13.08.2008 · Sie waren voller Zuversicht nach Peking geflogen. Doch der erst kurz vor den Spielen neu zusammengestellte Deutschland-Achter ist havariert. Nach dem dramatischen Untergang hagelt es nun heftige Kritik.
Von Evi Simeoni, PekingTonnenschwere Enttäuschung, zentnerschwere Erschöpfung drückten die acht Ruderer nieder, die noch nichts begriffen außer einem: dass es aus war mit der Olympia-Mission. Sie fielen in sich zusammen in ihrem langen Boot, kauerten auf ihren Rollsitzen, atmeten mühsam und schwer und konnten sich nicht mehr bewegen. Voller Zuversicht waren sie nach Peking geflogen, acht ehrgeizige Sportler, die erst zwei Monate vor den Spielen die Chance bekommen hatten, sich im Deutschland-Achter zu bewähren. Hartnäckig hatten sie an die Tür geklopft, verbissen trainiert, um auf die minimale Möglichkeit vorbereitet zu sein, dass sie es doch noch schaffen würden in das Lieblingsboot der Deutschen, und am Ende wurden ihre Wünsche erfüllt.
Sie fanden es gerecht, dass der Deutsche Ruderverband in einer Last-Minute-Aktion für sie die Rollsitze freiräumte. Schließlich hatten sie schon zu Saisonbeginn die besseren Leistungen gezeigt als die alteingesessene Achter-Crew. Schließlich hatte die Mannschaft der verdienten Alt-Weltmeister spätestens bei der Weltcup-Regatta in Luzern ihren Kredit verspielt, als sie zehn Sekunden hinter dem Sieger herruderte. Und sie hatten dagegen bei Leistungsüberprüfungen immer wieder bewiesen, wie stark sie sind. Sie waren zutiefst davon überzeugt, dass sie die Richtigen waren. Doch ohne es zu ahnen, hatten sie auf der Titanic angeheuert.
Ob sie es besser gemacht hätten?
Im Hoffnungslauf am Dienstag war plötzlich alles verloren, das Finale verpasst, der Achter havariert. Schließlich rafften sie sich trotz aller trüber Gedanken auf und ruderten langsam an den Steg. Eine ganze Weile konnten sie nicht aussteigen. Allein Jochen Urban legte sich flach auf den Steg. Tränen flossen. Nur zwei von acht Großbooten wurden auf dem Weg ins Finale am Sonntag aussortiert. Neben Deutschland war dies China - noch so eine bitter enttäuschte Mannschaft. Acht Verlierer mit Steuermann. Doch in Deutschland sind es mindestens sechzehn.
Die acht von Peking - und die acht ehemaligen Weltmeister von Eton 2006, die davon überzeugt waren, dass sie bis Olympia wieder zu einer medaillenreifen Form würden finden können. Ob sie es besser gemacht hätten? Das lässt sich nicht mehr überprüfen. Dazu kommen zwei Trainer, der abgesetzte Dieter Grahn und sein kurzfristig beförderter Assistent Christian Viedt. Dazu Steuermann Peter Thiede. Gewinner gibt es nicht (siehe Interview auf dieser Seite), aber massive Kritik an den Funktionären, deren Hauruckaktion nur durch einen Erfolg gerechtfertigt worden wäre.
Michael Müller, hauptamtlicher Sportdirektor des Deutschen Ruderverbandes, kann diesem dramatischen Untergang trotz allem eine positive Seite abgewinnen: „Die Mannschaft hat hervorragend gerudert“, sagt er. Das muss er auch sagen, schließlich hat er die kurzfristige Umbesetzung mitgetragen, die vom Vorstand des Verbandes beschlossen wurde. „Über zwei Drittel der Strecke hat die Mannschaft nachgewiesen, dass sie mit der Weltspitze mithalten kann.“ Zwei Drittel genügten aber auch diesmal nicht.
Sie fuhren Ziehharmonika
Nach 500 Metern lag der Deutschland-Achter zwar auf Platz zwei, nach 1000 Metern auf Platz drei, nach 1500 Metern auf Platz vier, doch im Ziel, nach 2000 Metern, war er Sechster und Letzter. „Es lag daran, dass uns hinten raus die Kraft gefehlt hat“, sagt Schlagmann Andreas Penkner. Die hatte der Achter beim wild entschlossenen Start verbraucht. „Ich wusste, dass wir offensiv losfahren mussten, um eine Chance zu haben. Aber auf den letzten 500 Metern sind wir dann auseinandergefallen.“
Sie fuhren Ziehharmonika - unharmonisch nach links und rechts verschoben. „Sie haben riesig gekämpft“, bescheinigt ihnen der erfahrene Steuermann Peter Thiede. „Aber es haben sechs Wochen Training und ein paar harte Wettkämpfe gefehlt.“ In zwei Monaten einen schlagkräftigen Achter zu bilden - diese Aufgabe war für die jungen Leute und ihren Trainer Christian Viedt offenbar zu schwer. „Es hat die Erfahrung gefehlt“, sagt Viedt. „Der Wechsel kam zu spät.“
„Es hätte den Verband sonst zerrissen“
Müller erklärt die späte Reaktion des Verbandes auf schwache Saisonleistungen des Grahn-Achters mit seinem Respekt vor der Vergangenheit, schließlich war er Weltmeister 2006 und WM-Zweiter 2007. „Wir waren es den Ruderern wegen ihrer großen Verdienste schuldig, ihnen in Luzern noch einmal eine Chance zu geben.“ Allerdings räumt er ein, dass die Vorbereitungszeit für die neue Crew sehr kurz war: „Sicher wären sie mit einem Weltcup mehr noch etwas stabiler gewesen.“ An der alten Mannschaft habe der Verband allerdings auf keinen Fall festhalten können. Man habe sich endlich wieder auf das Leistungsprinzip besinnen müssen. „Es hätte den Verband sonst zerrissen.“
Die Rücktrittsforderungen durch die ausgebooteten Weltmeister hält Müller nicht für gerechtfertigt. Er verantworte schließlich den gesamten Leistungssport im deutschen Rudern. Und da sehe es gut aus: „Alle anderen Boote haben die Halbfinals erreicht, vier sind bereits im Finale.“ Die Ruderer des Deutschland-Achters aber können für den Rest der Spiele darüber nachdenken, ob die Erfüllung eines Wunsches nicht manchmal schlimmer ist als dessen Verweigerung.
Schade...
katrin speh (k.mainz)
- 14.08.2008, 22:18 Uhr