08.08.2008 · Michael Phelps hat sich für die Schwimmwettbewerbe etwas vorgenommen, was vor ihm noch keiner geschafft hat - auch Mark Spitz nicht: acht Goldmedaillen zu gewinnen. Es winkt ihm eine Million Dollar - dafür diktiert das amerikanische Fernsehen sogar die Schwimmzeiten.
Von Bernd Steinle, PekingDer große Rivale von Michael Phelps ist 58 Jahre alt, er hat graue Locken und schwimmt nebenher an der Universität von Los Angeles. Sein Name ist Mark Spitz. Der Amerikaner gewann 1972 sieben Goldmedaillen bei den Olympischen Spielen in München, das Poster mit den um den Hals baumelnden Plaketten vor der nackten Heldenbrust wurde zum Kultobjekt. Bis heute hat kein anderer Athlet Spitz' olympischen Rekord erreicht.
Nun soll es in einer guten Woche so weit sein. Denn Michael Phelps, 23 Jahre alt, achtmaliger Medaillengewinner 2004 in Athen und siebenmaliger Weltmeister 2007 in Melbourne, hat sich für die Schwimmwettbewerbe bei den Spielen in Peking etwas vorgenommen, was vor ihm noch keiner geschafft hat - auch Spitz nicht: acht Goldmedaillen zu gewinnen.
Phelps schwärmt vom olympischen „College“
Angesichts des historischen Vorhabens überrascht es, wie entspannt sich der amerikanische Ausnahmeschwimmer in Peking präsentiert. Phelps, sonst als gleichmütig und zurückhaltend bekannt, gerät fast ins Schwärmen, für seine Verhältnisse zumindest, wenn er von der Atmosphäre und dem Leben im Olympischen Dorf erzählt. „Wie auf dem College“ gehe es da zu, „wir sind zu sechst im Apartment, wir sitzen zusammen, albern herum, spielen den ganzen Tag Karten.“
Bei der Schilderung des lustigen Studentenlebens könnte man glatt vergessen, dass es Phelps in Peking in Wahrheit um ganz andere Dinge geht. Auch wenn er in der Pressekonferenz kokett beteuert: „Es seid ja immer nur ihr, die mit mir über den Rekord von Mark Spitz reden“, sagt er. „Ich bin nur hier, um das zu tun, was ich mir vorgenommen habe.“ Schnell zu schwimmen.
In Athen ist Phelps an der Dollarmillion vorbei geschwommen
Ganz so unschuldig, wie er tut, ist der Amerikaner an der Aufregung nicht. Vor vier Jahren, vor den Spielen in Athen, handelte er mit seinem Sponsor Speedo einen spektakulären Vertrag aus. Er stellte ihm eine Million Dollar in Aussicht, wenn er in Athen den Rekord von Spitz einstellen und siebenmal Gold gewinnen würde. Es war ein Versuch, den amerikanischen Schwimmern, denen es anders als Football-, Baseball- oder Basketballspielern nur alle vier Jahre gelingt, das Land zu elektrisieren, mehr Aufmerksamkeit zu verschaffen. Und nebenbei eine Menge Geld zu verdienen.
Ersteres gelang, Letzteres nicht. Nach drei Rennen in Athen hatte Michael Phelps einmal Gold und zweimal Bronze gewonnen. Er war 19 Jahre alt, der zweitjüngste Schwimmer im amerikanischen Team, und er hatte in beiden Einzelrennen bis dahin Bestzeit erzielt. Und trotzdem redete jeder nur über das geplatzte Millionenprojekt. Nach dem dritten Tag meldete die Nachrichtenagentur AP: „Weil er seiner kühnen Herausforderung nicht gerecht wurde, könnten die Spiele in Athen für ihn zu einem Flop werden.“
Der Vertrag gilt noch - Phelps ist nur zurückhaltender
Phelps gewann dann doch noch fünfmal Gold. Er sammelte mehr Einzelmedaillen als je ein Schwimmer zuvor bei Olympia, er war der Erste, der über 100, 200 und 400 Meter Gold holte, und er wurde mit acht Medaillen zum erfolgreichsten Athleten bei nicht von einem Boykott betroffenen Spielen. Doch er war eben auch der gescheiterte Millionenmann. Für Olympia 2008 hat Speedo den Vertrag aufrechterhalten.
Nur gehen sie im Hause Phelps jetzt etwas zurückhaltender damit um. Der Superstar hat gelernt aus dem Athen-Erlebnis, in vielerlei Hinsicht. „Er weiß jetzt, was er bei Olympia zu erwarten hat, er kennt den Ablauf, er kann besser damit umgehen“, sagt sein Trainer Bob Bowman. Phelps ist gereift, mental und körperlich. In den vergangenen Jahren intensivierte er das Krafttraining, wovon er nun vor allem bei den Wenden profitiert. Bei den amerikanischen Olympia-Ausscheidungen siegte er in allen fünf Einzelrennen, in denen er antrat.
NBC kaufte wegen Phelps die Schwimmzeiten
Auf den fünf Strecken, die er auch in Peking schwimmen wird, war in diesem Jahr niemand schneller als er. So fragen sich nun alle vor seinem ersten Auftritt über 400 Meter Lagen am Samstag: Schafft es Phelps doch, Spitz zu übertreffen? Für den amerikanischen Sender NBC war die Frage spannend genug, um dank seiner Dollarmillionen für die Fernsehrechte durchzusetzen, dass die Schwimmfinals in Peking vormittags stattfinden - zur Primetime in den Vereinigten Staaten.
Phelps' Mission ist NBCs Hauptattraktion. „Geld kauft Tradition“, kommentierte Alan Thompson das nur säuerlich, der Cheftrainer der australischen Schwimmer, die mit den Amerikanern von jeher eine innige Rivalität verbindet. In Sachen Phelps jedoch gesteht selbst Thompson zu, dass der Amerikaner alle achte schaffen kann. „Wenn das jemand in der Welt gelingt, dann Michael“, sagt er. Sein Teamkapitän, der zweimalige Olympiasieger Grant Hackett, bestätigt: „Er ist zu allem in der Lage.“ Und Phelps selbst? Sagt, was er immer sagt.
Spitz ist sich sicher: Phelps wird Geschichte schreiben
Dass er seine eigenen Ziele hat. Und zu denen gehört: „Ich will der erste Michael Phelps sein, nicht der zweite Mark Spitz.“ Spitz habe die größte olympische Leistung aller Zeiten vollbracht. „Ich hoffe nur, im gleichen Sport etwas anderes zu erreichen als das, was er geschafft hat.“ Einer immerhin ist überzeugt, dass ihm das gelingen wird.
Michael Phelps werde in Peking Geschichte schreiben, ist sich Mark Spitz sicher: „Wir haben seine beste Zeit noch nicht gesehen.“ Als der einstige Schwimmheld und heutige Geschäftsmann einmal gefragt wurde, was es bedeuten würde, wenn Phelps seinen olympischen Rekord einstellte, sagte er, gewohnt bescheiden: „Es wäre wie der zweite Mann auf dem Mond.“ Und wenn er in Peking acht Goldmedaillen gewänne? „Wie der erste Mann auf dem Mars.“
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