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Marathon Der lange Lauf zu Geld und Ruhm

 ·  Der Marathonlauf ist für viele Afrikaner eine Chance, der Armut zu entfliehen. Sie wollen zu Legenden werden und sich dabei bestens vermarkten. Allerdings spielt immer auch Doping eine Rolle.

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© dapd Wilson Kipsang aus Kenia ist ein gemachter Mann

Abel Kirui beliebte zu scherzen. „Ich will eine Legende werden“ zitierte er den Sprinter Usain Bolt, als er vor einigen Monaten über seine Aussicht sprach, an den Olympischen Spielen in London teilzunehmen. An diesem Sonntag gehört er tatsächlich zum Team Kenias und bekommt damit die Chance, eine bemerkenswerte Siegesserie fortzusetzen. 2009 in Berlin und 2011 in Daegu wurde Kirui Weltmeister. „Der Olympiasieg ist mein größtes Ziel“, sagte er. Nicht nur muss der Dreißigjährige, dessen Bestzeit bei 2:05,04 Stunden steht, sich enorm starker Konkurrenz stellen. Allein in seiner Mannschaft laufen der schnellste Mann des Feldes, Wilson Kipsang (2:03,42) sowie Emmanuel Mutai (2:04,40), auch er einer der Favoriten. Die Strategen des äthiopischen Verbandes haben drei Läufer aufgeboten, die jünger und womöglich hungriger sind: den 22 Jahre alten Ayele Abshero und den zwei Jahre älteren Dino Sefir, die im Januar beim Dubai-Marathon in 2:04,23 und 2:04,50 Stunden einen Doppelsieg erreichten, sowie Getu Feleke, Zweiter des äthiopischen Doppelsieges beim Rotterdam-Marathon im April (2:04,50).

Wenn Kirui darum kämpft, eine Legende zu werden, dann vor allem, um diesen Status anschließend zu vermarkten. Er scheiterte damit, als er zum ersten Mal Weltmeister war; plötzlich kam er bei Marathons nicht mehr ins Ziel. Als Ersatzmann rutschte er zwei Jahre später ins Team für Daegu - und siegte wieder. Als Olympiasieger bekommt er zwar keine Prämie wie bei den großen Stadt-Marathons der Welt. Doch zum einen ist er längst wohlhabend nach kenianischen Maßstäben. Zum anderen kann ein Olympiasieger seine Goldmedaille leicht in hohes Antrittsgeld ummünzen.

Siebzig bis achtzig Prozent kommen aus dem Kopf

Nicht genetische Vorteile, sondern der Antrieb zum gesellschaftlichen Aufstieg mache den Unterschied zwischen den afrikanischen und den europäischen Läufern, sagt Marathon-Bundestrainer Ron Weigel. „Siebzig bis achtzig Prozent der Leistung kommen aus dem Kopf. Sie ist das Ergebnis von Wille und Motivation.“ Haile Gebrselassie, erst überragender Läufer auf der Bahn und dann für Jahre der schnellste Marathonläufer der Welt, aufgewachsen in Hunger und Armut, ist durch den Langlauf zu einem der reichsten Männer Äthiopiens geworden. Auf seinen Sieg- und Rekordprämien gründet eine Unternehmensgruppe, zu der Kinos und Hotels, Autohandel und Immobilienvermietung gehören. Sammy Wanjiru, der kenianische Olympiasieger von Peking 2008, vermehrte sein Geld nicht, sondern verprasste es. Als er im vergangenen Jahr unter bis heute nicht geklärten Umständen zu Tode stürzte, hinterließ er, neben Häusern, in denen er, seine Frau und seine Mutter lebten, eine Flotte von Luxusautos.

Er war von Ruhm und Reichtum, wie sie der Marathon verschaffen können, offenbar überfordert. Doch Statussymbole, wie er sie liebte, Autos, eine Villa und rauschende Feste, wirken wie Aufforderungen auf die Mädchen und Jungen aus der Provinz. Ein Ort wie Iten hat sich bei ihnen zum Fluchtpunkt der Träume vom Aufstieg entwickelt, zur Boomtown des Langlaufs. Auf jeden der viertausend Einwohner im Hochland am Rift kommen, grob geschätzt, zwei Läufer: Sie leben in einfachen Hütten und bieten sich Trainern und Managern an, die dort große Camps unterhalten oder sich einfach beim Training umschauen. Sie tun praktisch alles, um in Europa oder Nordamerika für Preisgeld rennen zu dürfen. Darum ist es nicht abseitig, was der des Dopings überführte 22 Jahre alte Langläufer Mathew Kisorio, einst Afrika-Meister der Junioren, Zehnter des diesjährigen Boston-Marathon in 2:18,15 Stunden, der ARD erzählte: dass sich im Umkreis solcher Trainingszentren Ärzte ansiedelten, die ihre Hilfe beim Doping anbieten. Dass allerdings Anabolika, wie sie Kisorio nachgewiesen wurden, Mittel der Wahl sein sollten, ist unwahrscheinlich. Urintests, mit denen das Hormonprodukt leicht nachweisbar ist, werden in Afrika vorgenommen; Bluttests sind es, die wegen des Klimas und der Entfernung der Labors, in die sie schnell und gekühlt transportiert werden müssen, in Ostafrika unterbleiben.

Der Marathon verändert die Gesellschaft

Doping im Marathon ist nichts Neues. Wettrennen sind eine der einfachsten und ältesten Formen des sportlichen Vergleichs. Bevor Olympia den legendären Boten Pheidippides entdeckte, der angeblich 490 Jahre vor Christus tot zusammenbrach, nachdem er in Athen noch die Botschaft vom Sieg in der Schlacht bei Marathon ausgehaucht hatte, gab es längst Wettkämpfe von professionellen Botenläufern und begabten Lakaien. Wie auf Pferde und Hunde wurde auf sie gewettet; oft war allein für den Sieger ein extrem hoher Preis ausgesetzt; Teilnehmer wurden von vornherein als potentielle Betrüger behandelt. Bei den ersten Olympischen Spielen 1896 wurde der erste Marathonlauf ausgetragen, rund vierzig Kilometer lang, von Marathon nach Athen. Erster der siebzehn Teilnehmer, von denen die wenigsten durchkamen, war ein Wasserträger namens Spiridon Louis. Er bekam ein Grundstück und eine Rente für seinen Erfolg und musste nie wieder an einem solchen Lauf teilnehmen.

Als der Marathon bei den Olympischen Spielen von London 1908 seine exakte Länge von 42,195 Kilometern bekam, stürzte der italienische Zuckerbäcker Dorando Pietri zu unsterblichem Ruhm. Disqualifiziert, weil ihm über die Ziellinie geholfen wurde, wurde er einer der ersten Stars der Leichtathletik, weltberühmt und gut bezahlt. Er soll vor der Ziellinie ins Delirium gefallen sein, berichtete seinerzeit der Stadionarzt, weil er mit Strychnin und anderen Mitteln gedopt war. Der Amerikaner John Hayes, der an seiner Stelle Olympiasieger wurde, war schon vorher Profi. Früh verwaist arbeitete er auf den unterirdischen Baustellen der U-Bahn von New York; das war hart und lebensgefährlich. Als sein Talent zum Langlauf offenbar wurde, erhielt er pro forma eine Anstellung bei Bloomingdales; statt hinter dem Tresen des Kaufhauses zu stehen, trainierte er - angeblich auf einer speziell für ihn auf dem Dach angelegten Bahn. Als Olympiasieger bestritt er hochdotierte Rennen, mehrere gegen Pietri.

Indem der Marathon aus Armut und Perspektivlosigkeit herausführt, verändert er die Gesellschaft. Er steht für Leistung und den Lohn dafür, er verschafft Frauen die Chance, zunächst in Äthiopien, nun in Kenia, sich laufend aus ihrer überkommenen Rolle als Dienerin von Mann und Familie zu befreien. Abel Kirui wird schnell rennen müssen, um Marathongeschichte zu schreiben. Aber er kann stolz sein, am olympischen Marathon teilnehmen zu dürfen: Dieses Rennen ist größer als jeder seiner Teilnehmer.

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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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