Home
http://www.faz.net/-g8p-100pt
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER
Aktuelle Nachrichten online - FAZ.NET

Deutsches Schwimmteam „Das hat mit Leistungssport nichts mehr zu tun“

10.08.2008 ·  Die Zeichen im deutschen Schwimmteam stehen schon nach dem zweiten Tag auf Sturm. Der Rückstand auf die Weltspitze kann für die kommenden Wettbewerbe schnell zum Stimmungskiller werden. Doch der Bundestrainer mahnt zur Geduld.

Von Bernd Steinle
Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (1)

Es war der Tag der Ernüchterung für die deutschen Schwimmer. Angefangen hatte der verheerende Sonntag im Water Cube mit dem Finale der 4×100-Meter-Freistilstaffel der Frauen. Britta Steffen, die Startschwimmerin, stand nach dem Rennen, das die Mannschaft des Deutschen Schwimm-Verbands (DSV) in 3:36,85 Minuten auf Platz fünf beendet hatte, wie verloren in den Katakomben des Wasserwürfels – enttäuscht, niedergeschlagen, fast wie in einer anderen Welt.

Es war ihr erstes Finale bei den Olympischen Spielen in Peking gewesen, und „ich war eigentlich gut drauf“, sagte sie, „ich hatte mir eine bessere Zeit erhofft“. Aber da waren eben nur jene 53,38 Sekunden, die nach dem ersten Wechsel auf der Anzeigetafel standen. Das hieß: Britta Steffen war deutlich langsamer als vor kurzem bei ihrem Europarekord in 53,05 Sekunden. Und langsamer als bei der Olympiaqualifikation im April, die sie in 53,20 gewann. Nicht unbedingt das entfesselnde Aufbruchserlebnis, das man sich für den Start in Olympische Spiele erträumt.

Also doch wieder eine Sache des Kopfes?

Die Zeiten im Training und im Einschwimmen seien gut gewesen, sagte die ehemalige Weltrekordhalterin, doch vielleicht habe sie gerade deshalb mehr gewollt, als sie konnte. DSV-Cheftrainer Örjan Madsen sah das ganz ähnlich. „Ich hatte den Eindruck, dass sie nicht die notwendige Lockerheit hatte“, sagte er. Obwohl die Voraussetzungen bestens gewesen seien. Britta Steffen bestätigte, mit der Virusinfektion, die ihr noch vor wenigen Tagen zu schaffen gemacht hatte, habe die mittelmäßige Leistung nichts zu tun. Also doch wieder eine Sache des Kopfes? Jene psychologischen Barriere, die der hochtalentierten Schwimmerin Britta Steffen im Wettkampf schon so oft in ihrer Laufbahn das Leben schwergemacht hat?

Örjan Madsen beteuerte, für die größte Medaillenkandidatin in seinem Team sei in der Einzelentscheidung über 100 Meter Freistil noch alles möglich. Nach dem Staffelfinale scheint das aber zumindest zweifelhaft. Denn die Schlussschwimmerinnen aus den Niederlanden, den Vereinigten Staaten, Australien und China blieben allesamt weit unter 53 Sekunden. Selbst wenn man die verkürzten Reaktionszeiten bei den Wechseln berücksichtigt, ergibt das Zeiten, die deutlich unter 53,38 Sekunden liegen. Britta Steffen wird sich steigern müssen, will sie im Finale über 100 Meter Freistil am Freitag wie erhofft eine Medaille aus Peking mitnehmen.

„Ich kann's mir nicht erklären, ich glaub's nicht“

Dieser Traum ist für den Frankfurter Helge Meeuw schon jetzt so gut wie vorbei. Über seine Spezialstrecke, die 100 Meter Rücken, über die er bei der Olympia-Qualifikation in 53,10 Sekunden einen Europarekord aufgestellt hatte, den in diesem Jahr nur der Amerikaner Aaron Peirsol unterbot, scheiterte er am Sonntag schon im Vorlauf. Er kam über eine Zeit von 54,88 Sekunden nicht hinaus: Platz 19. Konsterniert sagte Meeuw: „Ich kann’s mir nicht erklären, ich glaub’s nicht. Ich bin im Training in Japan noch eine 54,2 geschwommen, das hätte hier gereicht.“ Meeuw plant über 200 Meter Rücken noch einen weiteren Start im Water Cube.

Nicht viel besser erging es Thomas Rupprath, ebenfalls über 100 Meter Rücken. Er blieb in 55,77 Sekunden 1,61 Sekunden über seiner Zeit aus der Olympiaqualifikation. „Das war für mich eine Katastrophe“, sagte Rupprath, „das hat mit Leistungssport nichts mehr zu tun.“ Der dritte große Rückschlag war das frühe Aus von Sarah Poewe. Sie hatte im April über 100 Meter Brust in 1:07,10 Minuten ebenfalls einen Europarekord erzielt – und scheiterte jetzt mit 1:08,69 ebenfalls im Vorlauf. Ihren Europarekord war sie auch noch los: Er wurde von der Russin Julia Efimowa (1:06,08 Minuten) und der Österreicherin Mirna Jukic (1:07,06) unterboten.

Noch mahnt Cheftrainer Madsen zur Geduld

Angesichts dieser Resultate wurde das Abschneiden der DSV-Freistilsprinterinnen, die vor zwei Jahren in Budapest noch mit Weltrekord Europameister geworden waren, fast schon zur Nebensache. Zumal es nicht nur damit zu tun hatte, dass Britta Steffen unter ihren Erwartungen blieb. Konnte die Frankfurterin Meike Freitag die anfängliche Führung der Deutschen noch halten, so musste Daniela Götz anschließend gleich vier Gegnerinnen vorbeiziehen lassen. In 55,34 Sekunden war sie mehr als eine Sekunde langsamer als ihre Teamkolleginnen und blieb knapp acht Zehntelsekunden über ihrer Zeit aus dem Vorlauf.

Da blieb Schlussschwimmerin Antje Buschschulte nicht viel mehr übrig, als wenigstens Platz fünf zu sichern. Es siegten die Weltrekordhalterinnen aus den Niederlanden in 3:33,76 Minuten vor den Amerikanerinnen (3:34,33), bei denen die 41 Jahre alte Dara Torres die Schlussstrecke schwamm, und Australien (3:35,08), dessen Freistilstar Lisbeth Trickett sich mit der schnellsten Zeit aller Teilnehmerinnen endgültig zur Favoritin für die 100-Meter-Einzelentscheidung aufschwang. Trickett schwamm 52,34 Sekunden, was selbst mit einem Zuschlag von fünf Zehntel wegen des fliegenden Wechsels noch eine klare Ansage bleibt.

„Wir haben das gezeigt, was wir können“, befand Örjan Madsen zur Leistung der Staffel. Meeuw, Rupprath und Poewe dagegen blieben weit unter ihrem Vermögen. Madsen weiß, der real existierende Rückstand auf die Weltspitze kann schnell zum Stimmungskiller werden für die kommenden Wettbewerbe. Vor vier Jahren in Athen war die 4×100-Meter-Freistilstaffel Vierte geworden, und die verpasste Medaille hatte dem ganzen DSV-Team schwer aufs Gemüt geschlagen. Nun stehen die Zeichen im DSV schon nach dem zweiten Tag der Schwimmwettbewerbe auf Sturm. Noch mahnt Madsen zur Geduld.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Jahrgang 1970, Sportredakteur.

Jüngste Beiträge