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Paralympics Die harten Jungs legen los

 ·  Autoscooter fahren mit Ball: Bei den Paralympics wird Behinderten-Rugby auch „Murderball“ genannt. Denn nirgends sonst können andere Leute einfach ungestraft aus ihren Rollstühlen befördert werden.

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© REUTERS Nur „ein bisschen“ Gewalt: Aber wo bleibt das Schach?

Die Briten mögen ihren Sport gern ritterlich. Aber sie mögen ihn bisweilen auch rauh. Und so war es kein Wunder, was am Donnerstag auf den Titelseiten vieler Zeitungen, nicht nur der Sportteile, zu sehen war. Die „Times“ zeigte auf ihrem Paralympics-Umschlag ganzseitig ein Bild von einem Amerikaner mit schmerzverzerrtem Blick, der mitsamt seinem Rollstuhl zu Boden geht - Überschrift: „The tough get going“, die harten Jungs legen los. Der „Guardian“ hielt es eher mit dem eigenen Team: Ein Brite mit blau gefärbter Irokesenfrisur und bedrohlicher Mimik brüllt einem Mitspieler etwas ins Gesicht. Überschrift hier: „It’s murder out there“. Gemordet wird gewiss nicht beim Rollstuhl-Rugby. Dass es aber schon seinen Grund hat, warum diese Sportart auch „Murderball“ genannt wird, davon hatten sich die Zuschauer beim Eröffnungsspiel des Wettbewerbs zwischen Großbritannien und den Vereinigten Staaten am Mittwoch überzeugen können.

„Schach mit ein bisschen Gewalt“

Bei keiner anderen der 20 paralympischen Sportarten geht es so robust zu wie hier, wo Körper- oder besser Rollstuhlkontakt bis zum Umfallen zur Idee des Spiels gehört. „Wo sonst ist es erlaubt, andere Leute aus ihren Rollstühlen zu befördern?“, fragte Aaron Philips aus dem siegreichen Team der Amerikaner - und wollte damit den besonderen Reiz dieser Kreuzung aus Basketball, Eishockey und Rugby auf den Punkt bringen. Steve Brown, der britische Kapitän, formulierte es so: „Es mag auf den ersten Blick aussehen wie Autoscooter mit einem Ball. Ich würde es aber eher wie Schach mit ein bisschen Gewalt beschreiben.“ Man kann an dieser Stelle, wie der „Guardian“ es tat, zumindest einhaken und fragen, ob es wirklich von Fortschritt zeugt, dass 12.000 größtenteils nichtbehinderte Zuschauer johlen, wenn sich die Sportler in ihren Rollstühlen über den Haufen fahren, und dazu heftige Rockmusik aus den Lautsprechern dröhnt. Es bietet sich aber auch eine sympathischere Interpretation an: Dass die Briten ziemlich unverkrampft mit dem Thema Behinderung umgehen. So wie das auch beim Privatsender Channel 4 zu beobachten ist, der seine umfangreichen Übertragungen allabendlich mit einer humoristischen Sendung namens „The last leg“ beschließt - zu übersetzen wahlweise mit „Die letzte Etappe“ oder „Das letzte Bein“.

Auch wegen dieser britischen Lockerheit sind die 14. paralympischen Sommerspiele ein Meilenstein in der Geschichte des Behindertensports. Noch nie war die Aufmerksamkeit so groß, noch nie kamen so viele Zuschauer in die Arenen. Und noch nie war die Atmosphäre so eindrucksvoll wie in diesen Londoner Tagen. Und das liegt nicht zuletzt am Publikum, dem die Paralympics eine Herzensangelegenheit geworden sind - kein bloßes Anhängsel Olympias, sondern regelrecht eine Zugabe. Fast alle der 2,5 Millionen Eintrittskarten sind verkauft, auch Prinz Harry hat es sich nicht nehmen lassen, beim einen oder anderen Wettkampf vorbeizuschauen.

Keiner muss eine Medaille gewinnen

Die Party unter dem Zeichen des Union Jack geht bei den Paralympics einfach in die Verlängerung. Und natürlich sind die Briten stolz auf ihre Athleten, nicht nur auf die mit den großen Namen wie den Handbike-Fahrer David Weir, die Schwimmerin Eleanor Simmonds oder den Läufer Jonnie Peacock, der am Donnerstagabend im großen 100-Meter-Finale gegen Oscar Pistorius stand. Keiner muss unbedingt eine Medaille gewinnen, um bejubelt zu werden. Wenn es aber doch geschieht, wird es laut in den Arenen. Sehr laut. Und daran hat man sich schon gewöhnen können.

In der Grafik, mit der die „Times“ täglich zeigt, wie sich die reale Medaillenausbeute von London gegenüber der offiziellen Zielgröße von 103 - eine mehr als vor vier Jahren in Peking - entwickelt, liegt die Kurve nach einem leichten Minus am ersten Tag nun schon ein gutes Stück über der Kalkulation. Mit einiger Selbstverständlichkeit wird dabei auch darauf verwiesen, dass die Programme zur sportlichen Förderung Kriegsversehrter Früchte tragen. Sechs Athleten aus dem „Battle back“-Programm des Verteidigungsministeriums sind in London an Start. Der Slogan einer weiteren Initiative, „From the front line to the start line“, ist auf T-Shirts zu lesen, die in den Fan-Shops angeboten werden.

Es ist zugleich eine Erinnerung, dass es auch noch etwas hinter der heiteren Fassade der Paralympics gibt. Dazu gehören der wachsende Starkult, der die paralympische Spitze von der Basis abzulösen droht. Es gibt neue Diskussionen um unerlaubte Hilfsmittel und Doping. Und es bleibt auch diesmal die Frage, was vom Flair der Spiele in den Alltag zu retten ist. Die Begeisterung in den Arenen ist von all dem indes unberührt. Genauso übrigens wie von einem Fiasko der besonderen Art: Gleich beide britischen Fußball-Teams, das der Blinden und das der teilweise Gelähmten, spielt statt um Medaillen nur in der Trostrunde. Das Publikum nahm auch das sehr sportlich.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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