Daheim ist es am schönsten. Das können die Londoner in diesen Tagen sagen. Sie treten vor die Tür, und schon stehen sie mitten im schönsten Sommer. Um die Ecke wartet auch noch das größte Sportfest, ihre Olympischen Spiele. Sie freuen sich nicht nur auf die ersten Entscheidungen am Samstag. Der Radsprinter Mark Cavendish soll zum Auftakt gleich Olympiasieger werden. Nein, sie reiben sich schon zwei Wochen vor der Bilanz die Hände. Denn der Heimvorteil, behaupten Statistiker, ist pures Gold wert.
Das kann man gerne in Frage stellen. Die 100-Meter-Bahn wird auch für den gemeinen britischen Sprinter nicht gekürzt. Handball konnten sie noch nie, und im Basketball hängt der Korb mit 3,05 Metern nach wie vor zu hoch. Aber wer einmal von der Begeisterung Abertausender Landsleute ins Ziel getragen worden ist, der weiß um die Schubkraft der Emotionen beim Rennen auf dem eigenen Geläuf. Es gibt allerdings auch ganz nüchterne Erklärungen. Die Briten kennen ihre nagelneuen Sportstätten in- und auswendig. Sie haben so oft wie möglich dort trainiert, haben sich an alles gewöhnt, an das Wasser im Schwimmbecken, den Boden der Tartanbahn im Olympiastadion, an die Luft im Velodrom.
Bei so einer nationalen Operation Gold wird eben nichts dem Zufall überlassen. Und weil Nuancen die Wettkämpfe der Topathleten entscheiden, sind winzige Details bei diesem angekündigten Homerun so wichtig. Dafür müssen die Athleten einiges schlucken. Der Gold-Kandidat aus England tut gut dran, der heimischen Küche treu zu bleiben: jeden Morgen rote Bohnen! Nichts wäre schlimmer, als von der Gewohnheit abgelenkt zu werden.
Fetter Zuschlag vor der eigenen Haustür
Es gibt zwar keinen wissenschaftlichen Beleg für die Heimvorteil-These, aber eine beeindruckende Zahlensammlung. Wer alles richtig macht bei den Spielen vor der eigenen Haustür, darf mit einem fetten Zuschlag rechnen: 13,2 Goldmedaillen mehr als bei den Spielen der vergangenen Olympiade. Der „Daily Telegraph“ hat dieses Zahlenwerk vorgestellt und Verzücken ausgelöst. Denn Großbritannien würde das zwölf Milliarden Euro teure Heimspiel demnach 32 Goldmedaillen bescheren. Deutschland wäre abgehängt und Russland wohl überholt. Schöne Aussichten.
Aber in den eigenen vier Wänden gibt es ja, wie man so hört, auch schon mal mächtig Druck - vom Haushaltsvorstand. Das führt nicht immer zu einem besseren Einkommen. Edwin Moses, Olympiasieger über 400 Meter Hürden, warnt deshalb vor der „Schockstarre“, die selbst den professionellsten Athleten packen kann, wenn er unter dem Überdruck der Erwartungen den Tunnelblick verliert. „Bleiben sie“, sagt der Amerikaner, „im Gladiatorenmodus.“ Das ist leicht gesagt. Die Briten scheiterten vor 64 Jahren offenbar an dieser Übung. Beim letzten Heimspiel schnitten sie mit drei Goldstücken statt vieren schlechter ab.
Auf eine allgemeine Nervenschwäche aber sollten sich die Gegner der Heimmannschaft diesmal nicht verlassen. Ihnen kann immerhin mit einer Weisheit unter Wissenschaftlern geholfen werden: Traue nie einer Statistik, die du nicht selbst gefälscht hast. Dass die Amerikaner 1904 in St. Louis 78 Goldmedaillen gewannen, 59 mehr als vier Jahre zuvor, trieb nicht nur den Zugabeschnitt gewaltig nach oben. Der Heimvorteil hatte damals auch eine spezielle Bedeutung. Von der Veranstaltung der Spiele wusste kaum jemand.
Gewinnen, an Sicht
horst lien (gentlemensch)
- 27.07.2012, 16:26 Uhr