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Paralympics Fair und ungerecht

 ·  Wer bei den Paralympischen Spielen gewinnt, hat nicht immer gewonnen. Auch die „Klassifizierung“ des Sportlers ist Teil des Wettkampfs - und die Frage, ob es dabei wirklich fair und gerecht zugeht. Nirgends wird das so deutlich wie in der Schwimmhalle.

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© dapd Christoph Burkard am Beckenrand vor dem Rennen über 400 Meter Freistil

Hinter Startblock eins parkt ein Rollstuhl. Neben Block zwei und drei liegen Krücken. Die Schwimmer auf den Bahnen drei, fünf und acht sind auf Prothesen gestützt in die Arena gekommen. Als einer von ihnen seine künstlichen Beine abnimmt und sich auf den Stümpfen der Unterschenkel Richtung Beckenrand bewegt, sieht es beinahe aus, als würde er durch Wasser schreiten, das ihm bis fast zu den Knien reicht - nur dass es eben kein Wasser ist, sondern der geflieste Boden des Londoner Aquatics Centre. Auf eigenen Beinen haben nur die Athleten auf den Bahnen vier und sechs die Arena betreten.

Paralympisches Schwimmen ist extrem. Für die Beobachter wahrscheinlich mehr als für die Athleten selbst. Nirgendwo sonst ist das Spektrum der Behinderungen so groß: von nahezu unversehrt wirkenden Körpern bis hin zu solchen, die praktisch nur noch aus einem Rumpf bestehen. Nirgendwo sonst sind die Sportler mit ihren Behinderungen so unmittelbar den Blicken des Publikums ausgesetzt. Vom eitlen und manchmal ans Unappetitliche grenzenden Körperkult der Olympischen Spiele könnte man kaum weiter entfernt sein als hier.

Paralympisches Schwimmen kann aber auch eine sehr spannende Angelegenheit sein. Weil sich, wie bei den Nichtbehinderten auch, jederzeit Rennen mit einer ganz eigenen Dramaturgie entwickeln können. Weil in dem Moment, in dem die Sportler ins Wasser eintauchen, manche körperlichen Unterschiede im wahrsten Sinne des Wortes zu verschwimmen scheinen. Und weil klar ist, dass hier keinerlei technische Hilfen im Spiel sind, wie sie anderswo für schnelle Schritte - und manche Diskussion darüber - sorgen. Beim Schwimmen geht es nur um den Körper und wie man ihn voranbringt. Behindertensport reduziert auf den Kern.

Ist das alles eigentlich gerecht?

Damit mögen die Schwimmer derzeit zwar in puncto medialer Aufmerksamkeit im Hintertreffen sein gegenüber Läufern auf Stelzen wie dem Südafrikaner Oscar Pistorius, dessen erfolgreicher Kampf um das Startrecht bei Wettkämpfen der Nichtbehinderten die Sportwelt fesselte. Doch im bunten Kosmos der paralympischen Welt sind die Schwimmer damit einzigartig. Und sie kommen beim Publikum sehr gut an.

Natürlich besitzt die Kulisse im Aquatics Centre nicht dieselbe überwältigende Kraft wie im Olympiastadion, wenn der Lärm der 80.000 zu einem Orkan anschwillt - so wie am Donnerstagabend, als der Rennrollstuhlfahrer David Weir und der Sprinter Jonnie Peacock kurz nacheinander Gold für Großbritannien gewannen. Aber schrill und laut geht es auch bei den Schwimmern zu, vor allem wenn Briten aussichtsreich im Rennen sind - wie die 17 Jahre alte Ellie Simmonds, Gewinnerin zweier Goldmedaillen und ein ausgesprochener Publikumsliebling.

Und doch bleibt immer diese eine Frage. Um die letztlich die ganzen Paralympics kreisen - bei aller Begeisterung in den Arenen von London und bei allen Rekord-Übertragungszeiten im deutschen Fernsehen. Die Frage, die sich zwangsläufig jeder stellen muss, der einen paralympischen Wettkampf verfolgt: Ist das alles eigentlich gerecht? Wenn doch bei jedem Rennen, bei jedem Wettkampf Athleten mit ganz unterschiedlichen körperlichen Voraussetzungen an den Start gehen.

Wie bei diesem Finale über 100 Meter Brust. Einer der acht Schwimmer wird nach gut 80 Sekunden als Goldmedaillengewinner anschlagen. Sich feiern lassen als der Schnellste und Beste in seiner Startklasse. Und vielleicht sogar seinen Erfolg über den Tag hinaus versilbern - wenn auch in weit geringerem Ausmaß als bei den Olympischen Spielen. Aber kann das wirklich ein faires Rennen sein, ein gerechter Wettkampf?

Frage der Klassifizierung

Um die paralympische Welt und ihre Grenzen verstehen zu lernen, gibt es keinen besseren Platz als die Schwimmhalle. Der Mann von Startblock drei ist Christoph Burkard, 28 Jahre alt. London sind schon seine vierten Paralympischen Spiele, 2004 in Athen hat er eine Goldmedaille gewonnen, 2000 in Sydney und 2008 in Peking hatte er jeweils einen vierten Platz zu Buche stehen. Sein Teamkollege Torben Schmidtke von Bahn fünf dagegen ist mit 23 Jahren Debütant. Es wird eines dieser Rennen mit einer besonderen Dramatik.

Noch bei der Wende sieht es nicht so aus, als würde einer von ihnen eine Medaille gewinnen. Mitte der zweiten Bahn sind hinter dem Führenden, dem Ukrainer Jewgeni Bohodajko, vier Schwimmer gleichauf, darunter Burkard und Schmidtke. Am Ende leuchten bei Schmidtke zwei Lampen am Startblock - Silber. Burkard schlägt kurz darauf als Dritter an - vier Hundertstel vor dem Viertplatzierten, einem Kolumbianer. An Bohodajko, den Ukrainer von Bahn vier, kommen sie lange nicht heran; er beendet das Rennen mit Weltrekord und etwas mehr als fünf Sekunden Vorsprung vor Schmidtke - eine kleine Ewigkeit im Schwimmen. Dennoch recken beide die Arme in die Luft, als wären sie die Sieger.

Später am Abend, im deutschen Haus in den Docklands, wo Athleten, Sponsoren, Funktionäre und Journalisten den Tag ausklingen lassen, sind sie mitten drin, als das Lied angestimmt wird: „Die Nummer eins im Pool sind wir“. Sie sind auch mit die letzten, die gegen zwei Uhr nach Hause gehen. Ungebremste Freude also über einen Erfolg, mit dem sie nicht unbedingt gerechnet hatten. Sie wissen aber auch, dass sie ihn neben jeder Menge harten Trainings womöglich auch noch einem anderem Faktor zu verdanken haben: einer günstigen Einstufung bei der Klassifizierung. „Über unsere Klassifizierung“, sagt Burkard, „können wir uns sicher nicht beschweren.“

Annäherung an die vielfältigen Abweichungen

In insgesamt 14 Startklassen wird in London geschwommen. Zehn Klassen für Körperbehinderte, drei für Sehbehinderte, eine für geistig Behinderte. Jede der zwanzig paralympischen Sportarten steht vor der Herausforderung, die Athleten so in Wettkampfklassen einzuteilen, dass bei unterschiedlichen Behinderungen vergleichbare Leistungen und damit so etwas wie faire Wettkämpfe möglich sind. Das System der Einteilung in Klassen erklärt zugleich, warum die Zahl der Entscheidungen bei den Paralympics so groß ist - und warum man bei der Veranstaltung so leicht den Überblick verliert. 503 Medaillen werden insgesamt vergeben, davon allein 148 im Schwimmen. Nur die Leichtathletik hat mit 170 noch mehr. Zum Vergleich: Bei Olympia waren es 302 Entscheidungen in 26 Sportarten.

Die Wege zu den Kategorien können sehr unterschiedlich sein - gemeinsam haben sie aber eines: Jede Klassifizierung ist nur ein Konstrukt, nur eine Annäherung an die vielfältigen Abweichungen der Natur von einer wie auch immer definierten Norm. Oder anders gesagt: In der Annahme, dass jede Behinderung letztlich individuell ist, müsste in letzter Konsequenz jeder Athlet in einer eigenen Kategorie antreten - das wäre absurd. Die Zahl der Startklassen ist ein Kompromiss zwischen einer möglichst feinen Differenzierung einerseits und der Übersichtlichkeit der Wettbewerbe andererseits. Die Selbstbeschränkung ist zugleich eine Frage der Glaubwürdigkeit. „Wenn wir nur Gewinner haben“, sagt Burkard, „ist eine Medaille auch nichts mehr wert.“

Im Schwimmen hat sich der Weltverband Ende der 1980er Jahre für eine funktionale Klassifizierung entschieden. Also eine, die weniger nach der Art der Behinderung als nach der tatsächlichen Beeinträchtigung beim Sport unterscheidet. Schmidtke und Burkard sind behindert zur Welt gekommen. Dysmelie heißt der Oberbegriff für Fehlbildungen der Gliedmaßen.

Burkard fehlen beide Unterschenkel, er läuft außerhalb des Beckens mit Prothesen, die ihm eine normale Körpergröße geben. Bei Schmidtke ist es etwas komplizierter. Er hat unterschiedlich verkürzte Beine und trägt zum Ausgleich eine Orthese. Dazu kommt eine Fehlbildung des linken Arms: er ist dünner, die Hand hat nur drei Finger. Beide kennen nichts anderes als den Körper, mit dem sie geboren sind - anders als Behinderte, die zum Beispiel nach einem Unfall mit einer völlig neuen Situation zurechtkommen müssen.

Jede Menge mögliche Unschärfen

Den Sport und das Schwimmen haben sie von früh auf kennengelernt. Bei Schmidtke waren es Bruder und Cousin, die ihn zum Schwimmen mitnahmen, bei Burkard die Mutter, die mit ihm einen Kurs besuchte. Ihr Talent wurde schnell erkannt, bald standen Landes-, dann nationale Meisterschaften an - und damit die erste Klassifizierung. Für internationale Wettkämpfe ist eine weitere Einstufung nötig. Schmidtke denkt daran nur ungern zurück. „Man wird dargestellt und vermessen wie eine Maschine“, sagt er. Burkard sieht es pragmatisch: „Wenn man eine neue Prothese bekommt, wird man vom Arzt auch genau angeschaut.“

Die Klassifizierung erfolgt in zwei Stufen. Teil eins ist der sogenannte Banktest. Ein Arzt stellt fest, welche Gliedmaßen fehlen und wie die vorhandenen beeinträchtigt sind, zum Beispiel bei der Beweglichkeit der Gelenke. Der zweite Test ist ein Praxistest im Wasser. Hier müssen die Athleten die verschiedenen Stile vorschwimmen, Brust, Kraul, Rücken, Schmetterling. Die Klassifizierer versuchen dabei, sich ein Bild von der Wasserlage und dem Vortrieb zu machen. Auch auf Vor- und Nachteile bei Start und Wende wird geachtet. Alles zusammen fließt in einen Punkteschlüssel ein, der die Klasse festlegt. So kommt es, dass Schmidtke und Burkard in denselben Klassen starten: eine etwas niedrigere im Brust (SB6), wo viel Vortrieb mit den Beinen erzeugt wird, eine etwas höhere im Freistil (S8), wo die Beine im Verhältnis zu den Armen nicht ganz so wichtig sind.

Man muss nicht besonders argwöhnisch sein, um in der Klassifikation jede Menge mögliche Unschärfen zu entdecken. Natürlich gibt es klare Vorgaben. Aber wer garantiert, dass diese überall auf der Welt und in jedem Fall gleich angewendet werden? Kann man überhaupt verschiedene Behinderungen zueinander ins Verhältnis setzen? Burkard zum Beispiel glaubt, dass man als Amputierter oder mit einer Dysmelie tendenziell etwas schlechter wegkommt als mit einer neurologischen Störung.

Und letztlich bleibt es immer ein Blick von außen. Ob einer alles gibt, wo die wirkliche Schmerzgrenze bei den Bewegungstests liegt, weiß nur der Schwimmer selbst. Möglichkeit zur Manipulation inklusive. Die Logik ist klar: Wer bei den Tests weniger leistungsstark erscheint, wird niedriger eingestuft - und hat damit größere Chancen, im Wettkampf etwas zu gewinnen. Nicht jeder, sagt Schmidtke deshalb, gebe bei den Tests sein Bestes.

Klassifizierung als „Doping des Behindertensports“

Für den Teammanager der deutschen Schwimmer in London, Bernhard von Welck, ist die Klassifizierung das „große Thema“ seines Sports. Die Klassifikation, sagt er, sei das „Doping des Behindertensports“. Wobei er damit mehr die Möglichkeit als den tatsächlichen Betrug meint: an falsches Spiel in größerem Ausmaß glaubt er nicht. Dennoch fordert er Veränderungen im System: professionelle und unabhängige Klassifizierer, die nicht nur bei den Wettkämpfen sondern auch jenseits davon einen prüfenden Blick auf die Athleten werfen; in London sind gerade einmal vier Spezialisten im Einsatz - für 600 Athleten. Das grundsätzliche Problem jedoch bliebe auch dann bestehen. Auch professionelle Klassifizierer ändern nichts daran, dass der Übergang zwischen den Kategorien fließend bleibt, dass Athleten sich mit ihren Behinderungen am unteren oder am oberen Rand einer Klasse bewegen und damit bessere oder schlechtere Chancen haben als manche Konkurrenten.

In London sind die Paralympics so groß und so glamourös wie noch nie. Fast alle der 2,5 Millionen Eintrittskarten sind verkauft, die Atmosphäre ist heiter, unverkrampft - eine würdige Fortsetzung der Olympischen Spiele vor ein paar Wochen und zugleich ein Sprung des Behindertensports in eine neue Dimension. Wie sehr sich in den vergangenen Jahren auch die sportlichen Leistungen entwickelt haben, wird im 100-Meter-Finale von Schmidtke und Burkard deutlich. Der Weltrekord des Ukrainers Bohodajko ist der hundertste der Spiele.

Spitzensport, sagt Burkard, sei das paralympische Schwimmen schon früher gewesen. Allerdings mit wenig Konkurrenz an der Spitze. Inzwischen sei die Dichte viel größer - vor allem in den Klassen mit den leichteren Behinderungen. „Mit meiner Gold-Zeit von Athen würde ich heute keine Medaille mehr gewinnen“, sagt er. Entsprechend groß ist der Aufwand, den man betreiben muss, um vorne mitzumischen.

Rund 30 Stunden in der Woche trainieren sie, Schmidtke in Potsdam in einer Gruppe mit Behinderten, Burkard in Rottweil in Baden-Württemberg zusammen mit Nichtbehinderten. Für beide ist der Leistungssport ein Zuschussgeschäft. Wie groß der Zuschuss ist, hängt auch vom sportlichen Erfolg ab. Fördermittel, Prämien, Sponsoren - das alles steht in unmittelbarem Zusammenhang mit den Ergebnissen. Gerechtigkeit hat auch eine ökonomische Dimension.

Ungerechtigkeit als Bestandteil

London zeigt aber auch: Die Ungerechtigkeit wird immer Bestandteil der Paralympics bleiben. So haderte Wojtek Czyz, der deutsche Leichtathlet, mit dem Reglement im Weitsprung. Weil seine Klasse mit einer anderen zusammengelegt ist, hätte er „ungelogen den Nichtbehinderten-Weltrekord springen können und nicht gewonnen“, wie er sagte. Vor dem 100-Meter-Finale bezichtigte er nun sogar seinen Teamkollegen Heinrich Popow, mit dem er gerade erst Staffel-Gold gewonnen hatte, des „technischen Dopings“, weil er eine neue Prothese nutzt.

Michael Teuber, einer der bekanntesten deutschen Paralympioniken zog in dieser Woche einen Schlussstrich unter seine Karriere als Bahnradfahrer, weil er keine Chance mehr sah, in seiner Startklasse um den Sieg mitzufahren. Der bislang größte Aufreger der Spiele war die Debatte über Oscar Pistorius nach seinem zweiten Platz im 200-Meter-Finale. Mit deutlichen Worten warf der Star des Behindertensports seinem Konkurrenten Alan Oliveira aus Brasilien vor, dass er sich mit längeren Prothesen einen Vorteil verschafft habe.

Schmidtke und Burkard hingegen wirken nicht, als könnte das Thema sie irgendwie aus der Ruhe bringen. Auch die Fabelzeit des Konkurrenten Bohodajko, der noch beide Beine besitzt, aber zwei Spitzfüße hat, weckt keinen Argwohn. Er sei eben ein „Riesentalent“, sagt Schmidtke, und außerdem ein sympathischer Typ. Vielleicht liegt ihre Gelassenheit daran, dass sie mit ihren Medaillen ihre Ziele erreicht haben. Vielleicht auch daran, dass sie an so etwas wie ausgleichende Gerechtigkeit glauben. Gerade im Schwimmen mit seinen vielen Stilen und Disziplinen, sagt Burkard, gebe es eigentlich für jeden eine Nische, in der er mit seiner Behinderung einen kleinen Vorteil habe. „Im großen und ganzen“, fügt er hinzu, „gibt es schon eine gewisse Gerechtigkeit“. So gerecht, wie es die Natur der Sache eben zulässt.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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