscar auch als Aushängeschild so wichtig.
Was lässt Sie daran glauben?
Es ist zumindest so, dass der Behindertensport immer mehr am Kommen ist. Alles wird professioneller, deshalb werden auch die Leistungen besser. In Neuseeland zum Beispiel sind im 200-Meter-Finale alle unter 24 Sekunden gelaufen. Das gab es vorher noch nie. Und wir bekommen immer mehr Sponsorenanfragen. Ich kann mich voll auf den Sport konzentrieren, um mich wirklich perfekt vorzubereiten.
Leverkusen ist, was das betrifft, sicher ein besonderer Standort. Wie viele Behindertensportler kommen in den Genuss einer solchen Professionalisierung, von solchen Bedingungen?
In Leverkusen bin ich der Einzige, der nur Sport macht. Aber es haben viele andere auch sehr gute Sponsoren und können auch davon leben.
Wie sieht Ihr Trainingsalltag aus?
Ich trainiere zwei Mal am Tag: zusammen mit Heinrich Popow in einer Nichtbehinderten-Sportgruppe mit den Olympia-Frauen. Sich mit den Mädels zu messen, das ist schon was.
Inklusion ist ein großes Thema, nicht nur im Behindertensport. Fühlen Sie das bei sich verwirklicht?
Ja, das wird da gelebt. Wir machen genau die gleichen Sachen wie die Frauen. Wir lernen von denen, und die lernen auch von uns. Das finde ich einen guten Ansatz. Nicht die Behinderten einfach in ihre eigene Sportgruppe zu packen, sondern zu mischen. Als ich angefangen habe, bin ich bei den gemeinsamen Tempoläufen erst mal hinterhergelaufen. Jetzt heißt es, komm David, lauf vor, mach mal schön Tempo. Das gibt einem ein gutes Gefühl.
Die Olympischen Spiele sind unheimlich schwer zu erreichen, weil die Dichte so hoch, die Auslese so hart ist. Wie ist das im Behindertensport, den ja viel weniger Menschen betreiben. Wie schwer ist der Weg zu den Paralympics für einen sportlichen Typ, der infolge eines Unfalls eine Behinderung erleidet und sich dann für den Leistungssport entscheidet?
Es ist insgesamt sicher ein bisschen leichter, zu den Paralympics zu kommen als zu den Olympischen Spielen. Bei den Läufern aber, gerade bei den Amputierten, ist es wirklich schwer. Da muss man wirklich sehr, sehr aufwendig trainieren und es auch vom Kopf her wollen. Man muss erst mal über den Schmerz mit den ersten Prothesen rüberkommen.
Fast ausverkauft Die Paralympics in England, die vom kommenden Mittwoch an bis zum 9. September stattfinden werden, sind so etwas wie eine Heimkehr. 1948 fanden am Tag der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele von London die Stoke-Mandeville-Spiele für Rollstuhlfahrer statt - der Ausgangspunkt für die späteren paralympischen Spiele. Im Krankenhaus von Stoke Mandeville hatte der Arzt Ludwig Guttmann zum Ende des Zweiten Weltkriegs ein Zentrum für Rückenmarksverletzungen eröffnet und später die Idee der Spiele initiiert. Ihm ging es vor allem darum, Sport zum Bestandteil der Rehabilitationsmaßnahmen zu machen. 4200 Sportler aus 166 Ländern werden diesmal in London antreten. Insgesamt fallen 503 Entscheidungen in 20 Sportarten. Die hohe Zahl ergibt sich aus der komplexen Einteilung in Startklassen: Um gerechte Wettkämpfe zu ermöglichen, werden vergleichbare Behinderungen zusammengefasst. Die deutsche Mannschaft hat sich zum Ziel gesetzt, ähnlich wie vor vier Jahren in Peking abzuschneiden. Damals gewannen die Athleten des Deutschen Behindertensportverbands 59 Medaillen, was Platz elf in der Nationenwertung bedeutete. Diese ist allerdings umstritten. Problematisch ist, dass jene Nationen einen Vorteil besitzen, die aufgrund der Verwicklung in kriegerische Auseinandersetzungen auf eine größere Zahl potentieller Athleten mit hohem Leistungsvermögen zurückgreifen können. Von den 2,5 Millionen Tickets sind die meisten verkauft worden - ein großer Erfolg für das Internationale Paralympische Komitee. Die Organisatoren hoffen darauf, dass alle Karten weggehen - es wäre das erste Mal in der Paralympics-Geschichte. camp.