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London Calling Die Medaille liegt bereit

 ·  Matthias de Zordo macht alles mit links, vor allem Speerwerfen. Bislang hat er damit Erfolg. Im Sommer von London soll dem Weltmeister der nächste große Wurf gelingen, deshalb schaut er sich dort schon mal um.

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© Achim Dreis Zuversichtlich vor dem Olympiastadion: Speerwurf-Weltmeister Matthias de Zordo

Bei Madame Tussauds wird er wohl nicht verewigt, darüber macht sich Matthias de Zordo keine Illusion, selbst wenn er bei den Olympischen Spielen die Goldmedaille gewinnen sollte: „Da müsste ich schon Engländer sein“, meint der Speerwurf-Weltmeister. Doch selbst britische Leichtathleten haben es nicht leicht, ins berühmte Wachsfigurenkabinett zu kommen: Aus der aktiven Generation schaffte es bislang nur Mehrkampf-Liebling Jessica Ennis. Und einziger Deutscher ist Boris Becker, aber ob der noch im engeren Sinne als Sportler gezählt wird, darüber streiten sich die Geister.

Der Mann, der kein Trainings-Weltmeister sein will, aber dafür Weltmeister ist, lässt sich bei untypisch britischem Wetter durchs sonnige London treiben und genießt. Nicht „London Calling“ ist der Ruf, dem er folgt, sondern „Vision Gold“: Eine Fernsehproduktion führt den 24-Jährigen an die Stätte möglicher, künftiger Erfolge.

Der Kurztrip hält Gefühlsschwankungen wie ein großer Wettkampf bereit. Nervosität im Angesicht des Olympia-Countdowns auf dem Trafalgar Square: „Oh, es ist ja gar nicht mehr lange hin.“ Enttäuschung auf der Aussichtsplattform vorm Olympiastadion, die viel Baustelle bietet, aber wenig Flair. „Wirkliches Olympiafeeling kommt hier nicht auf.“ Erhöhter Puls dann im Britischen Museum, wo die original Goldmedaille der 2012er Spiele zum greifen nahe liegt – wenn auch hinter Glas: „da steigt die Vorfreude wieder.“

Eine Goldmedaille hat Matthias de Zordo schon zu Hause, im vergangenen Jahr war er bei seiner ersten WM-Teilnahme auf Anhieb Weltmeister geworden. „Die ist sogar noch größer“ vergleicht er seine bislang wichtigste Auszeichnung mit dem olympischen Goldstück. „Aber natürlich ist Olympiagold das Größte.“ Ideell gesehen.

Noch hat die Saison für den ausgeglichenen, jungen Mann aus Bad Kreuznach noch nicht mal begonnen, da türmen sich schon die Erwartungen. Denn vier Wochen vor den Olympischen Spielen werden im Sommer 2012 auch noch Europameisterschaften stattfinden. „Das ist noch die Frage, wie man damit klar kommt“, rätselt de Zordo bislang über das ungewöhnliche Jahr.

Glücklicherweise ist er nicht der Typ, der sich verrückt macht. „Locker bleiben“ ist bei ihm nicht nur ein Spruch, sondern gelebtes Leben. „Bringt ja nichts, wenn ich mir zu viel Druck mache, da werde ich nur fest“ – was sein Ausdruck für Verkrampfung ist.

Auch im Alltag neigt er nicht dazu, sich zu viel Stress zu machen. Er will nur werfen. Und hat sich deshalb der Sportfördergruppe der Bundeswehr angeschlossen. Früher war er ein talentierter Handballer, derzeit ist er der weltbeste Speerwerfer. Beim Dartspielen im Pub feuert der Linkshänder die Pfeile fast bis zum Schaft in die Scheibe.

Dass die Millionen-Metropole keine rechte Olympia-Vorfreude versprüht, irritiert ihn jetzt schon nicht mehr. Die Stadt ist sich selbst genug, und in dieser Selbstgewissheit kann der Kurzbesucher befreit aufgehen.

So könnte sein Motto für die gesamt Saison aussehen: Präsenz zeigen, alles mitnehmen, was sich lohnt, bei jedem Wettkampf mit guten Weiten überzeugen. Daegu, Schanghai, Oslo, Zürich sind seine Meilensteine in der Diamond League. Auch die EM in Helsinki will er wie ein Meeting angehen: hingehen, werfen, Medaille mitnehmen, nach Hause fliegen. Den ganz großen Wurf will sich de Zordo dann für London aufheben. Wobei seine Taktik dafür denkbar einfach ist: „Im ersten Versuch die Konkurrenz schocken, das ist mein einziger Plan.“

Man sollte den Sport eben nicht komplizierter machen, als er ist. Der Countdown läuft, das Stadion steht, die Goldmedaille liegt bereit.

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Jahrgang 1969, Sportredakteur.

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