Die Sepp-Herberger-Weisheit „nach dem Spiel ist vor dem Spiel“ könnte man im Tennis leicht abändern zu „nach dem Turnier ist vor dem Turnier“, denn sobald ein Spieler seine Partie verloren hat, packt er seine Sachen und reist ab zur nächsten Veranstaltung. Da der Terminkalender fast immer gleich bleibt, wird er erst in einem Jahr wieder kommen – nur diesmal sieht in Wimbledon alles etwas anders aus. In drei Wochen sind alle wieder da – dann werden auf dem runderneuerten Rasen die Medaillen ausgespielt.
Einer wird nicht dabei sein, was man nicht unbedingt verstehen muss und vor allem Ausländer ziemlich überrascht. Dass der Deutsche Olympische Sportbund Tommy Haas die Möglichkeit verwehrt hat, eine „Wildcard“ durch den Internationalen Tennis-Verband (ITF) zu erhalten, bezeichnete so Roger Federer ganz entsetzt als Witz. Wie schlecht der ist, weiß der Schweizer am allerbesten – er hat gerade in Halle das Wimbledon-Vorbereitungsturnier gegen den Deutschen verloren.
Der DOSB wollte keinen Präzedenzfall schaffen, denn Haas hat die Nominierungs-Kriterien nicht erfüllt. Für Irritationen sorgt allerdings, dass in Deutschland die Anforderungen noch ein deutliches Stück höher geschraubt worden sind, als es die ITF vorschreibt. Platz 24 statt 56 der Weltrangliste sollte es so schon sein, wenn man als Deutscher in London mitmachen will – würde diese Norm überall gelten, käme das olympische Turnier allerdings gar nicht zustande oder müsste mit einem sehr überschaubaren Feld gespielt werden.
Haas hat sich mit seinem Erfolg in Halle auf Platz 50 der Welt vorgespielt – das ist mehr als beachtlich für einen, den nach einer Hüft-Operation die meisten Experten schon gänzlich abgeschrieben hatten und der vor einem Jahr quasi wieder von vorne beginnen konnten. In der Weltrangliste aber finden sich die Ergebnisse der vergangenen zwölf Monate wieder – nähme man nur die Jahreswertung in die Hand, würde man Haas sogar auf dem 28. Platz wiederfinden.
Ohrfeige von Bach
Erschwerend kommt hinzu, dass die Rangliste der Tennisspieler natürlich nicht mit der im Schwimmen oder in der Leichtathletik zu vergleichen ist. Wer in der Wertung im 100 Meter-Sprint an Position 50 plaziert ist, hat nicht die geringste Chance, den Endlauf zu erreichen geschweige eine Medaille zu gewinnen. Im Tennis aber sind noch ganz andere Dinge möglich, vor allem auf Rasen, vor allem in Wimbledon. Als Goran Ivanisevic 2001 triumphierte, war er in der Weltrangliste nur noch auf Rang 125 plaziert. Und mitspielen durfte er nur dank der „Wildcard“ des All England Lawn Tennis and Croquet Club.
Dass der DOSB in anderen Fällen in der letzten Nominierungsrunde Ausnahmen gemacht hat, dürfte dem Deutschen Tennis-Bund sauer aufstoßen. Die Hochspringerin Ariane Friedrich etwa darf nach London, ohne die Kriterien erfüllt zu haben, und die Erklärung von DOSB-Präsident Thomas Bach dürfte vor allem Tommy Haas als Ohrfeige empfinden: „Sie ist ein Wettkampftyp mit dem unbedingten Willen, gut abzuscheiden.“
Für keinen deutschen Tennisspieler aber würde genau das so gelten wie für Tommy Haas. Nach einer Schulteroperation musste er schon einmal 18 Monate pausieren, kam wieder, wurde von der Tennisbranche im Jahr 2004, für das Comeback des Jahres ausgezeichnet, musste später abermals wegen Schulterproblemen pausieren, erwies sich aber als Stehaufmännchen und gehörte nach dem Erreichen des Halbfinales von Wimbledon 2009 wieder zu den besten 20 Spieler der Welt, ehe ihn die Hüft-Operation abermals zurück warf. Hätte der DOSB ihn zur Nominierung vorgeschlagen und der ITF, die acht Plätze frei vergeben konnte, die Entscheidung überlassen, wäre der Deutsche vermutlich der allererste Kandidaten gewesen. So aber muss er nun zuschauen, und die ausländischen Kollegen fragen sich: Was ist da los in Deutschland?
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