Home
http://www.faz.net/-hi5-721bj
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Deutsche Zielvereinbarungen Ein Lächeln gegen die „Lachnummer“

 ·  In der Aufregung um übertriebene Medaillen-Phantasien deutscher Sportplaner fühlt sich der DOSB falsch verstanden. Einige Kritiker sehen „Missstände“ und fordern Reformen.

Artikel Bilder (2) Bildergalerie Video (1) Lesermeinungen (19)
© dpa „Wir haben doch nie 86 Medaillen verlangt“ - sagt der DOSB

Viel Wind um nichts? Der Generaldirektor des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper, hätte gerne freundliche Fragen zu der schönen Medaillensammlung der deutschen Olympiamannschaft gehört. Stattdessen musste er auf der abschließenden Pressekonferenz am Samstag in London weitschweifig erklären und erklären lassen, dass die Leistungssportplaner völlig zu Unrecht zum Gespött der halben Nation wurden.

„Wir haben doch nie 86 Medaillen verlangt“, sagte Vesper mit Blick auf die am Freitag gerichtlich erzwungene Veröffentlichung der sogenannten Zielvereinbarungen durch das für den Sport zuständige Bundesinnenministerium (BMI). In diesen Papieren sind unter anderem Medaillenhoffnungen für London als Gegenwert für Steuergelder des BMI fixiert worden.

Da die Deutschen von den 28 avisierten goldenen nicht mal 14 erreichen werden, machte in der Heimat das Wort vom „Größenwahn“ des Sports die Runde; obwohl die Medaillenausbeute 2012 größer ist als vor vier Jahren in Peking. Da wusste der frühere Bauminister von Nordrhein-Westfalen nicht mehr weiter: „Ich bin ratlos.“ Selbst schuld.

Die Zielvereinbarungen sind zwar vor Jahr und Tag von der Mitgliederversammlung des DOSB in aller Öffentlichkeit beschlossen, aber die Inhalte anschließend krampfhaft verborgen worden. Bis das BMI auf Druck von zwei Journalisten am Freitag das Aktenschränkchen öffnen musste. Was dabei herauskam, ist kaum einer großen Geheimniskrämerei wert und inzwischen vier, in manchen Fällen sogar fünf Jahre alt: Der DOSB hatte damals sein Spitzensport-Förderkonzept geändert.

Statt nach Ablauf einer Olympiade die Medaillen zu zählen und Unbotmäßige mit Mittelabzügen zu bestrafen, setzte er auf eine nach vorne gerichtet Investitionspolitik: In Verhandlungen mit den Verbänden wurden Ziele für die nächsten vier Jahre festgelegt und Wege dahin besprochen. Dafür gab es zusätzlich zu der ohnehin fixierten Grundförderung Projektmittel, etwa für mehr Personal oder Nachwuchskonzepte: „Da haben die Verbände natürlich mehr angegeben, als sie vielleicht erreichen konnten“, sagt der Sportchef eines erfolgreichen Olympischen Verbandes und lacht am Telefon: „Ein jeder will doch mehr Geld haben, um vielleicht mehr Trainer einstellen oder bessere Strukturen schaffen zu können. Sonst geht doch nichts vorwärts.“

Die Fachaufsicht, der DOSB, ließ manche Medaillenwünsche aufzählen, die heute wie Phantasien erscheinen. Der Handball hatte im Herbst 2008 Gold und Bronze für die Damen in Aussicht gestellt. Beide Teams konnten sich nicht mal für London qualifizieren. „Aber wenn wir alle Verbände durchgehen und uns den damaligen Ausgangspunkt vor Augen halten“, sagt der Direktor für Leistungssport des DOSB, Bernhard Schwank, „dann wird man feststellen, dass in den meisten Fällen durchaus nicht unrealistisch kalkuliert wurde.“

Außerdem, fügte Schwank hinzu, seien die Zielvereinbarungen (mit den Verbänden) im Verlauf der vier Jahre immer wieder überprüft und die Vergabe der Mittel, etwa zehn Millionen Euro für alle pro Jahr, korrigiert worden: „Natürlich haben wir dann auch Projekte gestoppt, wenn klar war, dass das Ziel nicht zu erreichen war.“ Was am Freitag als Stand der Dinge ohne weitere Interpretationshilfe von BMI und DOSB veröffentlicht und sofort in den Internet-Foren als Lachnummer bezeichnet wurde, entpuppt sich in erster Linie als Kommunikationsdesaster des DOSB.

Medaillen des Samstags: Goldenes Double-Triple

Da schaute der Präsident am Samstag sauertöpfisch drein. Denn Thomas Bach hat „einen glänzenden Auftritt“ seines „sympathischen“ Teams bei „hervorragenden Spielen“ gesehen. „Die Mannschaft hat meine persönlichen Erwartungen übertroffen im härtesten olympischen Wettkampf aller Zeiten.“ Denn Bach, eifriger Zähler, begeisterte sich an einer größeren Medaillenausbeute als bei den Spielen von Peking 2008. Obwohl die Schwimmer, geführt von seiner Vizepräsidentin für Leistungssport, Christa Thiel, baden gingen und auch Segler wie Schützen nicht unter die ersten drei kamen. Allerdings wird es weniger Olympiasieger als vor vier Jahren geben (16).

Trotz aller Begeisterung kündigte Bach eine „umfassende Überprüfung des Fördersystems“ für den Herbst an. Vor den Resultaten dieser notwendigen Untersuchung ist schon klar, dass der deutsche Spitzensport mehr Geld brauchen wird, falls er seine Stellung in der Welt behalten soll. „Ich freue mich“, sagte der stets um Diplomatie bemühte Bach, „dass Politiker die gleiche Leistung in Rio 2016 sehen wollen. Wir werden sie daran erinnern, dass solchen Wünschen auch Taten folgen müssen.“

Vorerst besteht die Politik aber auf mehr Transparenz. „Wir hatten schon lange die Veröffentlichung der Zielvereinbarungen gefordert“, sagte Dagmar Freitag, Vorsitzende des Sportausschusses im Deutschen Bundestag: „Es gab und gibt keinen Grund, sie zu verheimlichen.“ Die SPD-Politikerin fordert nun einen offenen Diskurs. Die veraltete Zielvereinbarung „oder auch das Unwort des Jahres?“ (Bach) könnte also einer Modernisierung des Leistungssport-Systems sogar auf die Sprünge helfen. Weil Kritiker und manche Fachverbände in der Aufregung nun eine Chance wittern, „Missstände“ zu beseitigen.

Dazu gehört unter anderem die Überforderung der Leistungssportplaner in der Frankfurter DOSB-Zentrale. Mit ein paar Mitarbeitern muss die Entwicklung aller Sportarten, ihrer Disziplinen und Athleten angemessen bewertet werden. Auch deshalb ist es angeblich zu einer oberflächlichen Fixierung auf die Medaillenausbeute gekommen, wenn der DOSB pflichtgemäß nach dem Erfolg eines Förderprojektes fragte. Was aber sagen ein Sieg oder eine Niederlage über die Qualität eines Trainers aus, der erst ein Jahr arbeitet?

Deutsche Medaillengewinner: „So cool war ich gar nicht“

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1964, verantwortlicher Redakteur für Sport.

Jüngste Beiträge