An ein Sportler-Leben im Schatten des öffentlichen Interesses hat sich Fanny Rinne längst gewöhnt. 500 Zuschauer - wie beim 5:1-Testspielsieg am Donnerstagabend in Bremen gegen Südafrika - sind schon eine ordentliche Kulisse für die deutsche Hockey-Nationalmannschaft.
Für das Team und ihre 32 Jahre alte Spielführerin hat die ganz heiße Phase der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele begonnen; ein weiterer Gegner beim Bremer Vier-Länder-Turnier war Belgien, denen die Deutschen am Samstag überraschend mit 0:1 unterlagen. Am Sonntag warten noch die starken Neuseeländerinnen; gegen Neuseeland und Südafrika tritt Deutschland auch in London an.
Dort wird die Anteilnahme an den Spielen der deutschen Damen aber eine ganz andere sein als derzeit in Bremen - Hockey ist das Paradebeispiel einer Sportart, die den sportbegeisterten Deutschen nur alle vier Jahre interessiert, wenn es um Medaillen geht. Fanny Rinne kennt das von den Spielen in Sydney, Athen und Peking, an denen sie schon teilnahm.
Sie sagt: „Ich finde es klasse, dass alle vier Jahre auf uns geschaut wird. Sonst müssten wir ja noch mehr sehen, wo wir bleiben. Es ist auch müßig, sich darüber aufzuregen, dass wir in London vor 10 000 Leuten spielen und in der Bundesliga wieder vor 100. Olympia ist einfach die Riesenchance, alle vier Jahre auf Hockey aufmerksam zu machen.“
„Das muss irgendein Denkfehler sein“
Allerdings ist das Hockeyspielen im nationalen Auftrag auch mit hohen Ansprüchen verbunden. Beide Teams, Damen wie Herren, gelten als Medaillenhamster - was Fanny Rinne einer gewissen fehlenden Trennschärfe bei der Beobachtung der Ausbeute zuschreibt: „Das muss irgendein Denkfehler in der Öffentlichkeit sein. Wir haben zuletzt 2004 Gold geholt, die Männer vor vier Jahren in Peking. Es liegt wohl daran, dass eine der Nationalmannschaften fast immer eine Medaille holt.“
Für Rinne, die erfahrene Anführerin in der Auswahl von Bundestrainer Michael Behrmann, geht es in London darum, den Fluch des vierten Platzes zu brechen. 2008 in Peking und bei der Weltmeisterschaft 2010 in Argentinien wurde die Auswahl des Deutschen Hockey-Bundes (DHB) Vierter. Rinne sagt: „Beides hat uns sehr weh getan. Aber es kommt immer auf die Mannschaft an.
Traditionell große Auswahl für den Bundestrainer
Bei der Champions Trophy Anfang des Jahres in Argentinien sind wir mit einer etwas anderen, jüngeren Mannschaft auch Vierter geworden. Das haben wir als Erfolg empfunden.“ Dieses verjüngte Team wird im Großen und Ganzen auch in London um die Medaillen spielen. Den aus 18 Spielerinnen bestehenden Kader hat Behrmann Anfang Juli berufen - und es sich bei der traditionell großen Auswahl im Hockey nicht leicht gemacht. Fanny Rinne war gesetzt.
Andere mussten bangen - die 21 Jahre alte Marie Mävers etwa. Die Stürmerin vom Uhlenhorster Hockey-Club lebte lange in der Ungewissheit, ob ihre Leistungen nur für den erweiterten 22er-Kader reichen würden oder ob sie Behrmann tatsächlich mit dem Olympiaticket ausstatten würde. Seit Anfang Juli weiß die gedankenschnell und intuitiv spielende Hamburgerin von ihrem Glück und hofft nun, mit ihrer UHC-Kollegin Lisa Hahn auch in London ein treffsicheres Duo zu bilden.
„Wir haben auch Puzzle mit 1000 Teilen“
„Olympia war erst mein Traum, dann mein Ziel“, sagt Marie Mävers: „Jetzt wollen wir dort möglichst viel erreichen.“ Für Mävers werden es die ersten Olympischen Spiel sein, für Rinne die vierten und letzten - sie beendet danach ihre Karriere in der Nationalmannschaft. Da sind die Aufgabenverteilungen natürlich andere.
Fanny Rinne kümmert sich als Spielführerin auch darum, dass kein Lagerkoller entsteht, erzählt sie. „Es ist meine Aufgabe, negative Stimmung zu verscheuchen. Ich höre mich viel um und kriege Atmosphärisches mit. Wichtig ist, dass man im Olympischen Dorf ein paar Sachen zum Zeitvertreib dabei hat. Natürlich sind gerade viele Jüngere bei Facebook und Skype unterwegs. Aber wir haben auch klassische Gesellschaftsspiele dabei und Puzzle mit 1000 Teilen.“
„Siege sind am besten für die Stimmung“
An Lagerkoller glaubt sie sowieso nicht: „Wir haben eine Mannschaft mit einer guten Mischung, die sich richtig gut leiden kann.“ Eines weiß die erfahrene Mannheimerin auch: „Siege sind natürlich am besten für die Stimmung.“ Am Sonntag, dem 29. Juli, haben die deutschen Hockeydamen im Spiel gegen die Vereinigten Staaten zum ersten Mal Gelegenheit, für gute Stimmung zu sorgen.