Therese Alshammar musste sich mit zehn Jahren entscheiden, ob sie Leichtathletin, Balletttänzerin oder Schwimmerin werden wollte. Die Schwedin hat sich für den Schwimmsport entschieden - und denkt auch 24 Jahre und rund 70 internationale Medaillen später nicht ans Aufhören.
Sie werden im August 35 Jahre alt. Viele Ihrer ehemaligen Konkurrentinnen haben längst aufgehört, die Mädchen neben Ihnen auf dem Podium sind häufig mehr als zehn Jahre jünger als Sie. Fühlen Sie sich manchmal alt, wenn Sie durch die Schwimmhalle laufen?
Nein, nicht wirklich. Natürlich ist es auf dem Papier eine lange Zeit. Aber es gab so viele Veränderungen in meiner Karriere, so viele Höhe- und Tiefpunkte, dass mir das gar nicht so lange vorkommt. Ich bin älter, ja, aber ich fühle mich nicht alt. Ich bin jetzt richtig glücklich mit meinem Sport. Das war ich nicht immer.
Können Sie das näher erklären?
Nun ja, ich glaube, meine Zeit in Deutschland war kurzfristig gesehen vermutlich das Beste, was meiner Karriere passieren konnte. Als ich zu Dirk Lange gekommen bin und ein Jahr Vollzeit trainiert habe, bin ich richtig schnell geworden. Das war phantastisch für mich als Schwimmer. Aber als Mensch war es für mich nicht wirklich die beste Zusammenarbeit. Ich liebe die Idee eines Profi-Teams, in dem alle dasselbe Umfeld haben, aber wir hatten keine gute Atmosphäre. Es ging so viel mehr um die Resultate, als darum, die Reise zu genießen und Spaß dabei zu haben. Ich habe keine Probleme mehr mit Dirk, und wir reden auch miteinander, aber er hat keine guten Menschen geformt. Er formt gute Schwimmer, aber es gibt eben viel mehr im Leben, als ein guter Schwimmer zu sein.
Wie ging es nach Ihrer Deutschland-Episode weiter?
Nachdem es bei Dirk und mir gekracht hat, habe ich keinen Spaß mehr am Schwimmen gehabt. In den zwei Jahren danach habe ich nicht mehr viel trainiert, war vermutlich auch zu stur, wollte nicht wieder zu einem Trainer und habe dann gesagt: Okay, ich trainiere mich selbst und mache das, wonach mir ist.
Aber das war auch nicht der richtige Weg.
Nein. Das war hart. Es gibt nur wenige Schwimmer, die sich selbst coachen können, vor allem, wenn man Mitte zwanzig ist und kaum Erfahrung hat. Und doch habe ich wirklich lange gebraucht, um einen Coach zu finden, dem ich vertrauen konnte und mit dem ich arbeiten möchte. Dann habe ich 2004 Johan Wallberg getroffen.
Was waren die Unterschiede zwischen den beiden Trainern?
Dirks Einstellung ging mehr so: Du trainierst hart, du musst das machen und das, ein Sprinter verliert nie und so weiter. Das ist mental einfach wirklich hart. Johans Weg ist eher: Wir arbeiten hart, aber wir machen das Training interessant, so dass es eine gute Herausforderung ist, und dann bist du auch bereit, schnell zu schwimmen. Diese Herangehensweise ist viel eher mein Ding. Johan und ich haben zwar auch ein paar Jahre gebraucht. Ich hatte lange Zeit Probleme, nach Dirk wieder jemandem zu vertrauen. Aber die letzten vier Jahre waren wirklich gut. Und ich bin sehr glücklich mit dem, was ich lerne. Als Schwimmer und als Mensch.
Das klingt, als hätten Sie damals kurz davor gestanden, aufzugeben.
Nein, daran habe ich nie gedacht. Eigentlich komisch, denn vielleicht hätte ich daran denken sollen, aber das ist mir nie in den Sinn gekommen.
Sie haben zwei Tattoos auf dem Rücken: Diva und Copyright. Welche Bedeutung haben diese Schriftzüge für Sie?
Sie bedeuten, dass ich mal sehr jung war. Ich war damals 17, jetzt bedeuten sie nicht mehr viel für mich. Ich bin froh, dass sie auf meinem Rücken sind und ich sie nicht sehen muss. Ich bereue es nicht, aber ich würde es auch nicht noch mal machen.
Sie haben lange dieses Diva-Image gehabt. War das kalkuliert?
Nein. Es ist ziemlich hart, im Sport ein erfolgreiches junges Mädchen zu sein. Es ist nicht schwer, Leistungen zu bringen, der harte Teil ist der Umgang mit den Medien, damit, über sich selbst zu reden und, ja, sich irgendwie als Objekt präsentieren zu müssen. Denn auch wenn du es gar nicht willst, wirst du doch von der Außenwelt so wahrgenommen. Ich habe damals schnell die Stempel sexy und schwedisch abbekommen, ich war die mit den Tattoos. Natürlich hatte ich auch einige Sponsoren genau deswegen, was im Schwimmen sehr hilfreich ist. Und natürlich wirst du dadurch mehr wahrgenommen, aber eben nicht nur wegen der Resultate, sondern mehr dafür, wie du aussiehst und was du machst. Es ist heikel. Wenn ich einmal Kinder habe - was ich hoffe -, dann werde ich da sehr vorsichtig sein.
Zeigt Ihnen Ihr Körper nach so vielen Jahren Leistungssport langsam die Grenzen auf?
Nein, ich bin heute sogar in der Lage, viel härter zu trainieren als früher. Die letzten drei Jahre habe ich sogar mehr trainiert als mit Dirk. Und es geht mir gut. Ich glaube auch nicht, dass es wirklich Grenzen in der Physis gibt, die sind vielmehr mental. Wenn du etwas nicht genießen kannst, dann ist es das auch nicht wert, sich dafür zu schinden. Aber wenn du Spaß hast, nicht verletzt bist und dich gesund fühlst, dann ist das der perfekte Weg, den Tag zu verbringen.
Aber verwunderlich ist es schon, dass Sie offenbar immer noch besser werden. Wie erklären Sie sich das?
Ich weiß nicht, wieso das so ist. Mein Trainer und ich glauben, dass du ab einem gewissen Alter dein Pensum immer erhöhen musst, um besser zu werden und dich weiterzuentwickeln. Natürlich wird da ein Limit kommen, aber bisher war es wirklich gut für mich.
Sie fahren in zwei Wochen zu Ihren fünften Olympischen Spielen. Haben Sie eine Lieblingserinnerung, wenn Sie zurückschauen?
Ich liebe es, bei den Spielen zu schwimmen, aber - und das ist vermutlich schlimm, dass ich das jetzt sage - ich glaube, ich bevorzuge Weltmeisterschaften. Bei Olympia geht das Schwimmen irgendwie unter in dem ganzen Drumherum. Als Sportler kostet es dich so schon genug Kraft, bei einem Wettkampf zu sein. Und bei Olympia gehst du dann schnell verloren in alldem, was so um dich rum geschieht.
Wie haben Sie die vergangenen Spiele erlebt?
Es klingt vielleicht komisch, weil es auf dem Papier ja ganz gut aussieht, aber ich selbst denke nicht, dass meine Spiele bisher so gut gewesen sind. In Atlanta war ich eigentlich nur da, um zu lernen. Damals war ich ja noch Rückenschwimmerin. 2000 mit Dirk habe ich zwar drei Medaillen gewonnen, aber ich war sehr unglücklich während der Spiele. 2004 habe ich gerade angefangen, mit Johan zu arbeiten. Ich hatte eine wirklich schlechte Vorbereitung, weil ich die drei Jahre davor nicht wirklich viel trainiert habe. Danach hatte ich ein paar gute Jahre, doch 2008, als die Hightech-Anzüge kamen, war ein stressiges Jahr für mich. Zuschauen zu müssen, wie schnell die Leute auf einmal waren, das war eine fürchterliche Erfahrung.
Also kommt nun alles auf London an? Olympisches Gold fehlt Ihnen ja noch.
Ja, vielleicht werden diese Spiele ja spaßig und erfolgreich. Natürlich ist der einfachste Traum, den man sich setzen kann, Olympia-Gold zu gewinnen. Ich habe noch keins, ich schwimme schon lange, also ist es klar, dass ich auch darüber nachdenke. Aber ich weiß auch, dass ich einfach froh drüber sein kann, dass ich die Möglichkeit habe, nach London zu fahren und mein Bestes zu geben. Ich wäre sehr, sehr glücklich, mit einer Medaille aus London wiederzukommen, das kann ich sagen. Und ich kann sagen, dass ich danach nicht zurücktreten werde, falls Sie das noch fragen wollten. Ich werde weiter schwimmen, wahrscheinlich bis 2014.