Es gibt Nachrichten, die treffen wie ein Schlag in die Magengrube. Nachrichten wie die von diesem Dienstag. In einer Phase, in der sich im Schwimmsport alles um Zeiten, Normen und Qualifikationen für die Olympischen Spiele in London dreht, kam die Meldung, dass der Norweger Alexander Dale Oen, Weltmeister 2011 über 100 Meter Brust, im Trainingslager im amerikanischen Flagstaff einer Herzattacke erlegen war.
„Ich bin geschockt“, sagte der Essener Brustspezialist Hendrik Feldwehr via Twitter. Im vergangenen Jahr in Schanghai war Feldwehr im WM-Finale über 50 Meter Brust gegen Oen angetreten, hatte ihn als Viertplazierter um zwei Hundertstelsekunden geschlagen. Jetzt bleib ihm nur noch Fassungslosigkeit.
Was genau schuld war am Tod von Alexander Dale Oen, wird noch ermittelt. Bekannt ist bisher nur, dass Oen an diesem Tag offenbar in einer Phase relativ leichten Trainings war. Er war erst ein bisschen geschwommen, hatte dann eine Runde Golf gespielt und danach laut eines Polizeiberichts über ein Kältegefühl geklagt.
Nach Aussagen von Teammitgliedern nahm er deshalb kurz nach 19.30 Uhr eine Dusche, um sich aufzuwärmen. Als er nach gut 20 Minuten nicht zurück war, gingen zwei Teamkollegen nachsehen. Als sich Oen auf Zuruf nicht meldete, brachen sie die Tür auf und fanden ihn leblos zusammengesackt. Alle Wiederbelebungsmaßnahmen waren erfolglos.
„Meinem Bruder im Brustschwimmen“
Oens Tod erschütterte die Schwimmszene. In bewegenden Worten schilderten viele Athleten ihre Gefühle. „Meine Tränen wollen nicht aufhören“, twitterte der japanische Brust-Olympiasieger Kosuke Kitajima. „In meinem Herz bleibt ein großes Loch zurück.“ Der Südafrikaner Cameron Van Der Burgh, bei Oens WM-Sieg in Schanghai Dritter, der mit dem Norweger einst einen eindringlichen Augenblick erlebt hatte, als beim gemeinsamen Wassersport vor der südafrikanischen Küste direkt neben ihnen ein Killerwal aus dem Wasser schoss, schrieb: „Meinem größten Rivalen. Meinem größten Freund. Meinem Bruder im Brustschwimmen. Mögst Du in Frieden ruhen.“
Im vergangenen Jahr, nach seinem WM-Gold in Schanghai, dem ersten überhaupt für Norwegen im Schwimmen, hatte Oen viele Beobachter beeindruckt. Wenige Tage erst waren da vergangen, seit ein Attentäter in Norwegen 77 Menschen ermordet hatte.
Oen hatte den Norwegern Mut gemacht
Oen beschrieb, wie er versucht hatte, mit diesem Albtraum umzugehen, und er fand den richtigen Ton dabei. „Wir müssen irgendwann das Alltagsleben zurückkehren lassen. Wir dürfen nicht zulassen, dass dieser Kerl unsere Zukunft ruiniert“, sagte er. Er habe versucht, den Menschen in Norwegen zu zeigen, „dass wir in diesen Zeiten zusammenstehen müssen“. Es war nur Sport, es war nur eine Goldmedaille, aber Oens Sieg wurde für viele Norweger in einer verwirrenden, einer konsternierenden, einer niederschmetternden Zeit eine Hilfe, ein Signal, ein Fingerzeig, der neuen Mut machte.
Es wird auch bei den Spielen in London wieder ein Finale über 100 Meter Brust geben, und vermutlich werden dann auch Kitajima und Van Der Burgh mit dabei sein. Es wird ein schwieriges Finale werden, für alle. Besonders schwierig aber werden die Spiele in London für die norwegischen Schwimmer werden.
So vieles hat sich an dem Tag, an dem Alexander Dale Oen starb, in seiner Bedeutung relativiert, so vieles ist unsicher geworden, anders geworden. Wie sagte der norwegische Trainer Petter Loevberg: „Es gibt keine Worte. Er fehlt mir einfach so sehr.“