Man glaubt es schon gar nicht mehr. Aber der deutsche Spitzensport hat doch ein Betriebsgeheimnis. Ein absolut schützenswertes. Das sagt Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich, im Nebenjob auch Sportchef der Bundesregierung. Er verteilt nicht nur Geld an den deutschen Spitzensport. Das Ministerium hat vor vier Jahren auch Leistungsvereinbarungen mit den Verbänden getroffen, die sogenannten Zielvorgaben.
Darin steht, was man für eine Medaille in Zukunft an barer Unterstützung bekommt oder was man verliert, wenn es denn nichts wird mit dem Gold. Könnte es sein, dass eine Zehntelsekunde zuviel im olympischen Finale und ein vom Pfosten ins Aus gesprungener Ball über die Zukunft einer Sportart entscheidet? Das wäre absurd.
Die Leistungssportplaner dementieren auch solche Gerüchte. Aber wer genau verstehen will, wie die Leistungssportförderung hierzulande funktioniert, ob die Verteilung gerecht ist, der muss in die Papiere schauen können. Das sieht auch das Verwaltungsgericht Berlin so. Angerufen von zwei Journalisten nach 14 Monaten beharrlicher Anfrage beim BMI, hat es das Ministerium in der vergangenen Woche zur Herausgabe der Akten verpflichtet.
Friedrich praktiziert eine Blockade-Strategie
Aber Friedrich weigert sich im Sinne des Deutschen Olympischen Sportbundes und setzt Steuergeld zur Blockade ein. Am Mittwoch hat eine renommierte Kanzlei Beschwerde beim Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg eingelegt und damit Friedrichs Ankündigung beim Besuch der Olympia-Mannschaft umgesetzt: „Man muss ja nicht alles an die große Glocke hängen.“ Das Gegenteil wird hoffentlich eintreten.
Denn wer Transparenz im Umgang mit Steuergeldern predigt, aber eine Blockade-Strategie praktiziert, der müsste in diesem Land ein schrilles Geläut und weitere Fragen auslösen. Was gibt zum Beispiel die Bundeswehr für Sportsoldaten sowie andere Dienstleistungen zu Gunsten des Leistungssports aus? Sind es wirklich nur 60 Millionen Euro? Kaum jemand, der sich damit beschäftigt, traut den Angaben.
Fehlende Transparenz
Deshalb ist der Verdacht gewachsen, ein Teil des Aufwands würde verschleiert. Die gesamten staatlichen Leistungen für den Spitzensport sind alles andere als überschaubar. Praktizierte Transparenz könnte deshalb jeden Zweifel ausräumen. Sie ist außerdem die Voraussetzung für eine dringend notwendige Diskussion über den Leistungssport in Deutschland.
Nur wenn die Bürger im Lande erfahren, was es wirklich kostet, Spitzensportler und Trainer professionell zu unterstützen, können sie sich ein Urteil bilden: Nämlich welchen Spitzensport sie sich leisten wollen; ob sie jungen Menschen die Chance zur Entfaltung bieten möchten oder die Förderung zwingend mit dem Gewinn dutzender Goldmedaillen verknüpfen. Danach richtet sich der Preis.
Auch Politiker fordern endlich Einblick
Die privaten Rechtsvertreter des BMI behaupten nach Angaben der Kläger, die Öffentlichkeit sei an einer solchen Klarstellung gar nicht interessiert. Das ist schwer vorstellbar. Einige Sportfachverbände haben längst erklärt, nichts gegen eine Veröffentlichung zu haben. Sportpolitiker von SPD, Grünen und FDP fordern endlich Einblick. Das Risiko für den DOSB, sich aus der Deckung zu wagen, erscheint auch sehr überschaubar. Chinesen, Amerikaner, Engländer, Südkoreaner haben sich in London bislang nicht nach deutschen Betriebssport-Geheimnissen erkundigt.
Ruderweltmeister Hans-Peter Friedrich
Tim Sonder (timbo_em)
- 10.08.2012, 13:17 Uhr
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anna bez (berlin)
- 10.08.2012, 13:06 Uhr
Transparenz ist in der Politik eh ein Fremdwort
Matthias Unger (ungermat)
- 10.08.2012, 11:13 Uhr