11.08.2008 · Während die Schwimmer einem olympischen Tiefpunkt entgegentrudeln, zeigen die Synchronspringer, wie man auch unter höchstem psychischem Druck Medaillen gewinnen kann. Für Sascha Klein und Patrick Hausding endet ein „Krimi“ mit Silber.
Von Cai Tore Philippsen, PekingNur knapp zehn Meter trennen die Becken der Schwimmer und der Wasserspringer im „Water Cube“ von Peking. Doch innerhalb des deutschen Lagers könnte die gefühlte Entfernung zwischen den beiden Unterabteilungen des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) nicht größer sein. Während die Schwimmer nach den Enttäuschungen von Sydney und Athen auf einen neuen olympischen Tiefpunkt zusteuern und das böse Wort von der „Bezirksklasse“ die Runde macht, zeigt der lange vernachlässigte kleine Bruder innerhalb des Verbandes, wie man gegen die Weltelite bestehen und sogar Medaillen gewinnen kann.
Sascha Klein und Patrick Hausding erkämpften sich am Montag im Synchronspringen von Zehn-Meter-Turm die Silbermedaille. Nur die Weltmeister aus dem Springerland China, Yue Lin und Liang Huo, blieben unerreichbar. Am Tag zuvor hatten Ditte Kotzian und Heike Fischer vom Drei-Meter-Brett bereits Bronze gewonnen. Es waren die ersten beiden Medaillen für die deutsche Mannschaft bei den Olympischen Spielen überhaupt, und das machte den Triumph der Nischensportler unter den Randsportarten noch ein wenig süßer.
Sprung ins Glück vor 11.000 begeisterten Chinesen
Der erst 19 Jahre alte Patrick Hausding wollte mit dem Springen gar nicht mehr aufhören. Auf dem Medaillenpodest hüpfte er vor lauter Freude weiter, als stünde er noch immer auf dem Sprungturm. Dass der Schüler dem Druck standgehalten hat, vor den 11.000 begeisterten Chinesen um olympische Medaillen zu springen, ist wohl die größte Leistung dieses Tages. Wann die Entscheidung fiel, dass der Berliner neben dem gesetzten Sascha Klein den Vorzug vor dem Leipziger Stefan Rudolph erhalten hatte, wollte Spartenleiter Walter Alt nicht verraten.
Zumindest die Sportler reisten mit der Ungewissheit nach China, ob sie überhaupt eine Chance erhalten würden. „So bleiben die Springer angespannt“, begründete Cheftrainer Lutz Buschkow den ungewöhnlichen Psychotrick. Die Schwimmer machten es genau umgekehrt. Sie legten die Besetzungen ihrer Staffeln nach einem Ausschwimmen im Trainingslager in Japan fest. „Jeder muss wissen, ob er schwimmt, bevor er in Peking ist“, sagte Cheftrainer Örjan Madsen. Platz fünf für die traditionell starke 4 x 100-Meter-Freistil-Staffel der Frauen und eine im Vorlauf gescheiterte Männerstaffel sind das bisherige Resultat.
Der Medaillentraum schien schon vorbei
Vielleicht sollten die Schwimmer öfter einen Blick über den Beckenrand wagen und zuschauen, mit welchem psychischen Druck ihre Nachbarn im Wasserwürfel zurechtkommen müssen. Klein und Hausding waren zunächst gut in den Wettkampf gestartet, Platz drei hinter den frenetisch gefeierten Chinesen und dem russischen Duo Gleb Galperin und Dmitri Dobroskok stand drei Sprünge lang auf der Anzeigetafel. Doch dann kam der dreieinhalbfache, gehechtete Rückwärtssalto.
Eigentlich beherrschen sie diesen Sprung sicher, doch beide drehten bei den Saltos mit zu großem Schwung, viel Wasser spritzte beim Eintauchen hoch, das fachkundige Publikum stöhnte auf, der Medaillentraum schien vorbei. Das amerikanische Duo verdrängte die beiden Deutschen auf Platz vier. „Das Zittern war schon da, aber ich habe gesagt: 'Wir haben noch zwei Sprünge, wir müssen locker bleiben'“, schildert Klein die schweren Momente während des Wettkampfs.
„Wir versuchen, nur von Sprung zu Sprung zu denken“
Der Aachener ist zwar auch erst 22 Jahre alt, doch nun übernahm er die Verantwortung im deutschen Duo. „Der eine baut den anderen auf, das ist sehr wichtig“, betonte Klein und schob noch eine leicht veränderte Fußballweisheit hinterher: „Wir versuchen, nur von Sprung zu Sprung zu denken.“ Der nächste Sprung war dann wieder perfekt, nun patzten die Amerikaner und die Russen. Deutschland war wieder auf Platz drei, plötzlich war sogar Silber greifbar. „Es war ein Krimi, wie immer“, meinte Spartenleiter Walter Alt, der auch eine halbe Stunde nach dem Wettkampf vor lauter Anspannung schwitzte. „Unsere Sportler sind mental stark. Psychologie bedeutet im Wasserspringen sehr viel.“
Der letzte Sprung musste die Entscheidung bringen. China hätte schon einen Synchron-Bauchplatscher machen müssen, um Gold noch zu verlieren, aber der Kampf um die Plätze zwei bis fünf war offen. Klein und Hausding hatten sich in ihrem Programm, das ohnehin schon den höchsten Schwierigkeitsgrad aller Teams hatte, den schwersten Sprung für das Finale aufgehoben. Einen zweieinhalbfachen Salto rückwärts mit zweieinhalbfacher Schraube - volles Risiko.
Klein mit weiterer Medaillenchance
Es wurde ihr bester Sprung, selbst die Olympiasieger Lin und Huo erzielten keine höhere Wertung bei einem Sprung. „Das ist eine gute Sache, wenn man einen Sprung besser als die Chinesen macht“, sagte Sascha Klein voller Stolz. Nun hatten sie Bronze sicher und den Druck an Gleb Galperin und Dmitri Dobroskok weitergereicht. Den beiden Russen gelang nur ein durchschnittlicher Sprung. Silber für Deutschland.
„Wahnsinnig glücklich“ sei er in diesem Moment gewesen, „das ist die schönste Medaille, die ich je gewonnen habe“, sagte Sascha Klein, der im Einzel vom Zehn-Meter-Turm sogar noch die Chance auf eine zweite Medaille hat. Im Februar hatte der Soldat der Sportfördergruppe beim Weltcup in Peking sogar die gesamte chinesische Elite hinter sich gelassen. Ein bisschen von der Popularität der chinesischen Wasserspringer, die hofiert werden wie in Deutschland nur Fußballspieler, wünscht sich nun auch Klein für seinen Sport in Deutschland. In diesem Fall könnte der Untergang der Verbandskollegen im Nachbarbecken sogar hilfreich sein.