So kann es gehen. Eben noch Silber in der Hand und dann doch noch Gold bekommen. Da sprangen die beiden jungen Damen in die Luft, hüpften durch den Innenraum der großartigen Bahnradhalle im Olympiapark. Kristina Vogel aus Erfurt und Miriam Welte (Kaiserslautern) waren schon von Trainern und Familienmitgliedern in die Arme geschlossen worden, sie hatten ihre Geschichte im Fernsehen längst erzählt. Die Version von der Niederlage beim Finale des Teamsprints gegen China, 0,2 Sekunden Rückstand, ein Augenblick, der ihnen nicht mal weh tat nach dieser mörderisch harten Jagd.
Die Freude über den vermeintlich zweiten Rang war so groß, dass man aus der Distanz schon ahnte, wer als Sieger der Herzen die Halle verlassen würde. Davon ließ sich die Rennleitung zwar nicht beeinflussen. Aber den Fahrfehler der Chinesinnen durfte sie nicht ignorieren. So kam es zum Platztausch bei der Siegerehrung. Das deutsche Duo flog auf den Olymp: „Ich muss erst mal runterkommen“, sagte Kristina Vogel, „ich glaube, ich schwebe.“
Ein paar Stunden vorher war sie heftig geerdet worden. Die Chinesinnen sausten voraus mit einem Weltrekord, auch die Britinnen mit Jessica Varnish und dem Star Victoria Pendleton kreisten schneller. „Das ist schon ein komisches Gefühl“, erzählte Miriam Welte mit ihrem Goldstück vor dem Bauch: „So will man eigentlich nicht gewinnen.“
Denn die Tagesform hätte wohl nur zu Rang drei gereicht wie bei den Männern mit dem Trio René Enders (Erfurt), Robert Förstemann (Gera) und Maximilian Levy (Cottbus). Aber die Bahnfahrer müssen strengen Regeln gehorchen. Es reicht nicht, zu fliegen wie China und schnell zu sein wie die Britinnen. Die schienen auf ihrer Hausbahn vom Schall des enthusiastischen Publikums vorangetrieben zu werden mitten hinein in ein packendes Finale mit den Rivalinnen aus China. 6000 Fans brüllten ihre Freude heraus. Sie wurden von einer nüchternen Stimme jäh zum Schweigen gebracht: Disqualifikation wegen eines Wechselfehlers.
Unter den Buhrufen der Enttäuschten setzte die Rennleitung Deutschland einen Rang herauf, ins Finale: „Das war schon ein Glück für uns“, sagte Kristina Vogel, „aber dann noch der Fehler der Chinesinnen, so viel Glück kann man doch gar nicht haben.“ Man kann, wenn hinter dem Glück mehr steckt als ein Zufall. Wechselfehler und eine Tour in die Cote d’Azur, wie das (verbotene) Befahren der hellblauen Zone am Innenrand der Bahn genannt wird, sind kein Pech, sondern Irrtümer im Eifer des Gefechts. Den deutschen Männern ist bei der vergangenen WM so ein Missgeschick unterlaufen. Und das war in einem gewissen Sinne Gold wert: „Wir“, sagten Vogel und Welte, „haben aus ihren Fehlern gelernt.“
Auch William und Harry applaudierten
Das Publikum akzeptierte die Entscheidungen und applaudierte, von der Unterrang-Besatzung bis hinauf zur Loge mit Premierminister David Cameron und dem bekanntesten Bruderpaar unter den Blaublütigen, den Prinzen William und Harry. Ihr Beifall galt auch der deutschen Männer-Equipe, der man Gold-Chancen nachgesagt hatte. Aber selbst in der ursprünglichen Besetzung hätte das Trio wohl keine Chance gehabt. Stefan Nimke musste kurz vor dem Start wegen einer Verletzung Förstemann weichen. Einem menschlichen Boliden mit Oberschenkeln wie Baumstämme. „73 Zentimeter, mehr als die Taille meiner Frau“, sagt er gerne.
Am Donnerstag trugen ihn diese monströsen Gebilde zum bislang schönsten Augenblick seines Sportlerlebens. Da stand er feierlich auf dem Podium und schaute hinüber zu den Briten. Was er sah, kam ihm wohl bekannt vor: Sir Chris Hoy, den berühmtesten Bahnfahrer mit dem fünften Golde am Bande nach einem Weltrekord-Sprint (42,600 Sekunden) im Finale gegen Frankreich. Und dann noch den Anteil der Deutschen an diesem Erfolg. Er beträgt wohl 33 Prozent. Philip Hindes, der Dritte im Bunde der Sieger, ist erst seit 2010 Brite. Früher fuhr als Junior für Deutschland.