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Speakers Corner Mind the Gap!

 ·  In Wirklichkeit ist London ein einziger Schilderwald. Einfach rumspazieren geht nicht - man muss sich durchbuchstabieren. Wir fordern daher: Weniger Schilder, mehr menschliche Ansprache. Wie in der Mensa.

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© dapd „Mind the Gap“ warnt den Fahrgast vor der Gefahr, für immer in dem Zwischenraum zwischen Zug und Bahnsteig zu verschwinden

Es hat viele Vorteile, wenn man lesen kann. Aber manchmal ist es auch ein Fluch, besonders in London. Diese Stadt wird für alles mögliche gehalten, für ein Sammelsurium historischer Steine zum Beispiel oder für einen Finanzmoloch.

In Wirklichkeit ist sie ein Schilderwald. Wer sich hier aufhält, wird an jeder Ecke zum Lesen gezwungen, überall steht etwas, und wenn es nur heißt: „Rechts gehen“, oder „Warten“, und das alle paar Meter für Doofe. Einfach rumspazieren geht in London nicht - man muss sich durchbuchstabieren. Bei uns in der Mensa, wo jeden Morgen das olympische Frühstück ausgegeben wird, hängt ein eigentlich sogar ganz nettes Schild vom Lebensmittellieferanten.

Zwischen bunten Abbildungen von Radieschen und Lauchstangen steht da: „Sagen Sie uns, wie Sie sich fühlen.“ Eine Aufforderung, der wir sogar mit Vergnügen nachkommen würden. Wir würden dem Händler gerne sagen, dass wir uns müde fühlen, obwohl wir heute Nacht ganz gut geschlafen haben. Und dass wir ein bisschen traurig sind, weil die Zeit so schnell vergeht. Doch wo ist er? Außer ein paar Beschwerdeformularen gibt es keine Spur.

Also gehen wir etwas niedergeschlagen zur Untergrundbahn, wo neue Schilder auf uns warten. Da heißt es mahnend: „Gegenstände, die in den Türen hängenbleiben, können Verspätungen verursachen.“ Und daneben: „Das Blockieren der Türen kann gefährlich sein.“ Und natürlich das berühmte: „Mind the Gap“, was den Fahrgast vor der Gefahr warnt, für immer in dem Zwischenraum zwischen Zug und Bahnsteig zu verschwinden.

Obwohl: Da unten sind wenigstens keine Schilder. Oben schon. Beim Blick auf die nächste Hauswand zucken wir täglich zusammen. Da steht folgende hämische Botschaft: „Tut uns leid, aber der Lebensstil, den Sie bestellt haben, ist leider im Moment nicht auf Lager.“ Als ob wir das nicht schon längst wüssten.

Wir fordern daher: Weniger Schilder, mehr menschliche Ansprache. Die toughe Lady mit dem kohlschwarz gefärbten Pony, die uns jeden Morgen in der Mensa das Rührei auf den Teller schaufelt, macht es doch vor. „Good Morning, Darling“, sagt sie jedes Mal mit Reibeisen-Stimme. Darling. Das klingt angenehm.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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