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Olympia 2012 Von der Wall Street aufs Rennrad

 ·  Ein Jahrhunderttalent: Die Amerikanerin Evelyn Stevens war vor drei Jahren noch Bankerin. Dann begann ihr neues Leben. Nun kann sie sogar Olympiasiegerin werden.

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© AFP Sportdress statt Businesskostüm: „Das war eine Befreiung“, sagt Evelyn Stevens

Jeden Tag ist es für Tausende von Touristen ein Genuss, mit dem Rad eine Runde durch den New Yorker Central Park zu drehen - eine willkommene Pause von der Hektik und dem Lärm der Großstadt. Für Evelyn Stevens hingegen ist es ein surreales Erlebnis. Jeder Meter der 10 Kilometer langen Schleife weckt bei ihr Erinnerungen, die ganz frisch sind und doch unendlich weit weg.

„Dort drüben hinter dem Museum“, sagt die zierliche Berufsradfahrerin, als sie während eines Kurzbesuchs in New York im Juni die Ostseite des Parks hinaufstrampelt, „da ging immer der Sprint los.“ Es ist, als wäre es gestern gewesen, dass sie hier am Samstagmorgen um sechs Uhr, wenn die Stadt noch schläft, Amateurrennen gefahren ist.

Tatsächlich ist es drei Jahre her. Drei Jahre, in denen sich das Leben von Evelyn Stevens radikal verändert hat. Damals war sie Analystin bei einem Investmentfonds an der Wall Street und begann gerade erst, in der Freizeit ihrer neu entdeckten Leidenschaft für das Rennradfahren regelmäßig nachzugehen. Jetzt gilt sie als eine der Favoritinnen für das olympische Straßenrennen, das an diesem Sonntag durch den Landkreis Surrey im Südosten von London rollt.

Der rasante Aufstieg der 29 Jahre alten Evelyn Stevens in die Weltklasse des Radsports ist eine unglaubliche Geschichte, ein veritables Sportmärchen. Vor vier Jahren noch rackerte sie 60 Stunden pro Woche oder mehr an der Wall Street. Sie war eine von Zehntausenden jungen Financiers, die darum kämpften, die Unternehmensleiter hinaufzuklettern. Ihr einziger Ausgleich war es, ab und zu eine Runde zu joggen und samstagabends mit Freundinnen durch die Bars und Clubs der Stadt zu ziehen.

Heute ist sie eine der besten Radrennfahrerinnen der Welt. Pumps besitzt sie gar nicht mehr, und ihr Feierabendvergnügen ist eine Massage oder ein Eisbad. Im Frühjahr gewann sie den Klassiker „Fleche Wallonne“ gegen die holländische Weltmeisterin Marianne Vos. Beim Giro d’Italia wurde sie Dritte und gewann nach einer Soloflucht eine Etappe. Kurz danach dominierte sie die Exergy Tour in Idaho, das größte Profi-Rennen der Vereinigten Staaten. In den beiden vergangenen Jahren wurde sie jeweils amerikanische Meisterin im Zeitfahren.

Außergewöhnliche Kraft, robuste Natur

Die erstaunliche Karriere von Evelyn Stevens hat die Fachwelt in Staunen versetzt. Evelyn Stevens war zwar schon immer sportlich, am College spielte sie Turniertennis und hielt sich auch während der harten Zeiten an der Wall Street, so gut es ging, fit. Das tun aber auch hunderttausend andere. Die wenigsten stehen jedoch vom Schreibtischstuhl auf und fahren drei Jahre später um den Olympiasieg.

Ihr Trainer Matt Kotschera glaubt, dass Evelyn Stevens schlicht und einfach die perfekten Gene für den Radsport habe. „Sie hat das unglaubliche Glück gehabt, in genau die Disziplin hineinzustolpern, für die sie geboren wurde.“ Ihre außergewöhnliche Kraft gepaart mit ihrer schlanken Figur - sie wiegt nur 54 Kilo - seien ideal. Hinzu komme eine von Natur aus robuste Ausdauer. Und vor allem ein außergewöhnliches taktisches Gespür. „Wenn sie attackiert, dann attackiert sie zum richtigen Zeitpunkt“, schwärmt Karen Brems, die Trainerin des Profi-Teams Webcor. Ein Instinkt, der auch an der Wall Street geschult wurde.

Evelyn Stevens heuerte direkt nach dem College, mit 21, bei der späteren Pleite-Bank Lehman Brothers an. „Ich wollte wie viele Mädchen in Manhattan leben und gutes Geld verdienen“, sagt sie. Hart arbeiten, aber auch den Glamour der Großstadt genießen, das war ihr Plan. Das ging gut bis 2007. Dann wurde ihre Analystenstelle gestrichen - die Katastrophe bei Lehman bahnte sich an. Stevens fand zwar eine neue Stelle bei einem kleinen Anlagefonds. Ihr Enthusiasmus für die Finanzwelt aber war gebrochen.

„Verrückt, wie stark sie war“

Etwa zur gleichen Zeit fand sie ihre Leidenschaft fürs Radfahren. Während eines Besuchs bei ihrer Schwester in Kalifornien lieh sie sich ein Rennrad, und die beiden tourten ein Wochenende lang durch die Bilderbuch-Landschaft nördlich von San Francisco. Nachdem sie zurück nach New York gekommen war, kaufte sie sich eine Rennmaschine.

Evelyn Stevens begann regelmäßig nach Feierabend und am Wochenende im Central Park ihre Runden zu drehen. Dort wurde sie auch dazu animiert, an einem jener Einsteiger-Rennen teilzunehmen, mit deren Hilfe die Klubs nach Talenten fahnden. Als Fünfte wurde sie von einem Team rekrutiert. Bis zum Ende der Saison gewann sie einige der wichtigsten Amateurrennen der Region. „Es war verrückt, wie stark sie war“, erinnert sich eine Mannschaftskameradin von damals. „Sie ist eine Weile lang mit dem Feld mitgerollt und hat uns dann einfach irgendwann stehen lassen, egal wie schnell wir waren. Es war, als hätte sie auf einmal keine Lust mehr, mit den kleinen Kindern zu spielen.“

Auch für Stevens selbst war das eine berauschende Erfahrung, in sich diese schlummernden, übermenschlichen Kräfte zu entdecken. Ihr Trainer Matt Kotschera vergleicht sie mit Clark Kent - dem braven Büroarbeiter, der sich plötzlich in Superman verwandelt. Super - das waren ihre Leistungen auf dem Rad von Anfang an.

„Man muss etwas riskieren“

Bei einem Etappenrennen in Vermont im Sommer 2008 holte sie alleine an der Spitze liegend das Profifeld ein, das fünf Minuten vor den Amateuren gestartet war. „Ja, das war lustig“, sagt sie und grinst verschmitzt. „Ich bin am Fuß eines Anstiegs losgefahren, und plötzlich war der Materialwagen der Profis vor mir.“ Der Streich war so spektakulär, dass die Profi-Mannschaften danach anfingen, um sie zu buhlen. Im Juni 2009 sagte sie dann der Wall Street adieu und unterschrieb beim Rennstall HTC Columbia, dem damals größten im Geschäft.

Kurz danach gab sie ihr Apartment in Manhattan auf, verkaufte ihre Möbel und brachte ihre Business-Kostüme zu einem Second-hand-Laden. „Das war eine echte Befreiung“, sagt sie. „Ich habe gemerkt, dass ich das ganze Zeug nicht brauche.“ Heute trägt sie nur noch Jeans und T-Shirt. New York und die Wall Street vermisst sie nicht im Geringsten. „Ich habe im Rückblick das Gefühl, dass ich mich dort verkleidet habe.“ Die Chance zum Ausstieg kam für sie gerade recht: „Das Timing war perfekt“, sagt Evelyn Stevens. Und sie sieht sich mittlerweile als eine Art Vorbild für all jene, die sich in ihrem Bürojob eingeengt fühlen und sich nicht trauen, auszubrechen.

„Leute versuchen dich immer in Schubladen zu stecken“, sagt sie, während sie am Ausgang des Central Park an der 72sten Straße kurz anhält, bevor sie in ihr Hotel zurückfährt. „Man muss einfach etwas riskieren.“ Das sagt sich natürlich leicht für ein Jahrhunderttalent, das von heute auf morgen mit seiner Leidenschaft Geld verdienen konnte. Wie einmalig ihre Begabung ist, hat Evelyn Stevens anscheinend noch immer nicht ganz begriffen.

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