Erbarmen? Zu spät, die Franzosen kommen. Soll bloß keiner glauben, die Handballspieler der Grande Nation machten sich klein, bloß weil sie bei ihrem letzten Turnierauftritt vor einem halben Jahr wie Scheinriesen daherkamen und derbe Kritik einstecken mussten: Zu alt und zu satt, hieß es nach der EM-Schmach in Serbien, als das als Titelverteidiger angereiste Nationalteam auf einem desaströsen elften Platz landete.
Die fetten Jahre der „Experts“, die sich in den Jahren 2008 bis 2011 als erste Auswahl überhaupt gleichzeitig Olympiasieger, Europameister und Weltmeister nennen durften, seien vorbei, lauteten die Unkenrufe à la française. Die Schelte habe ihn und seine Kollegen nur angestachelt, behauptet nun Nikola Karabatic, „Welthandballer des Jahres“ 2007 und in guten wie in schlechten Zeiten der Kopf der Mannschaft: „Wir haben uns gesagt: Okay, jetzt zeigen wir der Handballwelt, dass wir die Besten sind.“ Olympia kann also noch einiges erleben vom ältesten Team des Turniers.
Dass Karabatic wirklich einen Kampf ums Gold ansagt, spürt die Handballwelt seit Turnierbeginn am eigenen Leibe. Obwohl die ersten Gegner bestenfalls über die Klasse von schwachen bis mäßigen Testspielteams verfügten, erledigten die Franzosen ihre olympischen Angelegenheiten nicht nebenbei, sondern mit voller Kraft und zum Teil famosen Kunststücken am Kreis.
Gegen das zusammengewürfelte Team Großbritanniens gewannen sie zum Auftakt 44:15, boten beim 32:20 gegen Argentinien ein spielerisches Spektakel und stellten durch den 25:19-Erfolg am Donnerstag gegen Tunesien frühzeitig den Viertelfinaleinzug sicher. An diesem Samstag (20.30 Uhr) folgt noch die Partie gegen die Isländer.
Karabatic sucht noch den olympischen Kitzel
„Um gut zu spielen, muss man schön spielen“, sagt Rechtsaußen Luc Abalo. Die größte Gefahr sei aufkommende Langeweile in den eigenen Reihen gewesen, sagte Nationaltrainer Claude Onesta: „Das Risiko in einer leichteren Gruppe ist, dass wir schläfrig werden, so dass wir bis zum Viertelfinale nicht unseren Rhythmus finden.“
So sucht Karabatic noch den olympischen Kitzel, hat aber in London noch keine große Herausforderung gefunden. Viele Nationen wären froh, wenn sie in der Vorrunde zunächst auf leichte Gegner träfen, so dass sie sich langsam ins Turnier hineinspielen könnten. Aber der Achtundzwanzigjährige findet das eigentlich glückliche Los ziemlich unglücklich.
Im Viertelfinale wartet wohl ein Schwergewicht
Lauter Außenseiter in der Sechsergruppe, einzig die letzten beiden Vorrundengegner Island und Schweden als etwas größere Kaliber, die es in der Vorrunde mit dem Olympiasieger von Peking aufnehmen könnten, das erscheint Karabatic fast wie ein Fluch. „Wenn man sich in einer schweren Gruppe durchgesetzt hat, trifft man im Viertelfinale auf einen leichteren Gegner“, sagte der Rückraumspieler, der bis 2009 vier Jahre lang beim deutschen Rekordmeister THW Kiel aktiv war und mittlerweile wieder bei Montpellier HB Titel einheimst.
Stattdessen wird in der Runde der letzten acht wohl ein Schwergewicht warten, liefern sich doch Europameister Dänemark, der EM-Zweite Serbien, der zweimalige Olympiasieger Kroatien sowie Spanien (Bronze in Peking) in der Gruppe B einen Verdrängungswettbewerb auf höchstem Niveau.
Nikola Karabatic: „Es war nicht alles falsch“
Von Nachwirkungen der EM-Schlappe von Serbien ist bei den Franzosen nichts zu spüren. Ein halbes Jahr später redet sich das Team nicht nur stark, es spielt auch so. Es hätte eine Reihe von Problemen gegeben, gibt Philippe Bana, der Technische Direktor des Verbandes, zu. Doch habe man sie gelöst „wie in einer Großfamilie“.
Nun mietet sich eine herkömmliche Familie wohl nicht extra in einem Trainingszentrum in Straßburg ein, um ihre Schwierigkeiten zu lösen und zu der eher schlichten Erkenntnis zu gelangen, „es war nicht alles falsch“, wie Karabatic sagt. Zwar sei die einwöchige EM-Vorbereitung zu knapp bemessen gewesen, um an taktischen Finessen und der Abstimmung zwischen Abwehr und Angriff zu arbeiten.
Franzosen gingen etwas locker an die EM heran
Aber vor allem hätte beim Kontinentalturnier wohl schlicht das letzte Fünkchen Motivation gefehlt. Während andere Mannschaften noch um ihre letzte Olympia-Chance gekämpft hätten, wären die Franzosen wohl etwas zu locker an die EM-Sache herangegangen.
Das soll ihnen nicht noch einmal passieren, vor allem nicht bei ihrer historischen Mission in London: Die „Experts“ sind angetreten, als erste Handballnation zweimal nacheinander olympisches Gold zu gewinnen.