So ist das Leben in einer Fun-Sportart: Die beiden Beachvolleyballspieler Julius Brink und Jonas Reckermann werden vom Hotel zum Training auf der Waldbühne des Berliner Olympiageländes chauffiert, da dreht sich der Veranstalter zu ihnen um und sagt: „Ihr wisst ja, dass wir euch am Samstagabend im Finale erwarten.“ Mehr als 18.000 Zuschauer sollen kommen, damit Berlin den Besucher-Weltrekord vom Finale der Olympischen Spiele in Peking übertrifft. Neben Rockmusik und Model-Wettbewerb sollen die besten deutschen Spieler für die Attraktion sorgen, wenn Beachvolleyball nach Jahren wieder mit einer großen Veranstaltung in die Hauptstadt zurückkehrt.
Drei Siege hatten die beiden bis Donnerstag dazu beigetragen, um die Waldbühne am Samstag zu füllen, bei 22.000 Zuschauern wäre sie ausverkauft. Gewinnen wollen sie immer, aber im Moment ist vor allem Praxis wichtig. Das bedeutet: In Berlin und danach in Klagenfurt, ihren letzten Turnieren vor den Olympischen Spielen in London, wollen sie so viel spielen wie möglich: alle Partien einschließlich Endspiel. Spätestens dann dürften die Defizite ausgeglichen sein, die sie im Juni noch in Den Haag in ihrem Spiel bemerkt hatten - und da erreichten sie nicht nur das Finale, sondern sie gewannen es auch. Es war das der Europameisterschaft.
2009 haben sich die beiden zusammengetan mit dem Ziel, bei den Olympischen Spielen 2012 besser abzuschneiden als der eine gemeinsam mit Markus Dieckmann 2004 in Athen und der andere gemeinsam mit Christoph Dieckmann 2008 in Peking; beide Teams konnten ihre Medaillenhoffnung nicht realisieren. Die Kombination aus dem mit 1,86 Metern verhältnismäßig kleinen Brink und seinem 14 Zentimeter größeren Partner Reckermann schlug ein: In Stavanger gewannen die beiden noch im ersten Jahr ihrer Partnerschaft die Weltmeisterschaft.
Seitdem leben sie mit den Erwartungen. Aber das ist nichts, was den 30 Jahre alten Brink und den drei Jahre älteren Reckermann aus der Ruhe bringen könnte. Nervös wurden sie, als Anfang des Jahres plötzlich die Arztpraxis im Fokus ihrer Aufmerksamkeit stand: Reckermann hatte eine Schulterverletzung erlitten; London schien plötzlich ganz weit weg. Sie arbeiteten hart fürs Comeback und erkämpften sich dabei den europäischen Titel. „Wir haben zwei Jahre lang die Qualifikation für London ausgespielt. Nach zwölf Turnieren sind wir die Nummer drei“, sagte Reckermann nun in Berlin. „Klar, dass wir ein Team sind, das um eine Medaille spielt.“ Brink formulierte es in seinem Blog während der Fußball-EM so: „Europameister - wir haben vorgelegt. Olympia kann kommen.“
Die besten Teams der Welt sind zusammengerückt. Sechs, sieben Paare sehen Brink und Reckermann als Medaillenkandidaten. Der Trend unter den Besten: „Viele kopieren den Flatteraufschlag von Julius“, sagt Reckermann. Das ist ein Ball, der ohne Spin übers Netz geht, ein Aufschlag, bei dem der Spieler nicht hochspringt, sondern am Boden bleibt. Windstille ist die beste Voraussetzung dafür, dass der Ball unberechenbar ins gegnerische Feld fliegt.
Mit ihren Wettbewerben auf der Horse Guards Parade, in Nachbarschaft zu 10, Downing Street und praktisch im Vorgarten der Queen, werden die Beachvolleyballspieler in London eine Bühne haben wie noch nie. Brink und Reckermann wollen dort den Höhepunkt ihrer Karriere erleben. „Eine sensationelle Lage“, sagt Brink. „Es ist eine Ehre, dort Sportwettbewerbe austragen zu dürfen.“ Die beiden haben sich bei Werbeaufnahmen ihren Sportplatz in der City schon anschauen können, Freunde haben „für eine Schweinekohle“, wie es Brink formuliert, Eintrittskarten gekauft. Doch auch hier heißt die Devise: Sich bloß nicht von den Erwartungen beeindrucken lassen. „Wenn man sich mal Olympia wegdenkt“, behauptet Reckermann betont gelassen, „dann wird dort auch nur ganz normal Beachvolleyball gespielt.“