Home
http://www.faz.net/-hfn-71s9g
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Debatte um Ye Shiwen Die Chinesen wehren sich

 ·  Mit ihren kaum fassbaren Leistungen hat Ye Shiwen eine heftige Debatte entfacht. Die Schwimmerin selbst findet die Kritik „unfair“. Doch die ins Zwielicht geratene Chinesin bekommt auch viel Zuspruch.

Artikel Bilder (1) Lesermeinungen (26)
© AFP „Bei Schwimmern aus China heißt es: Wie ist das möglich?“: Ye Shiwen klagt über die Diskussionen um ihre Leistungen

Es wurde dann doch kein Weltrekord. Aber immerhin der zweite Olympiasieg innerhalb von vier Tagen. Und das ist für eine Sechzehnjährige ja auch schon aller Ehren wert. Die Chinesin Ye Shiwen gewann bei den Spielen in London nach den 400 Meter Lagen auch die 200 Meter Lagen am Dienstagabend - jene Strecke, auf der sie schon im vergangenen Jahr in Schanghai Weltmeisterin geworden war. In 2:07,57 Minuten blieb sie aber fast eineinhalb Sekunden über dem Weltrekord der Amerikanerin Ariana Kukors, die im Finale Fünfte wurde. Und die Ye Shiwen nach dem Rennen um den Hals fiel, sei es aus Anerkennung oder aus Erleichterung, dass sie ihren Rekord behielt.

Die heftige Debatte freilich, die Ye Shiwen mit ihren kaum fassbaren Leistungen entfacht hatte, ging nach ihrer zweiten Goldmedaille in London weiter. Ye Shiwen selbst empfand die Spekulationen und Vorwürfe von Schwimm-Experten, bei ihrer Steigerung von sieben Sekunden gegenüber ihrer 400-Meter-Zeit von der Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr in Schanghai könne es nicht-rechten Dingen zugegangen sein, als „unfair“. Sie habe nie irgendwelche verbotenen Mittel benutzt, sagte die Chinesin nach ihrem Rennen, „absolut nicht“. Laut der Internetseite des Schwimm-Weltverbands Fina wurde Ye Shiwen seit Juni vergangenen Jahres dreimal außerhalb von Wettkämpfen auf Doping kontrolliert.

Wenn Schwimmer aus anderen Ländern mehrere Medaillen in Folge gewännen, sagte Ye Shiwen, sei das normal, „aber bei Schwimmern aus China heißt es: Wie ist das möglich?“ In China wurden Vorwürfe wie die von John Leonard, dem amerikanischen Schwimmtrainer und Generaldirektor der internationalen Schwimmtrainer-Vereinigung, Yes Leistungen seien „verstörend“ und „unglaublich“, vielerorts als Neidreaktion wahrgenommen. Jiang Zhixue, der Anti-Doping-Beauftragte im chinesischen Sport, warf Yes Kritikern vor, sie seien voreingenommen. Laut der Nachrichtenagentur Xinhua sagte er: „Ich denke, es ist nicht richtig, chinesische Schwimmer herauszuheben, wenn sie gute Resultate erzielen. Wir haben nie an den Leistungen von Michael Phelps gezweifelt, als er in Peking achtmal Gold gewonnen hat.“

Jiang sagte weiter, chinesische Athleten, darunter auch Schwimmer, hätten, seit sie in London angekommen seien, mehr als hundert Doping-Tests absolviert. Viele von ihnen seien auch von internationalen Verbänden und der britischen Anti-Doping-Agentur getestet worden. „Ich kann sagen, dass darunter bisher nicht ein einziger positiver Fall war.“ Erst Anfang Juni freilich war die Schwimmerin Li Zhesi mit einem positiven Test auf Erythropoietin (Epo) aufgefallen - Li Zhesi war 2009 in Rom mit der chinesischen Lagenstaffel Weltmeisterin geworden und hatte vor zwei Jahren bei den Asien-Spielen die 50 Meter Freistil gewonnen. Die 16 Jahre alte Li Zhesi wurde daraufhin aus dem Aufgebot für die Spiele in London gestrichen.

„Es ist unfair, sofort jemanden anzugreifen“

Bob Bowman, der langjährige Trainer von Phelps, sprach sich dafür aus, mit Doping-Vorwürfen vorsichtig zu sein. Die Reaktion sei verständlich angesichts von Chinas Geschichte im Schwimmsport - in den neunziger Jahren war eine ganze Reihe chinesischer Schwimmer positiv getestet worden. „Aber es ist unfair“, sagte Bowman, „sofort jemanden anzugreifen, der ein außergewöhnliches Rennen geschwommen hat, denn das passiert.“ Die amerikanische Bronzemedaillengewinnerin über 200 Meter Lagen, Caitlin Leverenz, sagte, sie habe volles Vertrauen in das Anti-Doping-System.

„Es ist leicht, mit dem Finger auf jemanden zu zeigen, aber dann müsste man auch auf viele andere zeigen“, sagte sie und nannte dabei auch Schwimmerinnen aus dem eigenen Team: „Auch Missy Franklin hat schon herausragende Rennen gezeigt.“ Die 17 Jahre alte Amerikanerin hatte im vergangenen Herbst in Berlin einen Weltrekord über 200 Meter Rücken auf der Kurzbahn aufgestellt. Viel Zuspruch also für die ins Zwielicht geratene Ye Shiwen. Sie selbst sagt, die Unterstützung ihrer Trainer und Teamkollegen habe ihr geholfen, mit der schwierigen Situation nach den Doping-Spekulationen fertig zu werden. Ihre Leistung im 200-Meter-Lagen-Finale jedenfalls habe diese Diskussion keineswegs beeinflusst. Allein das ist für eine Sechzehnjährige schon bemerkenswert.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1970, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge