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Tischtennisspieler Ovtcharov Bronze für den Musterschüler

 ·  Mit seiner Bronzemedaille avanciert Dimitrij Ovtcharov zum Spieler der Stunde im deutschen Tischtennis. Er und der acht Jahre ältere Timo Boll sollen nun auch das Team beflügeln - auf ganz unterschiedliche Art und Weise.

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© dpa Lehrer, Schüler, Medaillensammler: Roßkopf (l.) und Bronzegewinner Ovtcharov

Das Spiel um die Bronzemedaille war noch in vollem Gange, als Dimitrij Ovtcharov schon die eine oder andere Ehrenrunde drehte. Mit erhobener Faust lief er auf dem Court umher, warf verstohlene Blicke ins Publikum und zu seinem Gegner hinüber.

Es waren zwar nur gewonnene Ballwechsel, die der Tischtennisspieler feierte, doch die Triumphgeste bot einen Vorgeschmack auf das, was an Überschwang noch folgen sollte. Jubel, Trubel, Heiterkeit auf den Rängen der Arena, und mittendrin der Hamelner, der erst die Hände ungläubig über den Kopf zusammenschlug, dann aber dem Bundestrainer in die Arme fiel. Auch Jörg Roßkopf strahlte - dabei hatte er soeben eine Bestmarke verloren.

Sechzehn Jahre, nachdem Roßkopf in Atlanta die zuvor einzige Einzelmedaille für den Deutschen Tischtennis-Bund (DTTB) gewonnen hatte, fand er in Ovtcharov einen würdigen Nachfolger.

Durch seinen 4:2-Erfolg gegen den Taiwanesen Chuang Chih-Yuan im Spiel um Platz drei sicherte sich der 23 Jahre alte Deutsche zum zweiten Mal olympisches Edelmetall nach Silber im Mannschaftswettbewerb von Peking. Im Halbfinale am Donnerstagmorgen war Ovtcharov dem Weltmeister und späteren Olympiasieger Zhang Jike 1:4 unterlegen.

Nach schwachem Start im Bronze-Match und einem 0:5-Rückstand fand Ovtcharov langsam zu seinem Spiel, blieb selbst von Netzrollern Chuangs unbeeindruckt, wehrte einen Satzball ab und sicherte sich den ersten Durchgang mit 12:10. Auch in den folgenden Sätzen war er jeweils zu einer Aufholjagd gezwungen.

Zweimal gab sich Chuang Chih-Yuan, der taiwanesische Bundesligaspieler von Werder Bremen, keine Blöße und gewann 11:9 und 11:8; doch im vierten Durchgang schlug Ovtcharov aus der Defensive zurück und stellte durch das 13:11 den Satzausgleich her. Das war zu viel für seinen Konkurrenten, der sich zuletzt als Nervenbündel entpuppte. Mit 11:5 und 14:12 gewann Ovtcharov.

Mit seiner Bronzemedaille avancierte er zum Spieler der Stunde im DTTB. Während sein acht Jahre älterer und bisher weitaus erfolgreicherer Kollege Timo Boll in London am selbstgemachten Druck zerbrach, seine Trophäensammlung mit einer olympischen Einzelmedaille zu komplettieren, behielt Ovtcharov die Nerven. Und er bestätigte seinen Ruf, so ehrgeizig wie gelehrig zu sein.

Während der 31 Jahre alte Boll seinem Talent und seiner Intuition vertraut, aber im Training die körperliche Grenze selten ausreizt, gilt Ovtcharov als Musterschüler. Wie von Bundestrainer Roßkopf gefordert, trainiert er nicht nur so oft und intensiv wie möglich, sondern bereitet sich auf jedes Match auch akribisch mit Videoanalysen und Notizen vor.

Ein Morgenmensch

So ist der DTTB in der glücklichen Lage, mit dem Siebten und Zwölften der Weltrangliste über zwei Spitzenkräfte zu verfügen, die auf ihre jeweils eigene Art Hoffnung machen auf den jetzt anstehenden Mannschaftswettbewerb und die Zeit über diese Sommerspiele hinaus.

„Wir haben immer gesagt, dass wir mit zwei Leuten angreifen“, sagt DTTB-Sportdirektor Dirk Schimmelpfennig: „Wir haben Jahre mit internationalen Topspielern vor uns.“

Sein persönlicher großer Tag hatte schon ganz nach Ovtcharovs Geschmack begonnen. Früh aufstehen und früh an der Platte stehen, so liebt es der ehrgeizige Hamelner, der, anders als sein Kollege Boll, kein Morgenmuffel ist, sondern das Tischtennisspiel am Vormittag mag.

Zhang Jike hatte die besseren Antworten

Alles eine Gewohnheitssache, wie früher, als der junge Eiferer schon um sieben Uhr die ersten Bälle schlug, bevor sein Trainer-Vater Mikhail zu seinem Brotberuf aufbrechen musste. Doch am Donnerstag hatte Morgenstund kein Gold im Mund, sondern hielt einen bitteren Geschmack bereit.

Zu Beginn des ersten Halbfinals, um zehn Uhr Londoner Zeit angesetzt, hatte Ovtcharov noch nicht hellwach gewirkt, im Schlagabtausch der ersten beiden Sätze wusste Zhang Jike stets die bessere Antwort (8:11 und 3:11). Der Europa-Top-12-Sieger versäumte es, das Match früh so ausgeglichen zu gestalten, dass der Branchenführer ins Grübeln hätte geraten können.

„Wenn Zhang Jike mit seinem spielerischen Potential und Selbstvertrauen im Rücken in Führung liegt, ist er von kaum jemanden zu schlagen“, sagte Sportdirektor Schimmelpfennig: „Man hat nur eine Chance, wenn man das Spiel offen hält.“

Vom dritten Durchgang an, den er 11:5 für sich entschied, hatte Ovtcharov den Qualitätsunterschied wettgemacht. Doch in den entscheidenden Phasen der folgenden beiden Sätze unterliefen dem Niedersachsen einige Patzer, so dass am Ende eine deutliche Niederlage stand. Jike schlug im Finale seinen Landsmann Wang Hao ebenfalls 4:1 (18:16, 11:5, 11:6, 10:12, 13:11).

„Mit der Rückhand hat Dimitrij ein paar Fehler zu viel gemacht“, sagte Bundestrainer Roßkopf: „Das Wichtigste ist, dass er das Halbfinale abhakt.“ Es war leichter gesagt als getan.

Die Hatz geht weiter

Obwohl Ovtcharov sein Zimmer mit Aussicht aufs olympische Dorf verlassen hatte und sich für zwei Nächte in der Nähe der Arena in einem Hotel eingemietet hatte, kam er zwischen Halbfinale und seinem letzten Spiel kaum zur Ruhe. Dreieinhalb Stunden lagen zwischen den beiden Matches, für Ovtcharovs taiwanesischen Gegner sogar nur knapp zwei.

Und die Hatz auf die olympischen Medaillen setzt sich gleich an diesem Freitag fort, wenn in London der Teamwettbewerb beginnt, in dem die DTTB-Auswahl zum Auftakt auf Schweden trifft. Vielleicht steht am Ende also noch eine weitere Medaille, so wie vor vier Jahren, als die deutsche Mannschaft Silber holte.

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Jahrgang 1966, Sportredakteur.

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