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Olympisches Boxturnier Sandsäcke zu Siegern

 ·  Ein Ringrichter, der nicht zählen kann, und Geld aus Aserbaidschan: Amateurboxen präsentiert sich auch in London als anrüchige Disziplin - wieder einmal.

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© dapd Such den Fehler: Abdulhamidow (am Boden) bezwingt Shimizu (rechts) - Kampfrichter Meretnijasow möchte nicht bis acht zählen

Es war ein Boxkampf am Rande der olympischen Aufmerksamkeit, ein Erstrundenduell zwischen einem Aserbaidschaner und einem Japaner. Doch die letzten drei Minuten des Erstrundenduells im Bantamgewicht gehören zu den kuriosesten Begebenheiten der Spiele von London. Schon dass Magomed Abdulhamidow gegen Satoshi Shimizu nach zwei Runden mit 12:5 Punkten in Führung liegen sollte, erschien Beobachtern seltsam.

Dann begann die dritte Runde, in deren Verlauf der Aserbaidschaner immer deutlicher mit seinen Kräften am Ende war. Mitte der Runde sackte er nach vorn, hielt sich am Gegner fest, riss ihn mit sich zu Boden. Kurz danach, abermals getroffen, kroch er wieder in der Horizontalen herum. Und so ging das weiter, Abdulhamidow war kaum mehr als ein Sandsack für seinen Gegner. Insgesamt sechsmal ging er in dieser Runde zu Boden. Nach dem Schlussgong musste er sich in seiner Ecke an den Seilen festhalten.

Das Unglaubliche daran: Abdulhamidow war kein einziges Mal angezählt worden. Der Ringrichter aus Turkmenistan, Ishanguly Meretnijasow, missachtete die simpelste Grundregel seines Metiers: Ein Boxer, der nach Schlagwirkung zu Boden geht, muss bis acht angezählt werden. Doch Meretnijasow gab dem Niedergeschlagenen immer nur das Zeichen, wieder aufzustehen. Hätte der Ringrichter regelgemäß gehandelt, Abdulhamidow wäre nicht bis zum Schlussgong gekommen. Wenn ein Boxer in einer Runde zum dritten Mal angezählt werden muss, wird der Kampf abgebrochen und er zum Verlierer erklärt.

Der des Zählens bis acht nicht mächtige Turkmene hatte für den Aserbaidschaner den Vorteil, dass er nun in den Genuss eines Punkteurteils kommen konnte. So gab es den zweiten, ebenfalls unglaublichen Teil der Vorstellung - denn die Punktrichter werteten die dritte Runde nur mit 12:10 für den entgeisterten Japaner. Sie hatten also einen Boxer, der die meiste Zeit am Boden oder in den Seilen war, zehn klare Treffer austeilen sehen. Als der Ringrichter den Arm des wankenden Punktsiegers hochhielt, schüttelte der Verlierer fassungslos den Kopf.

„Unglaublich“ fanden auch die Kommentatoren der Live-Übertragung im amerikanischen Sender NBC Verlauf und Ergebnis des Kampfes. „Das ist es, was der Ringrichter erreichen wollte. Er wollte diesen Kämpfer retten. Jeder sollte sich das anschauen und sich klarmachen, warum dieser Sport mittlerweile als Witz betrachtet wird.“ Weil es mittlerweile im Boxen den Videobeweis gibt, investierte Japan die nötigen 500 Dollar und legte Protest ein.

Hilfe vom Minister für Notfallsituationen

Und der Amateurbox-Weltverband (AIBA) beeilte sich, der Sache nachzugehen, denn da gab es diese unangenehme Geschichte, die das Resultat des Kampfes in ein sehr interessantes Licht setzte: Im vergangenen Jahr war Aserbaidschan beschuldigt worden, sich mit viel Geld Siege im Amateurboxen erkaufen zu wollen. Damals war aufgedeckt worden, dass aus Aserbaidschan ein „Darlehen“ von neun Millionen Dollar an die AIBA für deren defizitäre Profi-Organisation „World Series Boxing“ (WSB) gekommen war.

Als Drahtzieher des Deals gilt der mächtige Kamaladdin Heydarow, offiziell „Minister für Notfallsituationen“. Laut einem BBC-Bericht im Dezember seien als Gegenleistung dafür zwei Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen 2012 versprochen worden. Ivan Khodabakhsh, der Chef der WSB, soll demnach vor Zeugen gesagt haben: „Wir sind nun sicher. Aserbaidschan hilft, wir müssen ihnen dafür Medaillen geben.“

Diese Darstellung wurde nun abermals energisch von der AIBA dementiert - nicht aber von den Ereignissen im Boxring. Um einen Imageschaden abzuwenden, half da nur die rasche Korrektur des Ergebnisses. Nach einstündiger Beratung wurde der Ringrichter aus dem Turnier geworfen, die Entscheidung revidiert, der Japaner zum Sieger erklärt.

Der letzte Amerikaner darf bleiben

Dennoch kommt keine Ruhe ins Turnier der Boxer, die spätestens seit dem Skandal bei den Spielen 1988 in Seoul als anrüchigste Disziplin der Spiele gelten. Ein weiteres umstrittenes Urteil gab es, als das Kampfgericht einem Protest der Vereinigten Staaten gegen die Niederlage des Weltergewichtlers Errol Spence gegen den Inder Krishan Vikas nachgab.

Es ist damit das erste Mal seit Einführung der aktuellen Regeln 2006, dass in einem Turnier das Ergebnis gleich zweier Kämpfe revidiert wurde. Der Inder lag am Ende mit 13:11 Punkten vorn, doch entschied die AIBA, dass der Ringrichter ihn für insgesamt neunmaliges Halten und für das Ausspucken des Mundschutzes in der letzten Runde mit „mindestens vier Punkten für den amerikanischen Boxer“ hätte bestrafen müssen. So wurde Spence zum Sieger erklärt - zum Glück für die TV-Vermarktung. Er ist der letzte noch verblieben Amerikaner im Turnier.

Aserbaidschaner und Amerikaner sind nicht die Einzigen, deren Siege von der Konkurrenz mit besonderem Argwohn beäugt werden. „Betrug, Betrug, Betrug“ witterte der Inder Manoj Kumar nach seiner umstrittenen 16:20-Niederlage gegen den Briten Tom Stalker. „Es sieht nicht aus wie ein olympisches Turnier, es sieht aus wie ein Bezirksturnier. Denn wenn ein Brite im Ring ist, ist alles egal.“ Am Mittwochabend bezwang Stalkers Landsmann Anthony Ogogo im Viertelfinale des Mittelgewichts den Berliner Stefan Härtel, nach Ansicht der Kampfrichter, die alle Runden für Ogogo werteten, mit 15:10 Punkten. „Ogogo hatte Heimrecht“, sagte Härtles Trainer Valentin Silaghi anschließend. „Aber wir haben eine tolle Leistung von Stefan gesehen.“

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