Home
http://www.faz.net/-hc7-71vqj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Speakers Corner Quiet, please!

 ·  Übereifrige Volunteers, grölende Zuschauermassen, dröhnende Popmusik - ihr Engländer macht bei Olympia selbst dann ein großes Bohei, wenn es die Lage nicht hergibt. Quiet, please!

Kolumne Bilder (3) Lesermeinungen (1)
© dapd „Muuraymania“ in Wimbledon: Die Briten feiern frenetisch ihren neuen Tennis-Helden Andy Murray

Ist unheimlich zuvorkommend von Euch Engländern, dass Ihr überall, wo es halbwegs olympisch zugeht, einen freiwilligen Helfer hingestellt habt, der ankommende Menschen zu Schlangen aneinanderreiht oder Eintrittskarten prüft oder Fahrstühle beobachtet oder Kaffeeautomaten beaufsichtigt. Wäre allerdings noch viel netter gewesen, wenn Ihr den übereifrigen Volunteers vorab nahegelegt hättet, dass es ein hektisch Daherkommender nicht angemessen zu schätzen weiß, ausgiebig zur Befindlichkeit, zum Wetter und zu der Gesamtsituation befragt zu werden.

Ist ungeheuerlich gut gemeint von Euch, Engländer, aber in vielen Momenten, sorry, passt es nun mal gar nicht: the work calls, Ihr versteht? Überhaupt scheint Ihr, Engländer, die Stille nur schwer ertragen zu können und selbst dann ein großes Bohei machen zu müssen, wenn es die Lage gar nicht hergibt. In Wimbledon, traditionell ein Hort der Ruhe, hat Euch Olympia so crazy gemacht, dass Ihr vor den Spielen auf dem Centre Court Popmusik aus den Lautsprechern dröhnen lasst.

Ihr kreischt und applaudiert mitten im Match

Schlimmer noch, Ihr kreischt und applaudiert mitten im Match, wenn einer Spielerin, die deutlich in Führung liegt und kurz vor dem Sieg steht, ein Aufschlagfehler unterläuft. Wo ist der letzte Aufrechte, der ruft: Quiet, please! Und welcher Teufel hat Euch geritten, Engländer, dass Ihr einen Eurer Handballspieler bejubelt, beklatscht und feierlich verabschiedet, nachdem der Kerl soeben einem Gegner von hinten ein Bein weggesäbelt und dafür die Rote Karte erhalten hat? Echte Handballnationen hätten in einem solchen Augenblick nicht „Dschi-Bi“ gejohlt, sondern verschämt den Kopf gesenkt, zumindest aber geschwiegen.

Wart Ihr das nicht, Engländer, die die Fairness erfunden haben? Selbstverständlich erwidert Ihr Engländer, dass ein non plus ultra beschalltes Olympiastadion auch auf die Leichtathleten einen aufputschenden Effekt hat. Und Ihr verweist darauf, dass Eure beiden Prinzen Harry und William (nebst Gattin Catherine) auch ständig aus der royalen Haut fahren und die Münder weit aufreißen, wenn das Königreich noch mehr Gold scheffelt. Der kleine Prinz findet „die Begeisterung der britischen Öffentlichkeit erstaunlich“ - und damit offenbar auch seine eigene.

We are not amused

Neulich beim Dressurreiten gab es immerhin eine, die Euch ruhigstellte, zumindest vorübergehend. Da wart Ihr, Engländer, so aus Euch herausgegangen, dass das eigene Pferd scheu wurde und die eigene Reiterin einen Zeigefinger vor den Mund legen musste, um Euch augenblicklich Einhalt zu gebieten. Ist echt wahnsinnig toll, dass Ihr Euch unbeschränkt berauscht. We are not so amused.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1966, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge