Jeder schien große Lust zu haben, seine olympische Geschichte noch einmal zu erzählen - und sei es zum hundertsten Mal. Jan Philipp Rabente und sein Hockey-Siegtor, das nicht hätte zählen dürfen, Miriam Welte und ihr Bahnrad-Gold nach eigentlich verlorenem Finale, Judoka Ole Bischof und seine Fairness, den überlegenen südkoreanischen Gegner als „echten Champion“ zu würdigen.
Oder Lilli Schwarzkopf, die ihre Müdigkeit am Mittwochmorgen überpudert hatte und die Hand immer wieder an die um ihren Hals hängende Trophäe legte. „Mir macht es nichts, es immer wieder hervorzukramen“, sagte sie strahlend, „denn mein olympischer Moment ist noch total präsent. Als die Jury sagte: ,Tut uns leid, war unser Fehler.’“ Womöglich wird die Silbermedaillengewinnerin ihren Enkeln von den Minuten zwischen Hoffen und Bangen berichten.
Auf jeden Fall hat Schwarzkopf in den Tagen an Bord der „MS Deutschland“ fleißig an ihrer Geschichte der vermeintlichen Disqualifikation im Siebenkampf üben können: „Jeder wollte von mir wissen, wie es war. Manchmal habe ich dann die anderen gefragt: ,Wie war es denn bei euch?’“ Es war ein übersprudelnder Quell an Geschichten und Geschichtchen, als 217 der 392 deutschen Olympiastarter ihren dreitägigen Törn von London am Hamburger Kreuzfahrt-Terminal beendeten. 20.000 Menschen jubelten ihnen bei bestem Wetter in der Hafencity zu.
Elbaufwärts hatten sich deutsche Olympiafans schon viel früher bereitgehalten. „Es begann morgens um sieben, als wir in die Elbe fuhren“, erzählte der Hamburger Ruderer Lauritz Schoof aus dem goldenen Doppelvierer, „alle sind aus ihren Häusern gekommen und haben gewinkt, Fahnen hingen raus, Musik lief.“ Für die Stimmung an Bord des Kreuzfahrtschiffes hatte Hockeyspieler Moritz Fürste nur Superlative übrig: „Es war eine unglaublich tolle Zeit, unvergessliche drei Tage. Ich bin dankbar, dass ich dabei sein durfte.“ Alle Athleten schienen das verlängerte Olympia-Ende auf dem Wasser mit anschließendem Bad in der Menge als Höhepunkt nach dem Höhepunkt wahrzunehmen, so dass der Generalsekretär des Deutschen Olympischen Sportbundes (DOSB), Michael Vesper, nur begeistert feststellen konnte: „Das war eine phantastische Premiere einer solchen Tour. Alle Athleten sind an Bord für ihre Arbeit belohnt worden. Was mich am meisten freut, ist, dass diese Zeit das beste Teambuilding für Rio 2016 war.“
Und tatsächlich ging bei einigen der Blick schon so weit - die 25 Jahre alte Miriam Welte, die die Fingernägel am Morgen noch einmal frisch in den deutschen Farben lackiert hatte, sagte: „Ich habe mit einer Medaille Blut geleckt und will auf jeden Fall in Rio dabei sein.“ Andere waren zurückhaltender, Moritz Fürste etwa: „An Rio denke ich gar nicht, ich muss erst mal alles verarbeiten.“ Judoka Bischof freute sich indes nur aufs eigene Bett: „Gebt mir ein paar Wochen Zeit, dann kann ich sagen, ob ich weitermache.“ Auch dem Präsidenten des DOSB, Thomas Bach, sah man an, dass ihm die Tage inmitten „seines“ Teams gefallen hatten. Er erinnerte daran, dass es intern auch Gegner der öffentlichen Willkommensfeier gegeben hatte: „Was wir hier in Hamburg erleben, lässt alle Hindernisse vergessen. Wenn ich in die Gesichter schaue, glaube ich, dass wir auch einmal eine gute Idee hatten. Für mich war das Schönste, dass jeder Ministerpräsident und Bürgermeister mitgemacht hat und nicht drauf bestand, seinen Athleten sofort am Ort zu haben.“
Für die meisten deutschen Olympioniken ging es nach der anschließenden Barkassenfahrt und dem Empfang im Hamburger Rathaus ja noch weiter in alle Teile Deutschlands. Bach vergaß nicht, Hamburg für den stimmungsvollen Empfang zu loben. Danach lechzt die Hansestadt ja, die sich nie so ganz von dem Traum verabschieden kann, selbst einmal Olympische Spiele auszurichten. Bach also sagte: „Hamburg hat heute eine tolle Visitenkarte abgegeben. Wir beim DOSB kennen das Interesse Hamburgs an Olympischen Sommerspielen und freuen uns drüber. Wir wollen Olympische Spiele in Deutschland haben. Die Frage ist nicht ob, sondern für welche Spiele und wann wir uns bewerben.“
Neben Hamburg hat auch Berlin Interesse bekundet. Allerdings geht es erst um die Sommerspiele 2028 oder 2032, sollte ein europäischer Kandidat (Istanbul) die Sommerspiele 2020 ausrichten dürfen. Und intern muss der DOSB noch klären, ob er mit dem Kandidaten München für die Winterspiele 2022 an den Start geht. Scharfsinnig bemerkte Michael Vesper dazu: „Für Winterspiele kommt Hamburg meines Erachtens ja nicht in Frage.“ Allzu ernst ging es an diesem sonnigen olympischen Abschiedstag eben nicht zu.