Zweimal haben die Stangen geklappert, an den ersten beiden Hindernissen. Michael Jung zuckte kurz zusammen. Es wird doch nichts passiert sein? Aber nein, Sam blieb sauber. Also auf die nächsten Sprünge konzentrieren und nicht nachdenken. Triple-Barre. Dreifache Kombination. Er musste sich ganz schön beeilen, das Zeitlimit war knapp bemessen.
Dann noch ein niedriger Steilsprung. Als der deutsche Vielseitigkeitsreiter mit seinem Wallach den Springparcours beendet hatte, schaute er kurz hoch auf die Anzeigetafel. Hat die Zeit gereicht? Oder gibt es Strafpunkte für Überschreitung? Auch da keine Beanstandungen. „Ich dachte, o.k., das müsste reichen“, sagte Jung später. Aber genau wusste er es nicht.
Niemand hatte ihm vorher gesagt, dass eine Null-Fehler-Runde von ihm und Sam das deutsche Mannschafts-Gold schon vor der letzten Reiterin sichern würde. „Wir hatten bewusst die Taktik gewählt, dass jeder seinem eigenen Plan folgt.“ Und die Summe aller Pläne ging auf. „Man fragt lieber noch einmal nach, ob es auch hundertprozentig stimmt“, sagte der Schwabe augenzwinkernd.
Wie schon vor vier Jahren in Hongkong gewann die deutsche Vielseitigkeits-Mannschaft die Goldmedaille. Es war der erste deutsche Olympiasieg bei den Londoner Spielen, die Stimmung im Land ist gerettet, und natürlich waren auch Thomas Bach und Michael Vesper in den Greenwich Park gekommen, der Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes und sein Generaldirektor, um den Erfolg mit zu feiern.
„Der Knoten ist jetzt durchgeschlagen“, sagte Vesper, der die deutsche Mannschaft auch als Chef de Mission begleitet und die Enttäuschungen der vergangenen Tage schnell vergessen will. Die Reiter haben es wieder mal gerichtet - und dabei war zu diesem Zeitpunkt die fabelhafte Olympia-Story der deutschen Vielseitigkeitsreiter noch gar nicht zu Ende erzählt: Am Nachmittag holten sich Michael Jung und Sam mit einer abermals fehlerfreien Runde die Einzelgoldmedaille, Teamkollegin Sandra Auffahrt erritt sich bei ihrer Olympia-Premiere Bronze.
Nach dem Sieg in der Mannschaft folgte erst einmal das große Händeschütteln. Michael Jung konnte gleich auch noch zum 30. Geburtstag gratuliert werden. In weiteren Rollen im Greenwich Park glänzten: Ingrid Klimke aus Münster mit Abraxxas, Sandra Auffarth (Ganderkesee) mit Opgun Luovo, und die beiden Paare, die zwar die Streichergebnisse lieferten, aber als Backup wichtig waren: Dirk Schrade (Sprockhoevel) mit King Artus und Peter Thomsen (Lindewitt) mit Barny. Ein tadelloses Quintett: Alle fünf hatten am Montag die Querfeldeinstrecke ohne einen einzigen Hindernisfehler durchquert, Klimke und Jung waren mit ihren Pferden wie Pfeile hindurchgeschossen, ohne einmal anzuecken oder aus dem Rhythmus zu kommen.
Alle Medaillen des Dienstags
Selbst die ausgekochten Profis aus Großbritannien hatten keine Chance, sie abzufangen. Mit 4,5 Strafpunkten mehr auf dem Konto gewannen sie auf ihrem ureigenen Geläuf nur die Silbermedaille - obwohl sie wild entschlossen gewesen waren, den Deutschen am letzten Tag im Parcoursspringen den Sieg noch abzujagen. Doch ausgerechnet die Queen-Enkelin Zara Phillips mit ihrem Pferd High Kingdom vermasselte die Krönung: An einem roten Steilsprung flogen die Stangen, dazu kamen drei Strafpunkte wegen Zeitüberschreitung.
Mark Todd forever young
Ihre Verwandtschaft auf der Tribüne, die beiden Cousins Harry und William (mit Frau), Mutter Anne und Tante Camilla, behielten selbstverständlich hinter ihren Sonnenbrillen die Contenance. Bronze gewann Neuseeland unter anderen mit der Eventing-Legende Mark Todd (auf Campino), der mit seinen 56 Jahren inzwischen so alt aussieht, dass der Friseur ihm in Athletendorf erst einmal den Haarschnitt verweigerte - nur für Sportler. Im Sattel aber ist er forever young.
Für die deutsche Mannschaft war es ein Start-Ziel-Sieg, sie führte von der Dressur an. Ungewöhnlich nervenschonend verlief das vierte Olympia-Turnier auch speziell für Ingrid Klimke aus Münster. Mit ihrem Wallach Abraxxas hatte sie wie gewohnt eine starke Dressur geritten, auch im Gelände eine eindrucksvolle Leistung vollbracht und startete als Führende in den Schlusstag. Das Parcoursspingen allerdings ist „Braxis“ Schwäche und hat die ganze Crew schon oft zittern lassen.
Diesmal allerdings war die deutsche Mannschaft dank der starken Vorleistungen auf Ingrid Klimkes Ergebnis nicht mehr angewiesen. Ganz gelassen konnte die 44 Jahre alte Tochter von Dressur-Legende Reiner Klimke die Hindernisse anvisieren, bestens präpariert von Kurt Gravemeier, dem ehemaligen Bundestrainer der Springreiter, der eigens eingeflogen war. Und wirklich fielen in dieser Runde nur zwei Stangen, dazu kam ein Zeitfehler - ein glänzendes Ergebnis für Abraxxas‘ Verhältnisse.
Am letzten Hindernis fällt die Stange
Zur Einzelkonkurrenz trat sie aber nicht mehr an - noch eine ungeliebte Runde im Parcours wollte sie ihrem Pferd nicht zumuten, denn als Achte hatte sie keine Medaillenchance mehr. Im Gegensatz zu Jung auf Rang zwei und Sandra Auffarth als Fünfte. Klimke hätte sich gewünscht, dass Dirk Schrade als Zehntplatzierter für sie hätte nachrücken können, doch das Reglement erlaubt ein solches Manöver nicht, egal wie viel Sportsgeist es ausstrahlt. „Das ist ein wunderbares Team, das spürt man“, fand auch Funktionär Vesper.
Entsprechend aus dem Häuschen war die Mannschaft nach den Ritten der Deutschen in der Einzelkonkurrenz: Sandra Auffahrt war nach ihrer fehlerfreien Runde die Bronzemedaille sicher, Michael Jung musste nach seinem zweiten Nullfehlerritt an diesem Tag noch die Runde der bis dahin führenden Schwedin Sara Algotsson-Ostholt abwarten, die fehlerfrei blieb - bis das letzte Hindernis kam. Die Stange fiel und Michael Jung hat seinen Platz in den Geschichtsbüchern der Reiterei sicher: Er ist der erste Reiter, der zur selben Zeit Europa- und Weltmeister und Olympiasieger ist.
Gold am 30. Geburtstag
Auch das Ehepaar Jung senior war aus dem Häuschen. Strahlend posierten die beiden Goldreiter-Erzeuger aus dem Schwabenland für die Kameras, genau vor dreißig Jahren haben sie den Ausnahmekönner im Sattel in die Welt gesetzt. Dass Jung nicht wie sonst das Feld von vorne hatte kontrollieren können, ärgerte sie zwar noch ein bisschen. Aber die Reitschule Jung in Horb am Neckar hat nun das Olympia-Siegel.
Auch Chris Bartle, der Bundes-Honorartrainer aus England, weiß das Elternpaar zu schätzen. „Mama“, rief er laut, als er auf Brigitte Jung zu rannte. Er und Bundestrainer Hans Melzer sind der Erfolgsmotor der deutschen Vielseitigkeit. Nicht nur die Mannschafts-Olympiasiege 2008 und 2012 wurden unter ihrer Führung gewonnen.
Auch das temporäre Gold in Athen, das der Internationale Sportgerichtshof den Deutschen einen Tag später wegen eines Missgeschicks von Bettina Hoy wieder aberkannte, war ihr Werk. Auch diese schwarze Stunde kam Melzer am Gold-Dienstag von London wieder in den Sinn. „Damals hatten wir den Olympiasieg nur für 24 Stunden“, sagte der Bundestrainer. Doch inzwischen haben sich die Deutschen mehr als entschädigt. „Hier zu gewinnen, im Mutterland der Vielseitigkeit - das ist gigantisch.“
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Jens Kaiser (JK-vd)
- 01.08.2012, 00:16 Uhr
Toll *gähn*
Markus Windicus (kroetenterror)
- 01.08.2012, 00:04 Uhr
Na bitte schön, beim Sitzen klappt´s doch..
Faruk Yalcin Dinc (fereli)
- 31.07.2012, 23:15 Uhr
Olympiade ist immer etwas Besonderes
Alexandra Bugiel (Zeitungskatze)
- 31.07.2012, 22:19 Uhr
Wer hat da W A S gewonnen???
Rico Pape (BoScRicoPape)
- 31.07.2012, 22:10 Uhr