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Olympia-Kommentar Hochkonjunktur für Ausreden

 ·  Der Blick auf den Medaillenspiegel ist für die Sportverantwortlichen vieler Länder eine Qual. Das Abschneiden bringt sie in Erklärungsnöte. Doch dumme Ausreden sind schon seit 1896 olympische Disziplin.

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© dpa Sprint-Weltmeister Grégory Baugé (links) nahm nach seiner Niederlage gegen den Briten Jason Kenny den Journalisten das Fragestellen ab und interviewte den Sieger

Zwei Drittel der Spiele sind vorbei. Es ist die Zeit, in der Schuldige gesucht werden. Oder wenigstens Ausreden. Denn der Blick auf den Medaillenspiegel ist für die Sportverantwortlichen vieler Länder in diesen Tagen eine Qual. Er stellt ihre Daseinsberechtigung in Frage. In Deutschland ist man noch nicht so weit, diese Diskussion zu führen.

Schließlich gibt es noch die Chance, die dürftige Ausbeute im Endspurt zu schönen. Allerdings hat der Standardtext der Einladungen zu den Pressekonferenzen im „Deutschen Haus“ in London zuletzt eine interessante Änderung erfahren. Bisher hieß es, dort könne man „die Medaillengewinner des Vortags“ sprechen. Nun nur noch „die Finalisten des Vortags“.

In Japan müssen sich Funktionäre für das schwächste Ergebnis verantworten, das japanische Judoka je hatten (nur ein Gold). Judo ist nicht irgendein Sport, es ist Japans Sport. Deshalb fordert die Presse nun „eine Revolution“. In Frankreich, wo man sich mit Revolutionen auskennt, stehen die plötzlich erfolglosen Radfahrer in der Kritik.

Deshalb nahm Sprint-Weltmeister Grégory Baugé nach seiner Niederlage gegen den Briten Jason Kenny den Journalisten das Fragestellen ab und interviewte den Sieger: Wie er sich vorbereitet habe? Ob er nun wieder bis Rio 2016 abtauchen werde? Um dann wieder „boom“ zu machen? Und seine Teamchefin Isabelle Gautheron spekulierte über die „magischen Räder“ der goldscheffelnden Briten.

„Ich kam einfach nicht mehr weg davon“

Selbst in Ländern, die oben stehen im Spiegel, hat man Erklärungsnöte. So behaupteten chinesische Staatsmedien, das Gold der kasachischen Gewichtheberin Zulfiya Chinshanlo gehöre eigentlich China. In Wahrheit heiße sie Zhao Changling und sei auf „Leihbasis“ nach Kasachstan gekommen - als angebliches Gegengeschäft für Gefälligkeiten bei sportpolitischen Entscheidungen. Klingt abenteuerlich.

Doch dumme Ausreden sind schon seit 1896 olympische Disziplin. Ein französischer Basketballer erklärte die Schwäche im Auftaktspiel mit Rückenschmerzen wegen des langen Stehens bei der Eröffnungsfeier. Die australische Schwimmerin Emily Seebohm entschuldigte ihr Scheitern mit dem exzessiven Gebrauch sozialer Medien wie Facebook und Twitter: „Ich kam einfach nicht mehr weg davon.“

„Das Geld ist der Unterschied zwischen Silber und Gold“

Auch Australiens Funktionäre suchen nach Erklärungen für ihre schwache Bilanz, die den angestrebten Platz unter den fünf besten Nationen weit verfehlt. Für John Coates, Präsident des Nationalen Olympischen Komitees, ist die Schule schuld: zu wenig Sportstunden. Für IOC-Mitglied Kevan Gosper ist es die Regierung, weil sie die Sportförderung verringerte: „Das Geld ist der Unterschied zwischen Silber und Gold.“ Für den Chef der australischen Schwimmer, Leigh Nugent, ist es gleich ganz Australien: „Wir leben in einer Gesellschaft, in der Leute den einfachen Weg suchen.“

Das Schlimmste sind dabei die Erfolge des kleinen Nachbarn Neuseeland. Der hatte nach zwei Dritteln der Spiele ein Gold mehr als die Australier - und stand damit in einer Wertung, die Medaillen in Bezug zur Bevölkerungsgröße setzt, als das sportlichste Land der Welt da. Dabei hätte es noch eine mehr werden können, wäre dem Doppelvierer der Frauen nicht ein Malheur passiert: Ein Ruderblatt brach. Und das ist endlich mal eine olympische Ausrede, die man gelten lassen könnte.

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Jahrgang 1959, Sportkorrespondent in München.

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