Ein stolzes Lächeln huscht über Maher Abu Rmeilehs Gesicht. Doch der junge Palästinenser hat kaum Zeit, um sich für die Glückwünsche zu bedanken, die ihm ein Passant von der Straße aus zuruft. Mehrere Stufen führen hinunter in den kleinen Laden seines Vaters in der Ostjerusalemer Altstadt, in dem Rmeileh arbeitet. An den Wänden hängen kunstvoll aufgereiht Kopf- und Halstücher in allen Farben.
„Wir müssen schauen, dass wir im Alltag über die Runden kommen und genug Geld verdienen, um zu leben“, sagt der 28 Jahre alte Familienvater bescheiden. Dabei wird spätestens am 27. Juli jeder Palästinenser Rmeileh kennen und stolz auf ihn sein: Während der Eröffnungsfeier der Olympischen Spiele in London wird er die palästinensische Flagge seiner Mannschaft vorantragen.
Seit 1996 nehmen palästinensische Sportler an den Sommerspielen teil, aber der Judoka aus Jerusalem ist der Erste, der es zu den Spielen schafft, weil seine Leistung stimmt. Seine anderen vier Mannschaftskollegen waren eigentlich nicht gut genug, um sich zu qualifizieren - trotzdem lädt das Internationale Olympische Komitee palästinensische Sportler ein, deren Heimat bis heute international nicht als Staat anerkannt ist.
Maher Abu Rmeileh weiß erst seit Anfang Mai, dass er nach London reisen wird. Damals klingelte sein Telefon und er erfuhr, dass er unter den Judoka unter 73 Kilogramm Olympia-Niveau erreicht habe. „Es ist großartig, dass ich aus eigener Kraft die nötigen 20 Punkte geschafft habe. Ich konnte es erst gar nicht glauben“, gibt er zu, während auf der engen Gasse vor dem Geschäft ultraorthodoxe Juden in ihren langen schwarzen Gewändern zur Klagemauer eilen und der Muezzin zum Gebet ruft.
Die Familie des Sportlers stammt aus der Altstadt von Jerusalem. Er lebt nicht weit von der Al-Aqsa-Moschee entfernt und verkörpert den Nahost-Konflikt: Er wird für die Palästinenser antreten, obwohl er eigentlich im Ostteil Jerusalems zu Hause ist, den Israel 1967 eroberte und später annektierte. Maher Abu Rmeileh hat einen israelischen Personalausweis und einen jordanischen Reisepass, fühlt sich aber als Palästinenser.
„Maher wird in London die Fahne tragen, weil er aus Jerusalem kommt, unserer Hauptstadt“, sagt Hani al Halabi, der Chef der palästinensischen Olympia-Mannschaft. Sport und Politik gehören in diesem Teil der Welt zusammen. Der Judoka sieht das ähnlich. Natürlich will er mit einer Medaille heimkehren, fügt aber hinzu: „Ich möchte für Palästina gewinnen.“
Sein erster Trainer war der eigene Vater
Aber für die Vorbereitung bleibt ihm kaum Zeit. Für ein professionelles Trainingslager hat es nicht mehr gereicht. Rmeileh macht einfach weiter wie in den Jahren zuvor: Bevor er morgens den Laden seines Vaters aufsperrt, geht er für zwei Stunden ins Gebäude des Ostjerusalemer CVJM (Christlicher Verein junger Menschen). Dort gibt es ein Schwimmbad und einen Kraftraum. Abends trainiert er zweimal in der Woche in seinem „Al-Quds“-Club, der nicht weit von der Stadtmauer entfernt liegt.
Rmeileh war sieben Jahre alt, als er mit der Sportart begann, am Judo faszinieren ihn Kampfgeist und Disziplin. Sein erster Trainer war der eigene Vater. In den Räumen des Vereins sind an den Wänden Stühle aufgestapelt. Der Saal wird auch für Hochzeitsfeiern genutzt. Und bald könnte es dort eng werden. „Seit ich für London nominiert wurde, fragen mich Eltern, wohin sie ihre Söhne zum Judo-Training schicken können“, berichtet Rmeileh. Bisher spielten Palästinenser lieber Fußball.
„Das Freibad war 18 Meter lang“
Seine anderen vier Teamkollegen haben bis heute sportlich noch nicht Olympia-Niveau erreicht. Immerhin haben sie mehr Zeit als Rmeileh, zu trainieren. Die beiden Schwimmer bereiten sich seit dem vergangenen Jahr in einem spanischen Hochleistungszentrum auf die Spiele vor. In den Palästinensergebieten wird erst in diesem Sommer in Jericho das erste olympiataugliche Schwimmbad fertiggestellt werden.
In ihrer Heimatstadt Bethlehem habe sie anfangs nur während des Sommers trainieren können, erinnert sich Schwimmerin Sabine Hazboun. „Das Freibad meines Vereins war 18 Meter lang, und ich musste es mir mit den anderen Freizeitschwimmern teilen“, sagt die 17 Jahre alte Schülerin, die in London 50 Meter Freestyle und Butterfly schwimmen wird. Sabine Hazboun stammt aus einer christlichen Familie, die nicht weit von der Bethlehemer Geburtskirche entfernt wohnt.
Heruntergekommenes Stadion, holprige Bahn
Die zweite Palästinenserin, die nach London reist, ist Muslimin und kommt aus einem Dorf bei Nablus. Zu Hause bedeckte Wuroud Maslaha ihre Haare immer mit einem eng anliegenden Kopftuch, bevor sie zum Laufen aufbrach. In Qatar bereitet sie sich auf ihren 800-Meter-Lauf vor. Dort trainiert seit dem Frühjahr auch Bahaa al Farra aus dem Gazastreifen.
In seiner Heimat musste er sich bis dahin meist mit dem langen Sandstrand am Mittelmeer begnügen, um sich auf seinen Londoner 400-Meter-Lauf vorzubereiten. In Gaza-Stadt, mit seinen mehr als 1,5 Millionen Einwohnern, gibt es nur ein heruntergekommenes Stadion mit einer holprigen Bahn.
Palästinas Mannschaft zählt fünf Athleten
Am 20. Juli will die mit fünf Sportlern bisher größte palästinensische Olympia-Mannschaft nach London aufbrechen. Für die Muslime unter ihnen ist das auch aus einem anderen Grund ein besonderer Tag, denn es beginnt voraussichtlich der muslimische Fastenmonat Ramadan. In der britischen Hauptstadt fällt es bei niedrigeren Temperaturen vielleicht etwas leichter, tagsüber auf Essen und Trinken zu verzichten, als im sommerlich heißen Nahen Osten.
Maher Abu Rmeileh hat trotzdem in Jerusalem einen islamischen Religionsgelehrten konsultiert. Wahrscheinlich wird er das Fasten unterbrechen, wenn er seinen Wettkampf hat. Der Islam erlaube es, in besonderen Ausnahmefällen Fastentage später nachzuholen, erklärt Rmeileh und wendet sich einer Kundin zu, die sich für ein rotes Tuch mit goldenen Stickereien interessiert.