Home
http://www.faz.net/-hfn-71ngk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Olympia-Kommentar Für Leib und Seele

 ·  IOC-Präsident Jacques Rogge will die Spiele erst beurteilen, wenn sie vorbei sind. Erleben möchte er sie möglichst nahe bei den Athleten. Es könnte eine wunderbare letzte Runde werden, die er in seinem olympischen Spitzenamt dreht.

Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)
© dpa Seine sechsten Spiele als Präsident: Jacques Rogge hat nach viel Arbeit endlich Zeit für Gefühle

Wenn stimmt, was die Herren Olympier so erzählen, könnte es in diesen Tagen passieren, dass Lord Sebastian Coe und Graf Jacques Rogge sich zufällig in der Untergrundbahn begegnen. Beide wollen während der Spiele die angeblichen Vorzüge der Londoner Tube genießen. Dann würden sie einander sicherlich höflich begrüßen und anschließend übers Wetter plaudern. Und es steht zu hoffen, dass sie in den kommenden beiden Wochen keinen Grund haben, ihre Unterhaltungen über den alltäglichen Smalltalk hinausgehen zu lassen.

Das heißt, über Sport müssten die beiden natürlich auch noch reden. Denn jetzt geht es los: Die Spiele der XXX. Olympiade brechen sich Bahn, und schon wird geradelt, gerudert, geschwommen und geturnt im Zeichen der fünf Ringe. Für Sebastian Coe, den Chef-Organisator der Spiele, geht der Stress nun in die nächste Dimension. Jacques Rogge, der oberste Olympier, will sich dem genussreichen Teil seines Amtes zuwenden. Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) hat vor, alle 26 Sportarten zu verfolgen. Sooft er kann, will der 70 Jahre alte Belgier im Athletendorf schlafen, mit den jungen Leuten essen und sie an den Wettkampfstätten ehren. Es könnte eine wunderbare letzte Runde werden, die Rogge in seinem olympischen Spitzenamt dreht. Am Vorabend seiner sechsten und letzten Spiele als Präsident wirkte er jedenfalls frisch und gelassen, trotz der kräftezehrenden Sitzungen, die der Eröffnungsfeier vorausgegangen waren.

Die Würdigungen folgen erst in einem Jahr

Die Würdigungen von Rogges Amtsführung werden erst in gut einem Jahr folgen, wenn in Buenos Aires sein Nachfolger gewählt wird. Und auch die Spiele von London will er erst beurteilen, wenn sie vorbei sind. Es werden wohl europäische, fundierte, glaubwürdige Spiele werden in dem Land, das dem modernen Sport seinen Geist und seine Regeln gab. Und es könnten nach den vielfältigen Konflikten während der Vorbereitung - von der Diskussion um die Schweigeminute für die Opfer von München 1972 über die Frage, welche Funktionäre und Staatsoberhäupter unerwünschte Personen auf der olympischen Tribüne sind, bis zur Verwechslung der koreanischen Fahnen - auch Spiele der britischen Gelassenheit werden in einem Freiraum, der auch durch einen riesigen militärischen und technischen Aufwand geschaffen wurde.

Er hasse das Wort Sorgen, sagte Rogge am Tag der Eröffnung, er bevorzuge den Begriff Prioritäten. Erste Priorität hat allerdings auch für ihn die Sicherheitsfrage. Die Versuche, die Olympischen Spiele als Schauplatz politischer Konflikte zu benutzen, sind vielfältig. Schon München 1972 habe gezeigt, dass wir in einer gefährlichen Welt lebten, sagte Rogge am Freitag, allerdings mit der milden Miene des erfahrenen Weltmannes. Viel lieber als mit den Brutalitäten da draußen und den Bedrohungen für Olympia will er sich jetzt mit den Glanztaten des britischen Segelheroen Ben Ainslie befassen, dem High-Speed von Usain Bolt oder auch seinen belgischen Pedaleuren.

Endlich Zeit für Gefühle: Eine frühe Goldmedaille, meinte Rogge, könne eine ganze Nation happy machen. Und natürlich ganz besonders das Gastgeberland Großbritannien, dessen großer Staatsmann Sir Winston Churchill - anders als oft behauptet - beileibe kein Spielverderber war, sondern sich mit einem seiner Aphorismen als wahrer Sportsfreund outete: „Man soll dem Leib etwas Gutes bieten, damit die Seele Lust hat, darin zu wohnen.“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

Jüngste Beiträge