Draußen vor dem berühmtesten Stadion der Welt stehen ein paar Asiaten und fotografieren sich gegenseitig. Mehr als Fotografieren geht nicht. Das Wembley Stadium gehört immer noch den Engländern. Die Wembley Arena, gleich nebenan, ist aber schon in asiatischer Hand. Es ist Donnerstagnachmittag, und in der Halle versucht ein hagerer Däne namens Peter Gade, einen Rest von Europa über die Zeit zu retten. Aber alles ist gegen ihn, sogar die Luft.
In der schlechten Ventilation der unmodernsten Olympiastätte von London arbeitet sich Gade an einem Klima ab, das nichts mit englischem Sommer zu tun hat, sondern mit Südasien kurz vor dem Monsun. Er mag sich noch so abhetzen im Karree, noch so oft mit Formel-1-Geschwindigkeit den (natürlich in Asien gefertigten) Gänsefederball übers Netz peitschen - der schwitzende Däne hat keine Chance gegen den coolen Chinesen Long Chen. Europa ist draußen. Am Ende wird die Goldmedaille zwischen einem Inder, einem Indonesier, einem Malaysier, einem Japaner und drei Chinesen ausgespielt. Olympische Spiele, Asien-Spiele.
Badminton, einst von Kolonialbriten aus Indien mitgebracht und in Europa heimisch gemacht, längst aber von den Asiaten wieder zurückgeholt, ist nur ein Beispiel. Auch in anderen Sportarten gewinnt Asien immer mehr Medaillen. Nach der ersten Woche der Spiele von London kommt bisher rund jeder dritte Olympiasieger aus Asien - ein Zwischenstand, der das Endergebnis von Peking 2008 übertrifft, trotz des damaligen Heimvorteils der Chinesen. Damals gingen 28 Prozent der Siege nach Asien.
Dass die erste Hälfte der Londoner Spiele Asien-Spiele waren, lag nicht allein an den Erfolgen der Sportler aus China, aus Süd- und Nordkorea, aus Japan oder auch aus Kasachstan. Es lag ebenso daran, dass die Geschichten, von denen man in der Welt sprach, asiatische Geschichten waren. Immer waren sie auch ein wenig skandalös. Die der Schwimmerin Ye Shiwen, die schneller schwamm als ein Mann. Die der Fechterin Shin A-lam, die nicht mehr aufstand. Die der vier Badminton-Doppel, die partout nicht gewinnen wollten.
Tradition der Genügsamkeit und Leidensfähigkeit
Als die 16 Jahre alte Ye Shiwen ihre Bestzeit über 400 Meter Lagen um sieben Sekunden verbesserte und auf der Schlussbahn schneller war als der Amerikaner Ryan Lochte bei seinem Sieg über dieselbe Strecke, löste das im gespaltenen Lager der westlichen Fachleute und Trainer ein Pingpong von Spekulationen aus. Die einen äußerten Verdächtigungen, die anderen kritisierten die Verdächtigungen. Die Chinesin selbst nannte die Vorwürfe „unfair“. Sie konnte sie auch dadurch nicht beenden, dass sie ihr zweites Gold, über 200 Meter Lagen, ohne Weltrekord gewann. Und dass sie diesmal auf der Schlussbahn nicht schneller war als der Mann, als Superstar Michael Phelps bei seinem 16. Olympiasieg.
Es sind Leistungen, die altmodische europäische Sportfreunde ratlos machen - sofern sie das Vermächtnis des britischen Sports ebenso schätzen wie das des römischen Rechts, also: keine Verurteilung ohne Beweis. Leider beweist ein Mangel an Beweisen meistens auch nichts, jedenfalls wenn es um Doping geht. Erfahrungsgemäß gibt es für vieles, das heute genommen wird, frühestens übermorgen einen Test - so dass wohl auch die acht Jahre, über die man olympische Doping-Proben konserviert, nicht in jedem Fall ausreichen werden.
Nicht alles Irritierende lässt sich auf den Doping-Verdacht reduzieren. Es geht nicht nur ums Muskuläre, auch ums Mentale. Sport auf olympischem Niveau ist in vielen Disziplinen eine Konkurrenz im Aushalten von Schmerzen - schon im Training, erst recht im Wettkampf. Verstörend auf Europäer wirkt das Gefühl, dass Asien in dieser Hinsicht Vorteile haben könnte: aus einer Tradition der Genügsamkeit und Leidensfähigkeit heraus; der Unterordnung des Einzelnen unter den Willen des Kollektivs. Ebenso aber auch wegen der skrupellosen Macht östlicher Regime über Körper und Köpfe ihrer Athleten.
Sehr leicht kommt die Rekordleistung eines Asiaten dem Europäer deshalb unheimlich vor, wie etwa bei dem südkoreanischen Bogenschützen Im Dong-hyun, der den ersten Weltrekord der Spiele aufstellte, obwohl er das Ziel in siebzig Metern Entfernung nur als verschwommenen Farbtupfer erkennen kann. Im ist auf einem Auge schwer sehbehindert und auf dem anderen fast blind. Oder bei dem legendären japanischen Ringer Osamu Watanabe, Olympiasieger von 1964, der in seiner Laufbahn 186 Kämpfe bestritt - und 186 gewann.
Schmähungen via Twitter
Aber auch bei Bestleistungen, die weniger geheimnisvoll erscheinen, wie etwa beim nordkoreanischen Gewichtheber Kim Un-guk, der in London sein dreifaches Körpergewicht stemmte, regt sich beim westlichen Betrachter gern innerer Widerstand gegen die Bewunderung der Leistung. Ihn irritiert, dass der Mensch, der sie erbringt, nicht zu leiden scheint dabei. Entweder er leidet wirklich nicht, das wäre verdächtig. Oder er weiß es zu kaschieren, das wäre es erst recht.
Das Unbehagen über die Austauschbarkeit, ja Gesichtslosigkeit asiatischer Leistungskraft können europäische Gegner nicht immer kanalisieren. Völlig den Kopf verlor der Fußballspieler Michel Morganella, der nach der 1:2-Niederlage mit der Schweiz gegen Südkorea per „Twitter“-Botschaft gleich ein ganzes Volk schmähte: „Ich mache alle Südkoreaner nieder. Verpisst euch alle, ihr Behinderten.“ Natürlich wurde er umgehend von den Olympischen Spielen ausgeschlossen.
Zivilisierter waren dagegen die europäischen Reaktionen auf den Skandal im Badmintonturnier, in dem sich in den letzten Spielen der Vorrunde am Dienstag vier asiatische Doppel so offenkundig vor dem Gewinnen drückten, indem sie reihenweise Aufschläge ins Netz schlugen, dass es zum Eklat kam. Auch hier äußerte sich ein Gefühl der Ohnmacht gegenüber einer nicht zu greifenden asiatischen Macht. Deutlich wurde, dass etwa die Chinesen ein Duell mit Landsleuten in der ersten K.-o.-Runde vermeiden wollten.
Das 21. Jahrhundert gehört den Asiaten
Ein System, ein asiatisches System, darauf ausgelegt, sich nicht gegenseitig zu schlagen, solange es noch Europäer zu schlagen gibt? „Ich habe es einfach schon zu oft gesehen, dass Spiele, insbesondere von den Chinesen, verschoben wurden“, sagte die dänische Spielerin Kamilla Rytter Juhl. „Da gibt es in China den Big Boss im Hintergrund und der sagt den Spielerinnen, wer gewinnen soll.“ Was aber war am Ende das Resultat des Aufdeckens dieser Verschwörung? Dasselbe wie sonst auch. Acht Asiatinnen wurden disqualifiziert - acht andere standen am Ende in den Finals im Doppel und Mixed.
Was bedeutet Asiens wachsende Macht für Olympia, diese Idee aus dem alten, dem ganz alten Europa? Von Griechen erfunden vor 2800 Jahren, in ihrer großen Zeit. Von einem Franzosen neu erfunden am Ende des 19. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Europäer. Von den Amerikanern adoptiert und kommerzialisiert in ihrem, dem 20. Jahrhundert. Und nun, im 21. Jahrhundert, dem der Asiaten? Vier Jahre nach den Spielen in Peking, der Mustermesse der Macht des neuen China, zeigt London, dass die Show von 2008 keine einmalige Sache war. Es mehren sich die Hinweise darauf, dass die Mitte der olympischen Welt sich nach Osten verschiebt. München war letztlich ohne den Hauch einer Chance bei der Bewerbung um die Winterspiele 2018 gegen Südkorea mit Pyeongchang.
Aktueller Favorit für die Sommerspiele 2020 ist Tokio - die einzigen Gegner sind Istanbul und Madrid, das angesichts der Wirtschaftskrise kaum eine Veranstaltung stemmen könnte, die in London rund zwölf Milliarden Euro kosten soll. Und als Nachfolger für den im nächsten Jahr ausscheidenden Präsidenten des Internationalen Olympischen Komitees, Jacques Rogge, ist als aussichtsreich eingeschätzter Konkurrent für den Deutschen Thomas Bach auch Ng Ser Miang aus Singapur im Rennen. Bisher haben in 118 Jahren sieben Europäer und ein Amerikaner den wichtigsten Posten des Weltsports besetzt.
Mittelständische Wertarbeit
Was bleibt da am Ende dem Westen? Jugendlicher Funsport, Gesundheitssport, Seniorensport? Und bei Olympia als Erfolgsfolklore ein paar Spezialitäten wie Military, Wildwasserkanu oder solche Disziplinen, die besonders hünenhafte Athleten benötigen, wie Rudern oder Handball? Immerhin beginnt an diesem Wochenende, als Gegenpol zu den Asien-Spielen, die Zeit der wichtigsten olympischen Sportart, die sich immer noch am ehesten der Einflussnahme durch geopolitische und globalökonomische Strömungen entzieht: die Leichtathletik.
Weil Laufen, Springen oder Werfen anders als Rudern, Reiten oder Bahnradfahren keine hohen technologischen oder ökonomischen Hürden vor den Einstieg in den Sport stellen, spielen hier auch Weltregionen eine Rolle, die sonst bei den Spielen kaum vorkommen: wie die Karibik, Nordafrika oder Schwarzafrika. Und da und dort auch Deutschland, vor allem mit mittelständischer Wertarbeit in der metallverarbeitenden Branche: Diskuswerfen, Kugelstoßen, Hammerwerfen.
Vor der Vergabe der Spiele an London im Jahr 2005 hatte Bewerbungschef Sebastian Coe fünf Versprechen gegeben, darunter das, „der Jugend ein bleibendes Erbe zu schaffen“ - die Spiele also zu verjüngen. Vieles wurde bisher gehalten, denn London 2012 funktioniert tadellos: dank großartiger Organisation, dank vieler freundlicher und kompetenter Freiwilliger, dank des heiteren, zivilen Umgangstons rund um die Wettkampfstätten. Und auch dank des britischen Sportpublikums, des vielleicht besten der Welt - es versteht nicht nur etwas vom Sport, auch davon, wie wichtig es ist, dem Chancenlosen die Würde des Wettkämpfers zu bewahren.
Mao und Heath
So feuerten 12.000 Zuschauer im Finale des Kanuslaloms, draußen in den südostenglischen Hügeln, unermüdlich den Slowenen Benjamin Savsek an, der gleich zu Beginn wegen zweier verpasster Tore aus dem Rennen war. Er gab sich nicht auf und wurde ein guter Letzter.
Und doch macht Olympia in London eine ungewohnte Erfahrung: Dass es kleiner ist als die Stadt, in der es stattfindet. Sonst ist Olympia, wo es auch hinkommt, für 16 Tage das Größte. Nicht in London. Dort kann man sich in der Innenstadt bewegen, ohne zu merken, dass in dieser Stadt Olympia stattfindet. Dazu macht Olympia die vielleicht noch schwierigere Erfahrung, dass es auch kleiner ist als die politischen, ökonomischen und sozialen Strömungen, denen es unterliegt. Deshalb klingt Coes Versprechen der Verjüngung heute nicht mehr sehr glaubwürdig - es stammt aus einer der alternden Gesellschaften des Westens. Die Verjüngung, wenn sie denn gelingt, wird wohl aus dem Osten kommen.
Aus Ländern wie China also, das Flagge zeigt in London und wenige Meter vom Themseufer entfernt Quartier bezogen hat. Zwei steinerne Löwen bewachen die olympischen Ringe im „China House“ in einem Seitentrakt des Waldorf Hilton. An den Wänden große Bilder von Sportlern - und von Mao mit Premierminister Edward Heath im Jahr 1975.
Gefallen von Ovtcharov
Viele Länder haben solche Häuser in London eingerichtet, auch Deutschland - eine Art nationaler Pavillon für diese Weltausstellung der Athletik. Man zeigt dort seine Sportler, seine Spezialitäten, seine Sehenswürdigkeiten. China aber präsentiert vor allem seine Stärke, sportlich wie wirtschaftlich. Mehrere Firmen aus China haben lukrative Aufträge bei London 2012 bekommen. Eine verkauft die olympischen Anstecknadeln. Eine andere lieferte die Sitze für die Arenen.
Die Chinesen sind es inzwischen gewohnt, dass der Westen ihre Wünsche erfüllt. So wurde an der Regent Street, wo während der Spiele die Flaggen der 206 olympischen Nationen wehen, auf Protest Chinas die Fahne Taiwans abgehängt und durch die des Nationalen Olympischen Komitees der Insel ersetzt - so wie es das IOC schon seit vierzig Jahren macht. Und dann tat der deutsche Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharow den Chinesen auch noch den Gefallen, im Kampf um die Bronzemedaille den Taiwaner Chuang Chih-Yuan zu besiegen - so dass die beiden chinesischen Finalisten am Freitag das Siegertreppchen nicht mit einem Sportler aus Taiwan teilen mussten.
„Wir haben versagt“
Die Selbstsicherheit der Chinesen geht sehr weit, vor allem im Tischtennis, jenem Sport, der durch ein zufälliges Zusammentreffen eines amerikanischen Spielers mit dem chinesischen Team bei der WM 1971 in Japan zur „Ping-Pong-Diplomatie“ der beiden distanzierten Großmächte und zum Besuch von Präsident Richard Nixon bei Staatschef Mao führte.
Vierzig Jahre später erklärte ein chinesischer Funktionär nach einer Weltmeisterschaft, bei der die Chinesen wieder einmal alles gewonnen hatten: „Wir haben versagt.“ Warum? Man müsse der Welt das Geheimnis des chinesischen Erfolges offenbaren. „Es ist nicht gut, wenn alle großen Titel bei internationalen Turnieren von Chinesen errungen werden.“ Natürlich haben sie auch in London versagt - und alle Einzelmedaillen im Tischtennis gewonnen.
Aber nicht immer entziehen sich die Sportler aus Asien dem europäischen Verständnis. Und damit auch der mitfühlenden Begeisterung, der sportlichen Empathie, die westlichen Zuschauern so wichtig ist - und die eines der Geheimnisse ist, die Olympia auch nach 116 Jahren noch lebendig halten. Ein solcher Moment, in dem ein Millionenpublikum einen ihm vorher unbekannten oder gleichgültigen Sportler in einem Wettkampf, in einer als dramatisch ungerecht oder besonders rührend empfundenen Szene für ein paar Stunden emotional adoptiert - ein solcher höchst olympischer Moment fand statt, als die Südkoreanerin Shin A-lam am Dienstag auf der Fechtplanche verharrte, um gegen die Dauer der letzten Sekunde ihres Halbfinalgefechts gegen die Deutsche Britta Heidemann zu protestieren.
72 Minuten Streik auf der Planche
Weil im Fechten die Zeit noch von menschlicher Hand, nicht der Elektronik bestimmt wird, dauerte diese Sekunde so lang, dass in ihr das Gefecht dreimal neu beginnen und dreimal eine Aktion stattfinden konnte - mit der letzten verlor die Koreanerin ihre Goldchance. Danach verharrte sie 72 Minuten auf der Planche, um zu protestieren, denn das Reglement schreibt vor, dass man mit Verlassen der Fechtbahn das Resultat akzeptiert. „Während ich da oben war, dachte ich über all die Zeit nach, die ich verbracht habe, um für die Spiele zu trainieren“, sagte sie später. Vier Jahre Arbeit, in einer Sekunde zunichtegeworden.
Die sanfte Verzweiflung in diesem Gesicht, erst in Tränen aufgelöst, dann wieder gefasst, am Ende ihrem Schicksal ergeben, bot ein bewegendes Bild, das Millionen Zuschauer in aller Welt nicht abschalteten. Shin A-lam wurde in der Niederlage von einer gesichtslosen Sportlerin zu einem Menschen, den man gern getröstet hätte. So wurde sie berühmt - wie 104 Jahre zuvor der italienische Zuckerbäcker Dorando Pietri, der bei den ersten Spielen in London als Führender das Olympiastadion erreichte. Doch dann war der Weg zu weit für ihn, ihm wurden jene Meter zum Verhängnis, um die die Marathonstrecke verlängert worden war, auf das bis heute gültige Maß von 42,195 Kilometer, damit das Ziel genau vor der königlichen Loge lag. Er kollabierte, brauchte fast zehn Minuten für die letzte Runde, so schoben ihn unter dem Jubel der Zuschauer zwei Offizielle über die Linie. Pietri wurde disqualifiziert - und zum Liebling der Spiele. Er erhielt einen königlichen Preis, Zeitungen sammelten Spenden für ihn, er wurde berühmt.
Auch Shin A-lam wurde berühmt. Sie verlor eine Medaille, bekam aber wie Pietri, wenn auch diesmal nicht vom König, einen Ehrenpreis. Weil sie Asien bei Olympia ein menschliches Gesicht gegeben hat.
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