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Gewichtheben Gefangen unter der Hantel

 ·  Gewichtheber Matthias Steiner wird bei einem missglückten Versuch über 196 Kilogramm von der Hantel im Nacken getroffen und geht benommen zu Boden. Ohne Drama geht es bei ihm nicht.

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© dpa Ohne Drama geht es nicht: Steiner unter der Hantel

Das Wichtigste zuerst: Matthias Steiner hat sich keine schwere Verletzung zugezogen. Nach seinem dramatisch aussehenden Unfall auf der Gewichtheber-Bühne von London wurde er zur Sicherheit ins Krankenhaus gebracht, aber einen schlimmen Schaden hat er offenbar nicht erlitten bei seinem zweiten Versuch im Reißen, nach dem er seinen Wettkampf aufgeben musste.

Der 29 Jahre alte Superschwergewichtler war zu den Olympischen Spielen gekommen, um zu kämpfen trotz eines erheblichen Trainingsrückstandes nach einer Knieoperation und mehreren Infekten. Doch der Kampf war schnell zu Ende. „Er war bereit für eine große Sache“, sagte sein Trainer Frank Mantek, als klar war, dass der Unfall keine schlimmen Folgen gehabt hatte. „Aber wir wurden kalt gestoppt.“

Olympiasieger im Superschwergewicht wurde der Iraner Behdad Salimikordasiabi mit einer Zweikampfleistung von 255 Kilogramm. Vor vier Jahren in Peking hatte Steiner die Goldmedaille mit 461 Kilogramm gewonnen. 250 Kilogramm waren Steiners optimistisches Ziel für London gewesen - theoretisch hätte das die Silbermedaille bedeutet. Die ging für 449 Kilo an den iranischen Landsmann des Olympaisiegers, Sajjad Anoushiravani.

Steiner hatte stabil begonnen im Reißen mit 192 Kilogramm. „Eine Bombe“, sagt Mantek. Und auch der zweite Versuch begann gut. Das Gewicht war schon oben. 196 Kilogramm waren aufgelegt, er hatte die Hantel gepackt, sie vom Boden gerissen bis über den Kopf und war in die Hocke gegangen. Das Gewicht über ihm. Als nächstes hätte er aufstehen müssen. Doch es ging nicht so gut weiter, wie es angefangen hatte.

Die Hantel geriet in Rücklage, entwickelte Horizontalkraft. Steiner hätte sie eigentlich hinter sich werfen müssen, aber sein Ehrgeiz war stärker als seine Vernunft. Er wollte sie unbedingt festhalten. „Er wusste, dass das ein Schlüsselversuch war“, sagt Mantek. Die Hantel begann abzustürzen, Steiner versuchte mit dem Kopf auszuweichen. Endlich der Gewichtheber-Reflex. Weg von der Hantel. Doch die 196 Kilogramm fielen in Steiners Nacken, das Gewicht rollte über Kopf und Brust, fiel auf seinen rechten Oberschenkel, er knickte zur Seite weg und lag plötzlich auf dem Bauch.

Ohne Drama geht es bei ihm nicht

Die Hantel über ihm klemmte ihn fest. Steiner konnte sich nicht mehr bewegen. Schnell holten Helfer einen Sichtschutz und bauten ihn vor dem hilflosen Superschwergewichtler auf. Stille in der Halle. Irgendwo auf der Tribüne seine Frau.

Der Olympiasieger von Peking gefangen unter seiner Hantel - das wird eines der Bilder sein, die für die Olympischen Spiele von London stehen. So wie Steiners Freudentanz und sein Auftritt bei der Siegerehrung 2008 mit dem Foto seiner verstorbenen ersten Frau. Ohne Drama geht es bei ihm nicht. „Ich bin schnell zu ihm hingegangen“, berichtet Mantek. „Er sagte, ich kann die Beine bewegen. Das war für mich der erlösende Satz.“

Helfer befreiten ihn, er stand auf und winkte beruhigend ins Publikum. Hinter der Bühne wurde Steiner vom deutschen Mannschaftsarzt Bernd Wolfarth behandelt. Eigentlich hatte er vorgehabt, den dritten Versuch im Reißen auszulassen und zum Stoßen noch einmal zu erscheinen. Als er sich probehalber an 70 Kilo versuchte, tat ihm schon das Wegheben weh. Erst da wurde ihm klar, dass er besser auf den Rest des Wettkampfs verzichtete. „Wer bei 70 Kilo Probleme hat, kann sich nicht 250 Kilo vornehmen“, sagte Mantek.

Als er wusste, dass Steiner in Ordnung war, wandte sich der Trainer seinem zweiten Athleten zu, Almir Velagic, der dabei war, eine persönliche Bestleistung aufzustellen. „Ich habe die Szene auf dem Bildschirm im Aufwärmraum gesehen“, sagte Velagic. „Ich dache erst, es wäre viel mehr passiert.“ Doch dann kam Steiner zu ihm und sagte: „Jetzt musst du die Fahne hochhalten.“ Velagic schaffte eine Zweikampfleistung von 426 Kilogramm, was ein Kilo über seinem eigenen Rekord liegt. Im olympischen Vergleich wurde er Achter.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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