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FAZ.NET-Glosse „Unzensiert“ Ein Panzer für die Pressefreiheit

12.08.2008 ·  Die Chinesen meinen es ernst mit der olympischen Pressefreiheit. Seit Montagnacht steht ein Panzer vor dem Internationalen Pressezentrum. Ein gewöhnungsbedürftiger Anblick, der böse Erinnerungen weckt.

Von Michael Reinsch, Peking
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Die Chinesen meinen es ernst mit der olympischen Pressefreiheit. Seit Montagnacht steht ein Panzer vor dem Internationalen Pressezentrum, bestimmt, um die Freiheit der Journalisten zu schützen, die darin arbeiten. Die jungen Soldaten und der stählerne Glutofen, aus dem sie so grimmig wie sie können herausschauen, passen gar nicht zu der Hochglanzfassade aus Weltklasse-Architektur, jugendlicher Dynamik und „One-World-One-Dream“-Rhetorik dieser Olympischen Spiele.

Das liegt natürlich auch daran, dass der hell lackierte Wagen mit der Maschinenkanone auf seinen sechs abgefahrenen Riesenreifen gebraucht ist. Vielleicht wäre man weniger unangenehm berührt, wenn das Kriegsgerät frisch lackiert und unbenutzt wäre.

Olympia - das Sportfest in der Blase

Für die Chinesen sind ihre Olympischen Spiele bisher ein großer Erfolg. Sie gewinnen im Moment mit Abstand die meisten Medaillen, und die Begeisterung von Publikum und Pekinger Stadtbevölkerung wirkt ungekünstelt und geradezu ansteckend. Trotz verbaler Ausfälle des Sprechers der russischen Mannschaft gegen den georgischen Präsidenten ist die kriegerische Strafaktion Russlands gegen die einstige Sowjetrepublik kaum mehr als ein Anlass für zwei Schützen aus den beiden Ländern, sich bei der Siegerehrung in den Armen zu liegen. Die Chinesen sind jedenfalls nicht schuld daran, dass die Ausstellung „Olympischer Frieden“ derzeit ein wenig unpassend wirkt.

Olympia, das Sportfest in der Blase, gibt sich unberührt von Schlechtigkeit und Unzulänglichkeiten der Welt. Und es bläst sich, zumindest in China, so groß auf, dass man es fast mit der Wirklichkeit verwechseln möchte. Dabei wird sich schon sehr bald zeigen, ob die Blumen, Büsche und Bäume, die sich entlang der Ausfallstraßen zu ganzen Wäldern verdichten, ob Neubauten wie das riesige Wassersportzentrum Shunyi Park im Nordosten der Stadt sich als Potemkin'sche Dörfer erweisen.

Der Panzer wirkt wie ein Stachel in der Blase Olympia

Wird der Staat ihnen nach den Spielen den Hahn zudrehen oder sie weiter mit immensen Wasserströmen aus vertrocknenden Regionen am Leben halten? Aber die Pressefreiheit. Ist es nicht ein Segen, dass manche Kollegen, seit sie ihr Laptop täglich im Reich der Mitte hochfahren, deutlich weniger von Spam-Mails belästigt werden?

Da wird man beim Anblick eines Panzerwagens doch nicht daran denken wollen, dass der freundliche Herr Hu, der am Freitag strahlend die Spiele eröffnete, die Ölversorgung seines Landes unter anderem mit der Lieferung solcher Fahrzeuge an den wegen Völkermordes angeklagten Despoten Omar al-Bashir in Sudan sichert.

Und schon gar nicht daran, dass im Peking von 1989 Panzer nicht nur die Demonstration auf dem Tiananmen-Platz, sondern auch die Demonstranten niederwalzten. Man darf gar nicht zu lange hinschauen zu dem Panzer. Er wirkt wie ein Stachel in der Blase Olympia.

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Jahrgang 1958, Korrespondent für Sport in Berlin.

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