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FAZ.NET-Glosse „Unzensiert“ Einer von 1,3 Milliarden

14.08.2008 ·  „Aber wenn das nun alle machen würden...“ - dieser Satz aus der Kindheit ist unauslöschlich. Jede kleine Sünde potenziert sich vor der inneren Stimme ins Unermessliche, seit man als China-Besucher zu einem von 1,3 Milliarden Menschen geworden ist.

Von Evi Simeoni, Peking
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Am Mittwoch ist etwas sehr Merkwürdiges passiert. Beim olympischen Radrennen sah China plötzlich wirklich wie China aus. Da war die Mauer: grau, steil und zickzackförmig. In den Bergen standen quadratische Gebäude, mal aus Stein, mal aus Holz, mit Pagodendächern. Wachtürme vielleicht oder Tempelchen. Der Besucher war erleichtert: Endlich einmal sah er das China, das er kannte, bevor er zum ersten Mal hierherkam. An den Hausecken schaukelten sogar scharlachrote Seidenlampions mit gelben Fransen. Das ganze Bild wirkte wie eine lange vermisste Kindheitserinnerung.

Auch sonst wird man hier häufig an die Kindheit erinnert, allerdings weniger an lebende Bilder als an die mahnenden Sätze der Eltern, wenn man sich einst einmal eine Extrawurst herausnahm. Auf den Protest hin, dass ein einziger auf den Gehsteig gespuckter Kaugummi doch überhaupt nichts mache, erhielt man einst ganz zuverlässig die Antwort: Aber wenn das nun alle machen würden ...

Jede kleine Sünde potenziert sich

Und natürlich ist dieser Satz für immer hängen geblieben, unauslöschlich, und steigt besonders häufig an die Oberfläche, seit man als China-Besucher zu einem von 1,3 Milliarden Menschen geworden ist. Jede kleine Sünde potenziert sich nun vor der inneren Stimme ins Unermessliche. Kaum hat man die Wasserflasche gedankenlos in den falschen Abfalleimer geworfen, taucht als unhörbare Strafe die Vorstellung von 1,3 Milliarden Fehl-Entsorgungen auf.

Oder es bleibt ein bisschen Essen auf dem Teller zurück: Wenn das nun 1,3 Milliarden Menschen machen würden ... Tonnen und Abertonnen von Essen verschmäht. Am schlimmsten ist aber das Schild in dem offenbar extra für Olympia auf West-Standard gebrachten gekachelten Bereich: „Bitte sparen Sie Papier.“ Schon brechen sich grauenvolle Vorstellungen Bahn von Toilettenpapierbahnen, die ungefähr bis zum Mond und zurück reichen. Wenn nun täglich 1,3 Milliarden ...

„Heißes Essen heiß und kaltes Essen kalt“

Im Kellergeschoss des Hauptpressezentrums, wo nicht nur der olympische Hamburgerbrater herrscht, sondern auch chinesische Kost von chinesischen Angestellten angeboten wird, gibt es übrigens auch ein Schild. Darauf stehen mehrere Verhaltensregeln fürs Servierpersonal wie zum Beispiel: „Heißes Essen heiß und kaltes Essen kalt.“ Und dann noch ein wichtiger Unterpunkt: „Die Gäste grüßen und lächeln.“ Ein schönes Schild, das mit Akribie befolgt wird. Grüßen und lächeln. Ob das wohl 1,3 Milliarden tun? Wir stellen uns das jedenfalls gerne so vor und grüßen und lächeln zurück.

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Jahrgang 1958, Sportredakteurin.

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