Ariane Friedrich hat sich für das Finale im Hochsprung nicht qualifiziert; der Leichtathletikverband hatte sie ohne ausreichende Qualifikation für die Olympiamannschaft nominiert. Speerwerfer Matthias de Zordo schied in der Qualifikation für das Olympia-Finale ohne einen einzigen gültigen Versuch aus; auch er war, ohne die Qualifiktionsnorm erreicht zu haben, mit nach London geflogen. Was erscheint wie klassische Beispiele von Sporttourismus, erweist sich bei näherem Hinsehen als ganz spezielle Einzelfälle. Wie so recht eigentlich das Abschneiden eines jeden der 77 deutschen Leichtathleten in den 47 Wettbewerben.
„Die berühmten deutschen drei Zentimeter“, scherzte Thomas Kurschilgen, der Sportdirektor der deutschen Leichtathleten, um zu zeigen, wie dicht Erfolg und vermeintliches Scheitern, wie weit eine pauschale Planung von individuellen Leistungen entfernt ist. „Hätte er drei Zentimeter weiter gestoßen, hätte David Storl im Kugelstoßen die Goldmedaille gewonnen“, sagte er. Storl wurde Zweiter. „Wäre Sebastian Bayer drei Zentimeter weiter gesprungen, wäre er nicht Fünfter (mit 8,10 Meter) geworden, sondern Dritter.“ Und auch Ariane Friedrich fehlten am Donnerstag diese drei Zentimenter, aber auch nur, weil das Kampfgericht ungerecht war.
14 Hochspringerinnen hatten in der Qualifikation die geforderter Höhe von 1,93 Meter überwunden, unter ihnen die Frankfurterin, die sich nach einem Riss der Achillessehne in ihrem Sprungfuß und dem Verlust eines Jahres zurückgekämpft hat. Die Höhe sollte also reichen, schließlich waren auch im Hochsprung der Männer 14 Athleten im Finale an den Start gegangen.
Doch das Kampfgericht nutzte die Unsicherheit und Uneinigkeit der Hochspringerinnen aus und zwang die Nummern 12, 13 und 14, welche alle die Höhe erst im dritten Versuch gemeistert hatten, zu einem Stechen über 1,96 Meter. Nur die Usbekin Swetlana Razivil kam durch. „Ich war mit der Backe dran“, sagte Ariane Friedrich, als sie nach dem Ausscheiden mit den Tränen kämpfte. „Einerseits bin ich Saisonbestleistung gesprungen. Andererseits waren das nur 1,93 Meter.“
Kritik von Nasse-Meyfarth
Ihr Anspruch liegt, wie ihre Bestleistung von 2,06 Meter, wesentlich höher. Und dann musste sie sich auch noch an die Kritik der zweimaligen Hochsprung Olympiasiegerin Ulrike Nasse-Meyfahrt an ihrer Nominierung erinnern lassen. „Auf dieses Niveau will ich mich nicht hinab begeben“, sagte sie. „Es ist schade, dass man solche Nestbeschmutzer hat.“ Der Wettkampf sei wichtig gewesen, sagte ihr Trainer Günter Eisinger, um die Hochspringerin wieder zurück zu bringen auf ihr höchstes Niveau. Und nicht vergessen: „Elf andere sind mit 1,93 Meter ins Finale eingezogen.“
Ob auch bei Matthias de Zordo drei Zentimeter fehlten, wird niemand erfahren. Weil der Weltmeister im Speerwurf sofort erkannte, dass seine Würfe in der Qualifikation nicht reichen würden, verwischte er alle Spuren, machte jeden einzelnen seiner drei Würfe durch Übertreten ungültig und gestand dann: „Ich würde am liebsten sofort nach Hause fliegen. Ich glaube nicht, dass ich mir den Wettbewerb anschauen kann.“
Bei einem Sturz hatte er sich am Ellbogen verletzt, musste einige Wettkämpfe auslassen, und schon brauchte er eine Ausnahmegenehmigung des Verbandes, um in dem Glücksspiel, das der Speerwurf auch ist, eine Chance zu erhalten. Hätte er einen Wurf richtig erwischt, er wäre im Finale am Samstag ein Medaillenkandidat gewesen. So diente er lediglich als Beispiel dafür, dass einzigartige Leistungen auch im Einzelfall behandelt werden müssen.
Jeder Erfolg ist ein Einzelfall
Das war hochaktuell, hatte doch der Generalsekretär Frank Hensel im Interview mit der Süddeutschen Zeitung verraten, dass sein Leichtathletikverband unter Druck in der streng geheimen Zielvereinbarung mit Deutschem Olympischen Sportbund und Innenministerium den Gewinn von acht Medaillen bei den Spielen von London versprochen hatte, darunter eine goldene. Drei waren es bis Donnerstag geworden: die goldene von Robert Harting sowie Silber von Lilli Schwarzkopf und David Storl. Keine kam aus heiterem Himmel, keine aber lag zum Abholen bereit. Auch jeder Erfolg ist ein Einzelfall.
Der Respekt vor den Athleten und ihrer Leistung lässt Kurschilgen und seinen Cheftrainer Idriss Gonschinska jede Medaillenprognose vermeiden. Er könne nicht nachvollziehen, auf welcher Basis die Zielvereinbarung zustande gekommen sei, sagte Kurschilgen. Sein Vorgänger Jürgen Mallow und der damalige Vizepräsident Eike Emrich hätten erzählt, dass sie unterschrieben, um so schnell wie möglich an die Mittel für einen Neubeginn zu gelangen.
Deshalb verfügt der DLV nun über rund fünf Millionen Euro pro Jahr. Um weiterhin den Anspruch aufrecht erhalten zu können, Einzelfall für Einzelfall in der sogenannten Nationenwertung (bis Platz acht) zu den Besten sechs der Welt zu gehören, reicht das nicht. Finalteilnahme kostet mehr Fördermittel - und lässt sich doch nicht garantieren.
Unterschiedliche Selbstwahrnehmung
Christoph Schmidt (homerjay88)
- 10.08.2012, 09:43 Uhr
Immerhin
Mathias Hell (Maherow)
- 09.08.2012, 18:14 Uhr
Verzerrung der Fakten
Tammo Lotz (lauftammo)
- 09.08.2012, 16:19 Uhr
„Es ist traurig, wenn man so einen Nestbeschmutzer hat."
Roland Magiera (Roland_M)
- 09.08.2012, 15:15 Uhr
Das ist keine Frankfurterin
Uli Haslinde (avronaut)
- 09.08.2012, 15:03 Uhr