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Tränen bei Olympia Hoyl-Susen und Schluchz-Attacken im Feucht-Biotop

 ·  Ob der Gewinn der Goldmedaille, eine umstrittene Schiedsrichterentscheidung oder einfach grundlos: Selten wurde bei den Spielen so vielfältig geheult und geschluchzt wie in London. Angeführt wird der Tränenspiegel von den coolen Briten.

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© dpa Die chinesische Turnerin Quishuang Huang war nicht die einzige Sportlerin, die kräftig weinte

Der Sportsommer war feucht in London. Vor Olympia fiel Regen, was in Wimbledon gut für die Petunien und eher schlecht für die Tennisprofis war. Während Olympia flossen Tränen, und auch dabei waren die Grenzen zwischen Wohl und Wehe fließend. Manche weinten, weil sie gewonnen hatten, manche vergossen Tränen, obwohl sie auf dem Siegertreppchen standen, andere Augen wurden nach einer Niederlage feucht, und der Hürdenläufer Felix Sanchez heulte minutenlang, weil es regnete. Der Dominikaner deutete jeden Tropfen, der während seiner Siegerehrung vom Himmel fiel, als eine Träne seiner Großmutter, die vor vier Jahren starb, während der Enkel sich im fernen Peking auf seinen olympischen Lauf vorbereitete. „Ich habe ihr eine Medaille versprochen, bevor ich aufhöre“, sagte Sanchez, als er im Olympiastadion nicht aufhören konnte zu weinen.

In London wurden zwei Wochen lang fast so viele Tränen vergossen wie acht Monate zuvor in Nordkorea, als ein ganzes Volk um seinen „lieben Führer“ Kim Jong-il trauern musste. 2012, das waren die olympischen Wasserspiele. Tränen sind uneindeutig, außer wenn das Auge von einem Fremdkörper gereizt und zur Spülung gezwungen wird, was in London wohl bei jedem weinenden Athleten auszuschließen war. Tränen können Wut oder Trauer oder Freude ausdrücken oder ein Gemisch aus diesem und jenem. Tränen lüften Geheimnisse. Über etwaige Krokodilstränen werden, wie immer, die Dopingproben entscheiden.

Jede Träne erzählt ihre eigene Geschichte. Wie bei Sanchez, der vor seinem Olympiasieg tagelang neben einem Foto seiner Großmutter geschlafen und es vor dem entscheidenden Lauf unter seine Startnummer geklebt hatte. Wie bei Gemma Gibbons, die auch Trauer in der Freude empfand, als sie Silber im Judo sicher hatte. Die Britin blickte zur Hallendecke empor und schluchzte leise „Ich liebe dich, Mama“, in Erinnerung an ihre vor acht Jahren verstorbene Mutter Jeanette, die ihre Tochter allein großgezogen und zum Judo gebracht hatte, aber den olympischen Triumph nicht mehr erlebte.

Und wie bei Fechterin Shin A-Lam, die sich gekränkt und verhohnepipelt fühlte und 72 Minuten wie ein Häuflein Elend auf der Planche hockte, nachdem sie ganz am Ende ihres Halbfinals gegen Britta Heidemann ein sicher geglaubtes Gefecht verloren hatte. Und wie die britischen Hockeyspielerinnen, die gleich dutzendfach nahe am Wasser gebaut hatten, weil sie nicht ins Gold-Finale eingezogen waren, sondern sich mit Bronze begnügen mussten.

Jeder siebte Medaillengewinner bekam feuchte Augen

Das „Wall Street Journal“ hatte sich zwischenzeitlich die Mühe gemacht, die olympischen Tränen zu zählen. Herausgekommen war dabei, dass bei jedem siebten Sportler auf dem Siegertreppchen die Augen feucht wurden. Die Chinesen im Allgemeinen, bei denen sieben Prozent ihrer Medaillengewinner greinten, konnten sich weitgehend zurückhalten. Dass trotzdem viele chinesische Tränen dahinflossen wie Wasser im Jangtse, lag allein an Ding Ning. Weil die Tischtennisspielerin von der Schiedsrichterin benachteiligt und bestraft wurde, flennte sie während des Finals unaufhörlich.

Platz eins im inoffiziellen Tränenspiegel der Olympischen Wasserspiele belegten mit großem Abstand die Briten. Rein statistisch hat etwa jeder dritte Medaillengewinner aus dem „Team GB“ geschluchzt. Darunter die Londoner Lieblinge Jessica Ennis nach Siebenkampf-Gold und Bahnradfahrerin Victoria Pendleton nach ihrem Olympiasieg im Keirin. Nachdem er sein sechstes Gold als Bahnradfahrer gewonnen und sich damit zum erfolgreichsten britischen Olympioniken gemacht hatte, entpuppte sich selbst Sir Chris als, pardon, Hoylsuse.

Selbst die BBC, einst britischer Gralshüter für seriösen und unaufgeregten Journalismus, war zwei Wochen lang ergriffen von patriotischer Rührung. Moderatoren wischten sich während Siegerehrungen für „Dschi-Bi“ Tränchen aus den Augen oder sprachen mit erstickter Stimme. Eher zum Heulen war deren nationalgefühlige Berichterstattung.

Woher kam die Flut, ausgerechnet in England, dessen Volk sein Innerstes gewöhnlich hinter Ironie verbirgt? Kam auch hierbei der „Heimvorteil“ zum Tragen, wie die Tageszeitung „The Times“ launig anmerkte? Es lag, so die Seelenkundler, am enormen Druck, der sich Bahn brach. Vor Tausenden begeisterten Landsleuten in den Sportstätten und Millionen vor den Fernsehgeräten wäre den Athleten die Bedeutung von Sieg oder Niederlage allgegenwärtig gewesen. Als sich die Anspannung auf einen Schlag löste, mündeten Ernüchterung oder Erleichterung letztlich im Tränenfluss. Schon Sigmund Freud war davon überzeugt, dass Weinen der psychischen Reinigung diene.

Zu den Überraschungen der Sommerspiele gehörte, dass Roger Federer nach dem verlorenen Tennisfinale nicht einmal mit den Wimpern zuckte, obwohl der Schweizer normalerweise sehr nahe am Wasser gebaut hat. Zu seiner Ehrenrettung als Gefühlsmensch sei hinzugefügt: Seine Augen waren bereits bei Turnieranfang feucht, vor Erleichterung nach dem mühsamen Erstrundensieg. Am Ende war Federer so leer wie seine Augen.

Jetzt droht eine emotionale Dürrezeit. Die Engländer, die ihre Zurückhaltung und ironische Distanz in Gefühlsdingen während der zwei olympischen Wochen ablegten wie einen abgetragenen Bowler, werden die Oberlippe wieder steif tragen und sich hintereinander in die Warteschlange stellen, statt in den Stadien durchzudrehen. Die Olympischen Spiele von London waren feucht und fröhlich. Man sollte ihnen eine Träne nachweinen, besser noch - Tausende!

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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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