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Olympia-Kommentar Der Segen der Sehhilfe

 ·  Gäbe es keinen Videobeweis, wäre in diesen olympischen Zeiten der Ungerechtigkeit Tür und Tor geöffnet. Das Fotofinish im Londoner Triathlon beweist: Mit modernster Technik finden die Kampfrichter Unterschiede, wo keine sind. Vorausgesetzt, sie arrangieren sich mit den Hilfsmitteln.

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© dpa Erfolgreich auf ihr Recht gepocht: Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf (im Foto Mitte)

Die moderne Technik ist ja ein großer Segen für die Menschheit. Man stelle sich nur vor, den Videobeweis im Sport gäbe es nicht. Dann würde einer himmelschreienden Ungerechtigkeit Tür und Tor geöffnet, wahrscheinlich an jedem Tag, vielleicht sogar zu jeder Stunde in diesen olympischen Zeiten. Wenn doch ständig an der Grenze der Regeln gelaufen, gerannt und gesprungen wird. Ganz sicher wäre es also ohne die großartigen Einwicklungen am Samstagabend im Olympiastadion zu einem Skandal gekommen. Aber die Siebenkämpferin Lilli Schwarzkopf hat die Fehlsichtigkeit des Menschen nie aus den Augen verloren und auf der Laufbahn so lange auf ihr Recht gepocht, bis die Kampfrichterin den Videobeweis rausrückte. Und siehe da, der Film zeigte zwar einen übertretenden Fuß, aber nicht den von Lilli Schwarzkopf.

Wie das Zusatzspiel des Athleten nach dem Sport, recht haben und recht bekommen, wohl ausgegangen wäre, wenn die Jurorin mit dem Silberblick keine Sehhilfe gehabt hätte, sollte man sich lieber nicht vorstellen. Kampfrichter sind mitunter Machtmenschen und gar nicht traurig, dass sie mit ihrer Ausrüstung nicht gerade auf der Höhe der Zeit sind. Die Steinzeituhr im Fechten gehört dazu. Sie kennt nur Sekundensprünge. Und hüpft etwa beim Ende einer Attacke vor Ablauf einer Sekunde immer wieder zurück. Als sei nichts passiert.

So kann man ganz schön Zeit gewinnen auf der Erde. Wenn jede Sekunde so lange dauert, hatte ein südkoreanischer Funktionär nach der Niederlage seiner Athletin gegen Britta Heidemann erklärt, werden wir alle steinalt. Vielleicht spendiert das Internationale Olympische Komitee den Fechtern ja mal eine Stoppuhr, die Vergänglichkeit in Zehntelsekunden anzeigt. So etwas soll es geben.

Der Videobeweis dient nicht nur den Ehrlichen

Der Sport könnte hier und da also eine Aufrüstung gut vertragen. Ein Videobeweis im Tischtennis hätte Ding Ning vielleicht großen Frust erspart. Im Goldgefecht mit ihrer Teamkollegin verlor sie vor dem Titel einen Punkt wegen eines angeblich illegalen Aufschlags. Mit der neuesten Überwachungstechnik (aus China) wäre vielleicht der Gegenbeweis geführt worden. Ding beteuert, zwei Jahre wie im olympischen Turnier aufgeschlagen zu haben, ohne Beanstandung.

So ein Videobeweis dient natürlich nicht nur den Ehrlichen. Die Ur-Version, das simple Fernsehbild, hat sogar schon Gemeinheiten aufgedeckt. Etwa die Weitsprungmanipulation bei der Leichtathletik-WM 1987 in Italien. Da wurde auf Geheiß das Ergebnis für den Springer Evangelisti schon vor dem Anlauf in die Anzeigetafel eingegeben. Nach der Landung präsentierten die Schummler der Welt einen umjubelten Satz zu Bronze.

Den Sport quält ein technik-Diktat

Damals verfluchte der längst verstorbene Drahtzieher, Italiens Multisportfunktionär Primo Nebiolo, den entlarvenden Fortschritt durch Technik mit derben italienischen Schimpfworten. Das dritte Jahrtausend hatte er dabei nicht im Blick. Doch inzwischen quält den Sport ein Technik-Diktat bei dem Versuch, Menschen fein säuberlich in Sieger und Verlierer einzuteilen. Da werden nach stundenlangen Wettkämpfen nicht nur Zehntel- oder Hundertstelsekunden, sondern auch Tausendstel gemessen. Auch das ist am Samstag passiert. Die Triathletinnen Nicola Spirig (Schweiz) und Lisa Norden aus Schweden kamen im Gleichschritt ins Ziel, nach 1,5 Kilometern schwimmen, nach 40 auf dem Rad und zehn im Laufen. Ein Fotofinish für Experten mit Lupen so dick wie Glasbausteine. Nach einer halben Stunde erklärten sie Spirig zur Olympiasiegerin. Sie hatten einen Unterschied gefunden, wo keiner ist.

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Jahrgang 1964, verantwortlicher Redakteur für Sport.

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