Der Start von Oscar Pistorius bei den Olympischen Spielen ist keine Frage der Gerechtigkeit, sondern eine des Regelwerks. Wenn jemand Leistungen erbringt, die ihn zu einem Wettbewerb qualifizieren, etwa die Olympianorm, muss man ihn starten lassen. Und wenn ihm die beiden Unterschenkel amputiert sind und sich an ihrer Stelle Prothesen befinden, ist das kein unerlaubtes Hilfsmittel, sondern schlicht ein Ersatz der Beine. Oscar Pistorius kann ja schlecht auf seinen Beinstümpfen laufen oder auf allen Vieren kriechen.
Der Internationale Sportgerichtshof Cas hat entschieden, dass die Prothesen dem Läufer keinen Vorteil verschaffen. 400 Meter werden ja nicht auf einer Geraden ausgetragen, wie es seinerzeit das Gutachten des Verbandes unterstellte, sondern die Runde durchs Stadion hat zwei Kurven. Hier liegt der Nachteil: Der menschliche Fuß ist der Prothese weit überlegen. Es gibt einfach keine Prothese, die die Beweglichkeit und Stabilität eines Fußgelenks hat. Wir müssen gar nicht in eine Inklusionsdebatte eintreten: Im Fall Pistorius geht es allein um den Respekt vor seiner großartigen Leistung. Der Mann hat sich auf zwei Prothesen für die Weltmeisterschaft und die Olympischen Spiele qualifiziert.
Oscar Pistorius ist nicht der erste Sportler mit Handicap, der bei Olympia startet. Vor ihm gab es schon Bogenschützen im Rollstuhl und eine sehbehinderte Läuferin. Aber gerade seine Wirkung in der Öffentlichkeit und seine Erfolge machen jedem deutlich, zu welchen Leistungen Menschen mit Behinderung in der Lage sind. Seine Bestzeit über hundert Meter von 10,71 ist weniger als eine Sekunde von den Zeiten entfernt, die Weltklasseläufer mit zwei Beinen laufen. Die Bestzeit von Heinrich Popow, der mit einer einzigen Beinprothese laufen muss, steht bei 12,66. Auch das ist eine Zeit, die Leute wie du und ich nicht erreicht haben bei den Bundesjugendspielen.
Solche Athleten muss man unterstützen. Man darf sie nicht behindern und bekämpfen. Denn als das empfinde ich es, wenn im Regelwerk von Sportverbänden explizit der Einsatz von Prothesen verboten wird: als Diskriminierung. Man schließt einen Menschen mit Behinderung aus. Ebenso ist es, wenn man gegen besseres Wissen festlegt, dass eine Prothese ein unerlaubtes Hilfsmittel sei. Für mich gehört Oscar Pistorius zu Olympia; möglicherweise als Vorkämpfer für die Inklusion, vielleicht als Vorbild für andere. Auf alle Fälle aber als großartiger Athlet, der sich diese Chance hart erkämpft und der sie verdient hat.
Mit diesen Prothesen wird eine andere Sportart begründet !
Karl Dietrich Naumann (Huga)
- 04.08.2012, 14:56 Uhr