Jetzt werden wieder stündlich die Goldmedaillen gezählt. Ein paar können noch hinzukommen für die deutsche Mannschaft bis zum Ende der Olympischen Sommerspiele in London an diesem Sonntag. Aber auf sechzehn, so wie vor vier Jahren in Peking, werden die Chefplaner des deutschen Spitzensports kaum mehr kommen. Den Schwund hatten sie vorausgesehen und reagiert.
Schon vor der Eröffnungsfeier sprach Thomas Bach, Präsident des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), davon, dass die Sportkultur in Deutschland „auf eine große Breite angelegt“ sei. Diese solle man pflegen und sich nicht allein am augenblicklichen Erfolg orientieren. Aber der flehentliche Hinweis Bachs wird nicht viel helfen. Die Diskussion über das vermeintliche Versagen des deutschen Teams hat schon begonnen: abgehängt von Großbritannien, überholt von Südkorea, bedrängt von Kasachstan in einer nur auf die Goldausbeute bezogenen Nationenwertung.
Das ist die spöttische Botschaft oberflächlicher Betrachter, die eine satte Silbermedaillen-Sammlung als Zeichen für erstbeste Zweitklassigkeit betrachten, den mitunter marginalen Unterschied zum Sieg aber ignorieren. Trotzdem bietet die Debatte eine Chance. „Das Fördersystem des Spitzensports in Deutschland“, sagt der Soziologe und Volkswirt Eike Emrich, „muss dringend modernisiert werden.“
Rund 1000 Staatsprofis
Wer aber fördert den Spitzensport? Der Bund behauptet gerne von sich, der größte Sponsor zu sein. Das für Spitzensport zuständige Innenministerium zahlt in diesem Jahr 132 Millionen Euro. Dazu kommen die geldwerten Leistungen der Bundeswehr, der Bundespolizei und des Zolls. Sie stecken Athleten in Uniformen, binden sie - bei der Polizei - in die Ausbildung ein und lassen ihnen doch die nötige Freiheit für die Karriere im Sport. In Deutschland gibt es gut 1000 Staatsprofis. Sie bilden das Gerüst für den Erfolg des DOSB.
Der profitiert inzwischen von einer Ausdehnung dieses Modells auf Länderebene. Spitzensportler werden auch von der Landesfeuerwehrschule Brandenburgs ausgebildet und abgestellt für den Dienst am Vaterland. Der Einsatz von Steuergeld für die Unterhaltung des Systems ist kaum zu berechnen. Die Bundeswehr teilt mit, sie gebe 60 Millionen Euro aus. Ob darin auch die Kasernierung von Sportlern wie in Oberhof oder der Einsatz von Soldaten als Hilfskräfte bei Sportveranstaltungen enthalten ist? Man weiß es nicht. Die Bundeswehr machte dazu gegenüber dieser Zeitung keine Angaben. Den Wert der Armee-Hilfe schätzen Fachleute auf wenigstens 100 Millionen Euro.
Den Deutschen scheint der Sport lieb und teuer zu sein. Sie unterhalten 19 Olympiastützpunkte, schicken ihre Talente auf 39 Eliteschulen des Sports, investieren in ein Bundesinstitut für Sportwissenschaften (Bonn), in das Institut für Angewandte Trainingswissenschaften (IAT) in Leipzig, schwören auf die Kölner Trainerakademie und erwarten stets modernste Technik aus der Forschungs- und Entwicklungsstelle für Sportgeräte. Der Erfolg der Bahnradfahrer in London hängt auch mit den Zeitfahrmaschinen aus staatlicher Produktion zusammen: alle made by Germany.
„Für die Verbände unzumutbar“
Abgerundet wird das Unterstützungsprogramm durch die Stiftung Deutsche Sporthilfe, die mit Unternehmensspenden und Einnahmen aus der Glücksspirale Kaderathleten während ihrer Laufbahn unter die Arme greift. „Ich glaube, dass in Deutschland genügend Geld zur Verfügung gestellt wird“, sagt der Leistungssport-Analytiker und frühere Präsident des Leichtathletik-Verbandes, Helmut Digel: „Aber es mangelt an Effizienz.“
Der Sport ein Geldverschwender? Das würde DOSB-Präsident Bach nie sagen. Aber in seltener Übereinstimmung mit Digel hatte er schon vor der Mission London eine Wirkungsanalyse im Herbst angekündigt. Denn die Klagen der Sportverbände nehmen, hinter vorgehaltener Hand, zu. Sie sprechen von einer aufgeblasenen Bürokratie der zentralen Leistungssportplanung im Bundesinnenministerium und im DOSB. Der Verband verteilt das Geld nach Abstimmung mit dem Bund an die Sportarten. „Der DOSB hat sich selbst gefesselt, weil er mehr und mehr kontrolliert“, sagt der Leistungssport-Fachmann Emrich, bis 2009 Vizepräsident des Leichtathletik-Verbandes (DLV), dieser Zeitung: „Ein Großteil der Energie wird bei den Verbänden in die Berichtspflicht statt in die Alltagsarbeit investiert. Das sind eindeutige Kennzeichen einer Planwirtschaft, wenn das Berichteliefern, die Meilensteingespräche überhandnehmen. Wenn alles bis ins Detail begründet werden muss, dann ist das für die Verbände unzumutbar.“
Emrich wünscht sich mehr Freiheiten, mehr Vertrauen in die Verbände und widerspricht dem jüngsten Ruf aus London. Dort wächst der Mut, das Zauberwort „Zentralismus“ in die Runde zu werfen. Der Bahnrad-Bundestrainer Detlef Uibel forderte den deutschen Sport am Mittwoch nach dem silbernen Abschluss der Rennen für Maximilian Levy dazu auf.
Trainer wirken abgebrannt und ausgelaugt
So eine Art China-Modell mit Delegationscharakter ist in einem demokratischen Staat aus gutem Grund aber nicht zu verwirklichen. Und Deutschland ist auch anders als Frankreich, das traditionell auf Paris ausgerichtet ist. Statt einer grundsätzlichen Zentralisierung ist in Deutschland eine Differenzierung überfällig. Bei Sportarten, die auf Sprungschanzen oder Bobbahnen angewiesen oder in denen relativ wenige Athleten zu betreuen sind, erscheint eine Schwerpunktbildung unerlässlich.
Warum aber sollten die vielen in ganz Deutschland verteilten Schwimmer oder Leichtathleten ihr kompetentes Umfeld zugunsten einer Konzentration zum Beispiel in Berlin aufgeben? „Der DOSB sollte sich darauf konzentrieren, mit Hilfe externer Experten den einzelnen Verbänden zu helfen“, sagt Emrich. „Es herrschen sehr unterschiedliche Bedingungen. Manche haben wissenschaftliche Mitarbeiter mit Hochleistungsfähigkeiten, andere nur wenige Trainer. Die wären sicher dankbar für Hilfe.“
Wer Emrichs Vorschlag verwirklicht, würde den Kreislauf des deutschen Spitzensport-Fördersystems öffnen - für den Wettbewerb. Dann müssten sich auch die staatlichen Leistungssport-Forscher in den verschiedenen Instituten mit privater Konkurrenz messen. Der Stagnation folgte eine Fluktuation der Denker und wahrscheinlich irgendwann auch eine Innovation. Der Sport aber kreist seit Jahren in seiner eigenen Umlaufbahn, ohne Aussicht auf einen neuen Schwung für eine Kurskorrektur. Trainer bleiben, wenn sie nicht ins Ausland gelockt werden, über Jahrzehnte in der Knochenmühle hängen, obwohl sie schon nach zwei Olympiaden mitunter abgebrannt und ausgelaugt wirken.
„Warum nicht 200.000 Euro für einen Olympiasieg?“
Sie haben bei einem durchschnittlichen Verdienst von 2500 bis 3500 Euro netto (plus Prämien) kaum Spielraum, sich zu verändern. „Wir brauchen bessere Anreize für Trainer und auch für die Athleten“, sagt Emrich. „Was spricht etwa dagegen, einem Athleten 200.000 Euro für einen Olympiasieg zu zahlen? Dann könnte er die Studienausfälle leicht kompensieren.“
Aber ist die deutsche Gesellschaft bereit, für einen Sieg des Ruderachters allein 1,6 Millionen Euro zu zahlen? Die Wert-Diskussion des Spitzensports ist bislang nicht geführt worden. Dazu gehörte, ganz offen zu sagen, was der Spaß kostet, wenn sich die Deutschen Erfolge wünschen. Der Staat stünde dann nicht an erster Stelle der „Sponsoren“.
„Die Finanzierung des Spitzensports geschieht ja nicht wirklich durch den Bund. Der kauft sich ein, um Aufmerksamkeit für seine Politiker zu bekommen“, sagt Emrich: „Den Großteil der Kosten bringen andere auf, die Athleten, das Elternhaus, die Vereine, die Verbände. Aus dieser Perspektive betrachtet, gibt der Bund recht wenig, bekommt aber sehr viel. Wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir feststellen, dass unsere Gesellschaft den Gewinn sozialisiert, das Risiko aber bei dem Athleten belässt.“
Absurder Medaillenspiegel
Robert Varga (RobZV)
- 11.08.2012, 02:51 Uhr
PISA und die 10.000 Stunden-Regel
Ralf Herrmann-Bierbaum (vision54)
- 09.08.2012, 14:47 Uhr
Wo bleibt hier die fiskalische Transparenz? Ist der Sport nun Krieg mit
anderen Mitteln?
Closed via SSO (shoppe57)
- 09.08.2012, 14:17 Uhr
Gewinnen fängt in der Schule an
Jim Greek (Jos_Vik)
- 09.08.2012, 13:25 Uhr
Bedeutung des Schulsports
Mischa Kellermann (mikeller)
- 09.08.2012, 13:17 Uhr