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Kommentar Paralympischer Klassenkampf

 ·  Ausgerechnet der „Blade Runner“ beklagt sich wegen nicht regelkonformer Prothesen eines anderen Läufers. Wendet sich die Debatte, für die er mit seinem Kampf steht, in bitterer Ironie gegen Pistorius?

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© dpa Stelzenläufer gegen Stelzenläufer: Was entspricht der Norm?

Darauf war die paralympische Welt nicht vorbereitet. In all den Geschichten, die über Oscar Pistorius schon geschrieben oder für seinen ersten großen Auftritt bei den Paralymppics in London am Sonntagabend vorbereitet waren, kam eines nicht vor: eine Niederlage. Offenbar auch nicht für Pistorius selbst. So jedenfalls wirkte seine Reaktion nach dem 200-Meter-Finale, in dem ihm der Brasilianer Alan Oliveira auf der Zielgeraden davon gesprintet war.

Ein „unfaires Rennen“, klagte Pistorius, sei es gewesen, weil der ebenfalls beidseitig unterschenkelamputierte Oliveira Prothesen verwendet habe, die ihm aufgrund ihrer Länge einen Vorteil verschafft hätten. Prothesen? Vorteile? Es war, als wendete sich die große sportpolitische und -wissenschaftliche Debatte, für die Pistorius mit seinem Kampf um das Startrecht bei den Nichtbehinderten sinnbildlich steht, plötzlich mit bitterer Ironie gegen ihn selbst.

Pistorius, der Strahlemann und die Vorzeigefigur des Behindertensports, plötzlich ein schlechter Verlierer? Oder doch - wie er selbst argumentierte und dabei unter anderem Unterstützung von seinem deutschen Finalgegner David Behre erhielt - ein Opfer der Regeln des Internationalen Paralympischen Komitees (IPC), das die zulässige Länge der Beinprothesen an der Armlänge eines Athleten orientiert? Das lässt sich nicht mit Sicherheit sagen. Es ist möglich, dass längere Prothesen Oliveira einen Vorteil verschaffen. Es ist aber genauso gut möglich, dass Oliveira einfach gelernt hat, seine Prothesen, die der IPC-Norm entsprechen, effektiver einzusetzen. Es gibt viele Faktoren, die für die Geschwindigkeit eines Läufers, zumal auf Prothesen, verantwortlich sind.

Der wunde Punkt

Genau hier liegt der wunde Punkt des paralympischen Sports. Die Wettkämpfe, die dieser Tage so glamourös wie nie daherkommen, haben nur dann einen Reiz, wenn dabei annähernd Gerechtigkeit herrscht, wenn die Athleten unter vergleichbaren Voraussetzungen gegeneinander antreten. Dafür gibt es ein komplexes Regelwerk mit technischen Vorschriften und unterschiedlichen Startklassen - allein im 100-Meter-Sprint der Männer existieren 15.

Gerechtigkeit lässt sich damit jedoch nicht herstellen. Auch das differenzierteste Startklassen-System erlaubt nur Annäherungen. Es wird immer Athleten geben, die einen Vorteil genießen oder einen Nachteil hinnehmen müssen, je nach dem, wie weit am Rand einer Kategorie sie sich bewegen. So ist im paralympischen Sport auch von „Borderlinern“ die Rede, die erst nach umfassenden Tests der einen oder anderen Kategorie zugeordnet werden können. Die technischen Normen wiederum können zwar bestimmte Spezifikationen eindeutig vorgeben. Sie verhindern aber nicht, dass bei einzelnen Athleten das Zusammenspiel von Körper und Technik durch bestimmte physische Dispositionen besser funktioniert als bei anderen.

Wo Gerechtigkeit herrschen sollte, existiert also immer auch ein wenig Ungerechtigkeit. Das hat Wojtek Czyz beklagt, der aufgrund der Zusammenlegung zweier Startklassen keine Siegchance im Weitsprung hatte. Das hat den Radrennfahrer Michael Teuber veranlasst, seine Karriere auf der Bahn für beendet zu erklären, weil er keinen Sinn mehr darin sieht, einen Kampf zu bestreiten, den er nicht gewinnen kann. Und das hat jetzt womöglich auch Pistorius bei seiner Rückkehr aus der olympischen in die paralympische Welt erfahren müssen. Falls er denn wirklich ein Opfer ist. Denn mit seiner Zeit aus dem Vorlauf hätte er Oliveira im Finale bezwungen.

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Jahrgang 1974, Sportredakteur.

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