Home
http://www.faz.net/-g8p-104hs
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Gold für Britta Steffen Das Pflaster auf der deutschen Wunde

15.08.2008 ·  Nach einer Woche Frust und Enttäuschung hat Britta Steffen doch noch für das große Erfolgserlebnis der deutschen Schwimmer in Peking gesorgt. Die Berlinerin wurde auf ihrer Paradestrecke 100 Meter Freistil Olympiasiegerin: „Ein Wahnsinnsgefühl.“

Von Cai Tore Philippsen, Peking
Artikel Bilder (1) Bildergalerie Lesermeinungen (6)

Als schon niemand mehr an die deutschen Schwimmer geglaubt hat, startete Britta Steffen eine fantastische Aufholjagd und feierte den Olympiasieg über 100 Meter Freistil. Zum ersten Mal seit Dagmar Hase 1992 (400 Meter Freistil) gewinnt eine Deutsche Schwimmgold.

Damit ist Britta Steffen gelungen, was Weltmeisterin und Weltrekordlerin Franziska van Almsick in ihrer Karriere nie gelang. „Das ist ein Wahnsinnsgefühl. Ich habe nie gedacht, dass mir dieser letzte Durchbruch gelingt“, sagte Britta Steffen. Endlich zeigte die 24-Jährige nach einer Woche der Anspannung ihr strahlendes Lächeln. Bei der Siegerehrung konnte sie die Tränen nicht unterdrücken.

Das Rennen als Kopie der Gefühlskurve

Das Rennen war eine Kopie der Gefühlskurve der deutschen Schwimmer in der vergangenen Woche. Zunächst schwamm die Berlinerin hinterher, und an der Wende nach 50 Metern sah alles nach einer weiteren Enttäuschung aus. „Ich musste mein eigenes Rennen schwimmen. Ich wusste, dass die anderen sehr schnell angehen würden“, meinte Britta Steffen.

Gold für Britta Steffen: Das Pflaster auf die deutschen Wunden

Nach der Wende drehte die Berlinerin auf. Zug um Zug, Meter um Meter kam sie der führenden Australierin Lisbeth Trickett näher. Erst die letzten Meter machten den Unterschied. Dann schlugen Steffen und Trickett an. „Ich habe ihr gesagt, dass die letzten 15 Meter entscheiden, und so war es dann ja auch“, sagte Steffens stolzer Trainer Norbert Warnatzsch nach dem Rennen.

„Ich wusste nur, dass ich ein super Rennen geschwommen bin“

Britta Steffen hob ihren Kopf nach dem Anschlag nicht, blickte erst sekundenlang an die Wand. „Das ist der Augenblick gewesen, als ich nicht wusste, was die anderen Mädchen gemacht haben. Ich wusste nur, dass ich vor Lisbeth Trickett war und ein super Rennen geschwommen bin.“ Diesen Moment habe sie genießen wollen, egal ob es für eine Medaille gereicht hätte oder nicht. „Dann habe ich mich umgedreht, und alles war schön.“

53,12 Sekunden standen da für Britta Steffen an der Anzeigetafel, 53,16 für die Weltrekordhalterin Lisbeth Trickett. Vier Hundertstel Sekunden zwischen Silber und Gold, das ist weniger als der berühmte Wimpernschlag. Und für Britta Steffen doch viel mehr, als sie zu träumen gewagt hatte. „Nach der Staffel habe ich ja gar nicht mehr damit gerechnet, dass ich hier um eine Medaille mitschwimmen kann“, sagte sie.

„Der Zustand ist, dass wir schlecht sind“

Doch als die Konkurrentinnen im Halbfinale vergleichsweise langsam schwammen, kam der Glaube an eine Medaille zurück. Der Sieg ist auch eine kleine Bestätigung für die Arbeit des scheidenden Cheftrainers Örjan Madsen. Doch der blieb mitten in der deutschen Jubelstimmung vollkommen nüchtern.

„Ich freue mich sehr, auch für die Mannschaft“, sagte der Norweger, „aber man muss auch sagen, dass es nur ein Pflaster auf der Wunde ist. Gold überdeckt nicht den Zustand insgesamt und der Zustand ist, dass wir schlecht sind.“ Schon die fünf Medaillen von Athen (1 x Silber, 4 x Bronze) hatte der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) als Katastrophe empfunden, nun könnte es bei einer Medaille bleiben. Doch für Britta Steffen ist diese eine von unermesslichem Wert.

Phelps wird nicht müde

Unterdessen ging die ungebremste Rekordjagd im „Water Cube“ munter weiter. Michael Phelps siegte wie erwartet über 200 Meter Lagen in Weltrekordzeit von 1:54,23 Minuten. Auf dieser Strecke hält Phelps die Bestzeit seit nunmehr fünf Jahren, achtmal konnte er sie seit 2003 verbessern. Es war sein sechster Sieg in Peking, die insgesamt zwölfte olympische Goldmedaille. Und noch immer scheint er nicht müde zu sein.

Gewinnt Phelps sein Rennen am Samstag über 100 Meter Schmetterling oder mit der 4 x 100 Meter-Lagen-Staffel am Sonntag, zieht er mit den sieben Goldmedaillen von Mark Spitz aus dem Jahr 1972 gleich. Gewinnt er beide Endläufe, bricht „The Baltimore Bullet“, wie er in seiner Heimatstadt genannt wird, auch diese Bestmarke. Ryan Lochte, sein ärgster Widersacher im eigenen Team, gewann Bronze - nach nur einer halben Stunde Pause nach seinem Rennen über 200 Meter Rücken.

Lochte sorgt für einen weiteren verrückten Rekord

Ein erfolgreicher Doppelstart: Lochte konnte seinen Mannschaftskollegen Aaron Peirsol, den Olympiasieger von Sydney und Athen, in Weltrekordzeit von 1:53,95 Minuten bezwingen. Gold und Bronze in 30 Minuten, noch so ein verrückter Rekord. Die dritte amerikanische Goldmedaille an diesem Vormittag gewann überraschend Rebecca Soni über 200 Meter Brust in der Weltrekordzeit von 2:20,22 Minuten vor der bisherigen Rekordhalterin und Favoritin Leisel Jones (Australien).

Damit erhöhte sich die Zahl der Weltrekorde bei den olympischen Schwimmwettbewerben auf 19, und noch stehen zwei Finaltage aus. Der deutsche Sprinter Rafed El-Masri schied im 50-Meter-Freistil-Halbfinale in 22,09 Sekunden aus. Über die gleiche Strecke hat Britta Steffen mit dem neuen Selbstvertrauen einer Olympiasiegerin noch eine weitere Medaillenchance. Vielleicht ist ihr Traum noch nicht zu Ende.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1970, Redakteur vom Dienst bei FAZ.NET.

Jüngste Beiträge