Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte keine Wahl. Er musste die Ruderin Nadja Drygalla von ihrem Rückzug aus dem Olympischen Dorf überzeugen. Nur mit dieser Entscheidung ist eine Begrenzung des Schadens für die gesamte Mannschaft möglich.
Denn in der immer schneller rotierenden Welt der verkürzten, auf Effekte ausgerichteten Kommunikation hätte die Stichwort-Kombination „junge Deutsche, Freundin eines Nazis, Mitglied des Olympia-Teams“ schnell in England und dann in aller Welt ein groteskes, aberwitziges, falsches Bild produziert, gegen das aber jede Aufklärung machtlos gewesen wäre: deutsche Sportler von Nazis unterwandert. Dazu durfte es der DOSB nicht kommen lassen.
Nadja Drygalla war, so heißt es, völlig aufgelöst, am Boden zerstört, als ihr das ausweglose Szenario eröffnet wurde. Das ist verständlich. Wer sich vier Jahre knallhart auf einen Olympiastart vorbereitet, wer sich vielen Dingen entsagt, um das Traumziel einmal im Leben zu erreichen, der kann kaum akzeptieren, dass allein ihre Nähe zu einem rechtsradikalen Lebenspartner die olympische Reife in Frage stellt.
Zweifellos wirkt so eine Beziehung befremdlich. Seine Spitzensportler, so behauptet der DOSB gerne, kämpften ja nicht nur ums Gold, sondern ständig auch um eine aufrechte, anständige, demokratische Haltung auf dem Weg dahin. Das eine sei ohne das andere nichts wert. Das ist zwar eine Illusion, aber doch eine schöne Vorstellung.
Eine Charakterbewertung verbietet sich vorerst
Und so fragt man sich, ob denn eine intime Verbindung zu einem überzeugten Rechtsradikalen ohne Einfluss bleiben kann auf die eigene Weltanschauung. Die Antwort lautet wohl meistens: nein. Dabei könnte es genauso gut umgekehrt sein. Ist es denn auszuschließen, dass die Ruderin in irgendeiner Weise auf ihren Freund einwirkt? Solange diese Fragen nicht geklärt sind, verbietet sich eine Charakterbewertung.
Zumal die Rostockerin mehrfach beteuerte, die Werte des Sports und ihres Landes zu respektieren. Sie unterschrieb die Athletenvereinbarung und distanzierte sich am Donnerstag gegenüber dem Verband von einer nationalsozialistischen Gesinnung. Falls Nadja Drygalla auch tut, was sie sagt - bislang ist nichts Gegenteiliges bekannt -, dann darf sie nicht für das abscheuliche Verhalten von Menschen in ihrem Umfeld verantwortlich gemacht werden. Alles andere ist ihre Privatsache.
Der DOSB hat vorerst nicht den Stab über eine Athletin gebrochen, sondern versucht, seine Mannschaft vor den Folgen zu schützen. Das ist seine Pflicht. Nadja Drygalla muss nun die für sie bitteren Folgen tragen. Wer aber mit offenen Augen und Ohren in Deutschland lebt, der weiß, dass die private Verbindung eines mit Steuergeldern finanzierten Spitzensportlers zu Rechtsradikalen ernsthafte Fragen aufwirft.
Auch mit 23 Jahren hätte die ehemalige Polizeischülerin Nadja Drygalla diese Brisanz erkennen und ihren Fall früh klären können. Wahrscheinlich hatte sie Angst vor dem Druck der Gesellschaft: Privatleben oder Olympia.
Relative Grundrechte?
Till Heinz (tillheinz)
- 05.08.2012, 21:20 Uhr
Der Druck der Gesellschaft, was ist denn das?
fritz Teich (fazfazfaz123)
- 05.08.2012, 18:24 Uhr
Am Kern vorbei argumentiert!
Markus Merz (MarkusMerz)
- 05.08.2012, 11:03 Uhr
@ Hinrich Mock: Sie haben völlig recht ...
Volker Beismann (rautenklause)
- 05.08.2012, 10:51 Uhr
Kampf gegen Rechts
Till Heinz (tillheinz)
- 04.08.2012, 20:21 Uhr