Eigentlich hätten Akim und Balou ein bisschen Stetigkeit und Ruhe in den Tagesablauf von Ilke Wyludda bringen sollen. Die beiden Mopsrüden hoppelten in das Leben der einstigen Diskuswerferin, kurz bevor diese ihr medizinisches Staatsexamen ablegte. Sie würde gezwungen sein, freute sich die angehende Ärztin, regelmäßig spazieren zu gehen. Wenn ein Plan richtig daneben gegangen ist, dann dieser.
Fünf Mal pro Woche trainiert die 43 Jahre alte Ilke Wyludda inzwischen - und zwar hart. „Endlich wieder Muskelkater, ein tolles Gefühl“, konstatierte sie nur halb ironisch. Wenn sie nicht Diskus wirft, nicht Kugel stößt und nicht schwere Gewichte bewegt, geht sie ihrem Beruf als Anästhesistin in der Klinik Bergmannstrost in Halle nach; dafür muss sie morgens um halb fünf Uhr aufstehen. „Ich brauche anderthalb Stunden, um mit der Prothese in Gang zu kommen“, sagt sie. Seit zwei Jahren lebt Ilke Wyludda mit nur einem Bein. Sie tut es weiterhin mit Vollgas.
Abends und am Wochenende behandelt sie Privatpatienten in der Praxis für Physiotherapie, die sie vor sieben Jahren gegründet hat und immer noch führt. Und sie schreibt an ihrer Promotion, einem Thema über Patienten mit neuropathischem Schmerzsyndrom.
Mit Schmerz kennt sich die 1,93 Meter große, starke Frau aus. Er ist ihr Lebensbegleiter. Ilke Wyludda quälte sich im Training, sie verletzte sich, sie zerriss sich Sehnen und Muskeln in Fuß und Knie, in Arm und Brust. Schon als Leistungssportlerin saß sie wochenlang im Rollstuhl. „Schmerz ist für mich kein Gegner“, sagte sie 1999 auf einem medizinischen Kongress, „sondern Partner.“
Sie braucht Stress
Damals studierte sie, während sie sich in der Rehabilitation quälte und auf ihre dritten Olympischen Spiele vorbereitete, die von Sydney 2000, Sportwissenschaft an der inzwischen abgewickelten Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig. Dem Diplom ließ sie ein Aufbaustudium für Reha-Sport folgen und schloss die dreijährige Ausbildung zur Physiotherapeutin an.
Kaum hatte sie sich selbständig gemacht, begann sie, Medizin zu studieren. Sie blicke nicht in Wehmut zurück auf ihre sportliche Karriere mit Olympiasieg und zwei Europameisterschaften, sagt sie. „Meine Karriere ist ja nicht aufgegangen in Frustration, und ich bin auch nicht wie andere in ein tiefes Loch gefallen.“
Sie sei ein Mensch, der Stress brauche, sagt Ilke Wyludda: „Befriedigung kann ich erleben, ich kann sagen: oh, herrlich. Aber ich lehne mich dann nicht zurück.“ Dem Eindruck, sie sei getrieben, widerspricht sie: „Das wäre negativ. Aber es ist meine Lebensmotivation.“
Ausgerechnet sie, die sich ihre Tage voller Termine packt, wurde immer von Verletzungen gebremst. Ausgerechnet sie, die immer wieder aufstand, stürzte auf der Treppe, als sie vom Freizeitsport kam. Ausgerechnet sie, die sich von noch so vielen Verletzungen nicht aufhalten ließ, erlitt eine Infektion der offenen Wunde mit einem resistenten Krankenhauskeim.
Zwei Wochen vor Weihnachten 2010 stand sie vor der Entscheidung, sich das rechte Bein über dem Knie abnehmen zu lassen oder eine lebensbedrohende Blutvergiftung zu riskieren. Am Tag vor Weihnachten, kaum erholt von der Operation, legte sie ihre letzte Prüfung ab.
Nun wirklich ohne Beine
Im Januar 2011 erhielt sie ihre Approbation als Ärztin. Ein Jahr später begann Ilke Wyludda, als wäre der Beruf nicht belastend genug, Kugelstoßen und Diskuswerfen neu zu lernen. Gerhard Böttcher, der Trainer, der sie vor dreißig Jahren entdeckt hatte, war inzwischen Rentner - und ließ sich nicht zweimal bitten, sie wieder zu betreuen. Früher habe er, wenn sie technisch unsauber warf, geklagt, sie werfe ohne Beine, amüsiert sich Ilke Wyludda. „Jetzt werfe ich wirklich ohne Beine.“
Nun startet sie in London. Paralympischer Sport ist ein handfestes Unterfangen. Der Beinstumpf wird mit einem Riemen auf ein Podest geschnallt, welches wiederum mit Ketten fixiert ist. Mit dem einen Fuß am Boden schleudert die Athletin die vier Kilo schwere Eisenkugel und den ein Kilo schweren Diskus allein mit der Kraft des Oberkörpers von sich.
In London nicht mal Medaillenkandidatin
Vier Olympiaden ist es her, sechzehn Jahre, dass sie bei den Olympischen Spielen von Atlanta die Goldmedaille gewann, mit einem Wurf von 69,66 Meter. Ihr Junioren-Weltrekord aus den Hochzeiten der DDR steht bis heute bei fast fünf Meter mehr; mit ihrer Bestleistung von 74,56 Meter kam sie im Juli 1989 dem phantastischen Weltrekord von Gabriele Reinsch (76,80) so nah wie nur noch die Tschechin Zdenka Silhava. Heute bekämpft sie den chronischen Schmerz in ihrem nicht existenten Bein mit Medikamenten und der sportlichen Herausforderung. „Dreißig Meter“, sagt sie, „will ich eines Tages erreichen.“ In London ist die Olympiasiegerin nicht einmal Medaillenkandidatin.
Sie sei so ehrgeizig wie früher, behauptet Trainer Böttcher, der sie besser kennen dürfte als jeder andere. So sucht Ilke Wyludda offenbar die Zufriedenheit, die ihr allein Belastung verschaffen kann. Als sie früher nach der Arbeit direkt nach Hause fuhr, sei sie erschöpft ins Bett gefallen, erzählt sie. Nun, da sie erst trainiere, fahre sie frisch und munter heim. So jemand ist nicht fürs Gassigehen gemacht. Mit Akim und Balou ist sie zufrieden wie eine Ärztin mit einer Verordnung. „Sie tun meinen Eltern gut“, sagt sie.
Hochachtung
Christopher Lutterbach (Realist21)
- 04.09.2012, 13:07 Uhr