Admiral Nelson war vorgestern. Heute zieht Britannia mit dem Fahrrad los, um die Welt zu erobern. Zehn Medaillen erwartet die britische Olympia-Führung von ihren Zweiradlern, und Tour-de-France-Sieger Bradley Wiggins ist nicht einmal deren Kapitän. Chris Hoy ist der höchstdekorierte britische Radstar, ein Schotte, der mit mächtiger Beinkraft auf der Bahn in die Pedale tritt und voll in der britischen Tradition steht.
Drei Goldmedaillen hat er vor vier Jahren bei den Spielen in Peking gewonnen und ist damit der erfolgreichste britische Olympionike seit dem Schwimmer Henry Taylor 1908 in London. Aber vielleicht ist es in diesen Zeiten, da das Königreich mit aller Kraft an seinem sportlichen Weltruhm arbeitet, gar nicht so opportun, an eine vergangene Epoche zu erinnern.
Vor 104 Jahren stand Großbritannien nämlich zum einzigen Mal an erster Stelle in der Nationenwertung, die Sportler holten im Dienste Ihrer Majestät damals 146 Medaillen, unglaubliche 99 Medaillen mehr als die Vereinigten Staaten - 56 waren aus Gold. Unmöglich, das zu toppen. Schon jetzt steht fest: Großbritannien wird bei den Spielen in London höchstens die zweitbeste Leistung seiner Sportgeschichte abliefern.
Minimal 48, maximal 70 Medaillen werden erwartet
„Der wichtigste Auftrag ist es, das Ergebnis von Peking zu übertreffen“, sagt folglich Colin Moynihan, der Präsident des Britischen Olympischen Komitees (BOA). Eine Medaille mehr als in China - das wären 48. Aber es gibt auch ein Maximalziel: 70 Medaillen würden die britische Sportbegeisterung anheizen wie noch nie, man könnte damit nicht nur den ewigen Rivalen Australien und die akribischen Deutschen hinter sich lassen, sondern sogar die Russen angreifen, von denen es doch heißt, sie hätten Platz drei hinter China und den Vereinigten Staaten sicher.
„Ich habe keinen Zweifel, dass unsere Sportler uns stolz machen werden“, sagt Sue Campbell, die Vorsitzende der staatlichen Sport-Dachorganisation UK Sport. 542 Sportler sind für das Königreich am Start - die größte Mannschaft.
In den vergangenen vier Jahren hat das Land hart daran gearbeitet, sich zu verbessern. 2008 wurden Medaillen in elf Sportarten gewonnen, vierzehn Sportarten galten damals als medaillenverdächtig.
Medaillenchancen in 28 Sportarten
Mittlerweile hat das Land diversifiziert: Briten haben nach Meinung der Leistungsplaner jetzt in 28 Sportarten Chancen auf Top-Plazierungen. Dafür wurden Millionen und Abermillionen für die Sportförderung ausgegeben, die zu einem großen Teil aus Steuermitteln und den Einnahmen der nationalen Lotterie stammen.
400 Millionen Euro hat sich der britische Sport in den vergangenen vier Jahren die Vorbereitung kosten lassen. Rechnet man die Förderung auf die Maximalzahl von 70 Medaillen um, so hätte eine einzige davon 5,7 Millionen Euro gekostet. Aber so einfache Rechnungen will die britische Sportführung nicht aufmachen.
Das Geld der olympischen Pfund-Offensive muss auch reichen, um bei den Paralympics abzuräumen. Zudem soll das Sportprogramm nicht mit dem Erlöschen der Olympischen Flamme am 12. August enden. „Wir haben ein nachhaltiges Hochleistungssystem geschaffen“, sagt Sue Campbell. „London 2012 macht nur den Anfang, das ist nicht das Ende unserer Ziele.“ Geld für Heimmedaillen verfeuern - das soll nicht die britische Spezialdisziplin werden.
Hoy, der logische Fahnenträger
Sportlern, die Geld zu Gold machen, winkt reicher Lohn. Dem 36 Jahre alte Chris Hoy, insgesamt viermaliger Olympiasieger und Gewinner einer Silbermedaille, wurden zwei Ehrendoktortitel verliehen.
Dazu wurde er von der Queen zum Ritter geschlagen: Seit dem Jahr 2009 ist er Sir Chris. 2008 wurde er zum Sportler des Jahres gewählt, nur Platz zwei blieb für Lewis Hamilton, den bis dato jüngsten Formel-1-Weltmeister der Geschichte. Die neue Radrennbahn in Glasgow heißt „Sir Chris Hoy Velodrome“.
Am Freitag wartet die nächste Ehre auf den Radler: Er wird bei der Eröffnungsfeier den Union Jack ins Olympiastadion tragen, was irgendwie logisch ist: 2008 trug er die Fahne bei der Schlussfeier aus dem Vogelnest von Peking heraus.
Entzündet Redgrave die Flamme?
Doch selbst für Hoy gelten die strikten Gesetze der Leistung. „Keine Kompromisse“, heißt das Motto, wenn es um die Konzentration auf Medaillenchancen geht. Er wird nur zwei seiner drei Titel verteidigen dürfen, im Keirin und im Team-Sprint. Im Einzel-Sprint wurde ihm Jason Kenny vorgezogen - er wird für aussichtsreicher gehalten. „Wir sind ein Star-Team und kein Team von Stars“, sagt Moynihan. Jede minimale Verbesserung der Chancen wird deshalb genutzt, alle Kräfte sind gefragt.
Die Ruderer unter Führung des ehemaligen DDR-Cheftrainers Jürgen Grobler sollen mit sechs Medaillen in Serie zuschlagen, angeführt vom berühmten Vierer-ohne, der seit vielen Jahren das englische Flaggschiff ist.
Auch Sir Steven Redgrave holte in dieser Bootsklasse seine späten Erfolge. Redgrave, Gewinner von fünf goldenen und einer bronzenen Olympiamedaille, ist einer der heißen Kandidaten für die Entzündung der Flamme am Freitagabend - ein Held aus alten Zeiten. Er war 1996 in Atlanta, am Tiefpunkt des britischen Leistungssports, Gewinner der einzigen Goldmedaille für sein Land.
Auch die Enkelin der Queen ist gefordert
Seitdem ging es aufwärts, in beschleunigtem Tempo, seit in Singapur 2005 London den Zuschlag für die Spiele bekam. Der Segler Ben Ainslie, ein Haudegen der Meere, steigerte sich von Silber in Atlanta zu dreimal Gold - bei diesen Spielen soll er endgültig zum modernen britischen Seehelden werden.
Freistilschwimmerin Rebecca Adlington soll das Wasser ohne Boot beherrschen: Sie gewann in Peking zwei Goldmedaillen, über 400 und 800 Meter. Insgesamt stehen die Schwimmer mit fünf bis sieben Medaillen im Soll. Tennis-Profi Andy Murray gehört seit seiner Teilnahme am Wimbledon-Finale zu den potentiellen Nationalhelden. Und von den Reitern werden drei bis vier Medaillen als Beitrag zur National-Ausbeute erwartet - auch die Queen-Enkelin Zara Philipps ist gefordert.
In gestrecktem Galopp sollen die Horsemen und -women auf den olympischen Medaillenschatz zusprengen. Am Ende, sagt der britische Sport-Staatssekretär Hugh Robertson, werde der Erfolg der Spiele nicht daran gemessen, wie reibungslos der öffentliche Nahverkehr funktioniert habe, sondern einzig am Rang des britischen Teams im Medaillenspiegel.